Inklusion ist eine Illusion

Ich mag dieses Wort „Inklusion“ mittlerweile nicht mehr hören.
Es wird so viel darüber in den Medien geschrieben und gesprochen und auf Fachtagungen darüber diskutiert, aber umgesetzt wird von diesen Worten nichts.
Es bleiben Worte, die falsche Hoffnungen wecken und enttäuschen, weil die Realität 2012 für eine gelebte Inklusion keinen Platz hat.
Es fehlt an den Rahmenbedingungen, die zuerst geschaffen werden müssen, um den Weg zu bereiten für eine flächendeckende Umsetzung der Behindertenrechtskonvention.
Diese können jedoch erst geschaffen werden, wenn ein Umdenken in den Köpfen aller
Menschen stattgefunden hat. Und allein daran fehlt es. An der Bereitschaft aller, umzudenken weg von der Separation und Exklusion behinderter Menschen hin zur Inklusion.

Inklusion ist eine Illusion. Nicht mehr.
In der Realität werden behinderte Kinder bis heute Förderschulen zugewiesen – notfalls auch gegen den Willen der Eltern.
Viele Regelschulen sind mit der Beschulung behinderter Kinder überfordert und können die notwendigen Rahmenbedingungen hierfür nicht schaffen.
Leidtragende sind die Kinder, die zu „Versuchskaninchen der Inklusion“ werden und
irgendwann an dem Regelschulsystem scheitern mit der Konsequenz, dass sie am Ende wieder exkludiert und einer Förderschule zugewiesen werden.
Auch gegen den Willen der Erziehungsberechtigten, auf die unter Umständen erheblicher Druck ausgeübt wird mit dem Hinweis auf die bestehende Schulpflicht in Deutschland.
Von der Beschulungspflicht einer Regelschule hingegen wird dann nicht mehr gesprochen.

Was nutzt eine Behindertenrechtskonvention, wenn sie nicht umgesetzt wird?
Was nutzt einem behinderten Kind das Wort Inklusion, solange es nur auf dem Papier steht?
Was nutzt einem behinderten Kind das Recht auf den Besuch einer Regelschule, wenn keine Regelschule bereit ist, es aufzunehmen und sich dieser Aufgabe zu stellen?

Inklusion ist eine Illusion.
Zumindest heute im Jahr 2012.
Vielleicht wird sie bei der Beschulung unsere Enkelkinder endlich der Normalfall sein, weil bis dahin die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden konnten und die Inklusion in den Köpfen aller Menschen angekommen ist.
Ich schreibe bewusst „vielleicht“, weil mein Glaube daran im Augenblick auf Grund eigener, erlebter und noch erlebender Erfahrung verloren gegangen ist.
Die Fakten sprechen gegen eine schulische Inklusion.
Es fehlen Fachkräfte und eine entsprechende Anpassung der Lehrerausbildung und
Lehrerfortbildung. Die wenigsten Schulen sind zum heutigen Zeitpunkt barrierefrei, so dass die Regelbeschulung eines behinderten Kindes oft schon daran scheitert, selbst wenn der Wille zur Aufnahme in der Regelschule vorhanden ist.

Wenn Inklusion scheitert, sind es immer die Kinder und deren Eltern, die die die oft schwer wiegenden Folgen zu tragen haben.
Nicht die Menschen, welche die Rahmenbedingungen nicht schaffen konnten oder wollten.
Schließlich seien es doch die Eltern, die auf den Rechtsanspruch für den Besuch einer
Regelschule ihres behinderten Kindes pochen.
Demnach sind auch sie verantwortlich für die mögliche Folgen einer gescheiterten, schulischen Inklusion, auf die ihre Kinder ab dem Schuljahr 2013/2014 einen einklagbaren Rechtsanspruch haben sollen.
Das hört sich fast schon so an, als sei ich eine Rabenmutter, wenn ich mein behindertes Kind auf eine Regelschule schicken möchte und bereit bin, dafür zu kämpfen, damit es die gleichen Chancen hat wie jedes andere Kind auch.

Ich mag das Wort Inklusion nicht mehr hören, weil es missbraucht wird und die wenigsten Menschen wissen, was Inklusion wirklich bedeutet.
Als Autistin spüre ich fast täglich, dass ich nur dann Teil dieser Gesellschaft sein kann, wenn ich mich anpasse. Ich werde nicht angenommen, wie ich bin, sondern muss mich so verhalten, dass ich einer Norm entspreche, die es der Gesellschaft möglich macht, mich teilhaben zu lassen und nicht auszuschließen.

Fachtagung – Schule auf dem Weg zur Inklusion

Am 28. März 2012 findet von 9.00 bis 17.00 Uhr an der Uni Siegen eine Fachtagung zum Thema  „Schule auf dem Weg zur Inklusion“ statt.

Unter anderem wird Frau Bea Küpperfahrenberg, die Landeskoordinatorin NRW für die Fachberatung Autismus einen Vortrag halten zum aktuellen Stand und den Entwicklungen des Schulbesuchs von Schülern und Schülerinnen mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Der Tagungsbeitrag beträgt 30 Euro, für AutistInnen und StudentInnen 15 Euro.
Anmeldeschluss ist der 12. Februar 2012. Eine Anmeldung ist schriftlich über das Anmeldeformular oder online möglich. Auf dem Anmeldeformular befindet sich auch das Tagungsprogramm inklusive der Workshops, die nach der Mittagspause stattfinden.

Zum Thema Autismus und Inklusion habe ich auf Grund der Aktualität des Themas einen Beitrag aus meiner persönlichen Sicht als Autistin geschrieben, der unter folgendem Link nachgelesen werden kann:

Inklusion und Autismus – wie geht das?  

Zitat:

„Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente  Überforderung mit sich bringt. Solange die Gesellschaft erwartet, dass sich AutistInnen durch Anpassung und Kompensierung so verhalten wie nichtautistische Menschen, kann Inklusion nicht gelingen. „

Schulpflicht? Erst mal nicht …

 

  • … weil die UN-Konvention und das Recht behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule zwar auf dem Papier steht, aber in vielen Fällen in der Praxis noch nicht umgesetzt wird.
  • … weil mein Sohn ein Recht auf Chancengleichheit bekommen soll. 
  • … weil ich mich nicht damit abfinden will, dass mein Sohn mangels adäquater und seinen Begabungen entsprechenden Alternativen zu der letzten Schule auf eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung geschickt werden sollte.
  • … weil ich möchte, dass mein Sohn in die Gesellschaft integriert wird und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann und dazu auch ein Gemeinsamer Unterricht gehört (denn wo sonst sollte er den Umgang mit Gleichaltrigen lernen können)
  • … weil es im Gegenzug keine Beschulungspflicht zu geben scheint.

Glücklicherweise haben uns in den letzten fünf Monaten zahlreiche Menschen zur Seite gestanden und ihre Unterstützung verbindlich zugesagt, so dass wir in dieser schwierigen Situation nicht alleine waren, auch, wenn wir von offiziellen Stellen alleine gelassen wurden bei der Suche nach einer geeigneten Schule.

Zuletzt hat uns die Lokalpresse auf unserem Weg geholfen und einen Beitrag veröffentlicht, der heute, am 17.04.2010 im Kölner Stadtanzeiger erschienen ist.

Schulpflicht? Erstmal nicht für Amir

Dass es auch anders geht, hat er mittlerweile an einem Gymnasium in Leverkusen erlebt, wo er ein paar Tage hospitieren durfte. Die Schule weiß, wie man mit autistischen Kindern umgeht. Vom „Landrat-Lucas-Gymnasium“ sei er „total glücklich“ nach Hause gekommen, sagt seine Mutter. Nun warten die beiden auf ein positives Signal der Schule. Als zweite Hürde müsste dann die Bewilligung eines Schulbegleiters durch das städtische Jugendamt genommen werden.

Das positive Signal der Schule haben wir mittlerweile.
Jetzt fehlt nur noch die Bewilligung des Antrags auf eine Schulbegleitung durch das Jugendamt. Ein entsprechendes Antragsschreiben liegt der Behörde seit dem 29. März 2010 vor.

Ab Donnerstag wird mein Sohn nach fünfmonatiger Zwangspause wieder Schulkind sein. Ich hoffe, dass ihm nicht ein nächster Stein seitens der Behörden in den Weg gelegt werden wird.

Zwei weitere Beiträge zu dem Thema gibt es bei ShortNews unter dem Titel:

Köln: Muss autistischer Schüler trotz Hochbegabung auf eine Sonderschule?

und hier:

Inklusion, Integration, individuelle Förderung

 

AKTUELL !!!

Heute, am 23.04.2010 erhielt ich ein Schreiben der Bezirksregierung Köln mit dem Hinweis auf die bestehende Schulpflicht und der Androhung von Zwangsmitteln. 

Merkwürdig, hieß es in dem Artikel im Kölner Stadtanzeiger noch:

Die Rechtslage ist eindeutig: Amir ist schulpflichtig. Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, drohen Sanktionen. Auf die will die zuständige Bezirksregierung in diesem Fall vorerst verzichten, denn trotz eindeutiger Rechtslage ist die Sache kompliziert.

Quelle: Schulpflicht besteht

Glücklicherweise besucht mein Sohn seit gestern die 6. Klasse eines Gymnasiums, so dass der Tatbestand einer Schulpflichtverletzung nicht mehr gegeben ist.

Eine Schule für alle – Vom Recht auf Inklusion

Am Sonntag, den 14. März 2010
findet im Rahmen des Kongresses „Eine Schule für alle“
des mittendrin e.V. 
an der Universität in Köln ein öffentlicher Tag  
mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm
zur Umsetzung der UN-Konvention
und dem Recht behinderter Kinder auf eine Regelbeschulung statt.

Ein wichtiger Programmpunkt wird eine Podiumsdiskussion um 15 Uhr sein:

Der Weg Nordrhein-Westfalens zu einem inklusiven Bildungssystem
Podiumsdiskussion mit Jürgen Hollstein (CDU), Ute Schäfer (SPD), Sigrid Beer (Grüne), Yvonne Gebauer (FDP), Bärbel Beuermann (Linke), Dr. Valentin Aichele, Deutsches Institut für Menschenrechte, Bernd Kochanek, Vorsitzender der LAG Gemeinsam leben – gemeinsam lernen NRW
Moderation: Christian Füller, taz, Hauptgebäude Aula

Weitere Informationen sowie das komplette Programm entnehmen Sie bitte der Webseite des mittendrin e.V. – Eine Schule für alle

Das Programm kann auch als PDF-Datei  heruntergeladen werden.

Während der Vorträge steht von 10.00 bis 17.00 Uhr eine kostelose Kinderbetreuung zur Verfügung.
Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.
Außerdem gibt es eine kostenlose Rechtsberatung für alle Eltern, die eine integrative Beschulung für ihr Kind anstreben.

Pflicht zur Integration

Ein interessanter Bericht der Lokalzeit Südwestfalen zur Integration behinderter Kinder an Regelschulen.
Anhand eines Beispieles wird gezeigt, dass Integration bzw. Inklusion möglich sein kann und LehrerInnen das durchaus als Bereicherung ihrer Arbeit sehen und nicht nur als Belastung.

An der Schule meines Sohnes habe ich gerade selber die Erfahrung gemacht, dass vieles möglich wird, wenn sich ein Lehrer für ein „besonderes“ Kind einsetzt.
Die Kinder blühen regelrecht auf, wie es auch das Beispiel in dem Film zeigt.
Ein Weg, der sich lohnt.

Weit weg von einer inklusiven Bildung

Zitat aus einem Artikel  vom 19.01.2009 bei bildungsclick.de:

Das Konzept der Integration habe nicht verhindert, dass die meisten dieser Kinder gezwungen seien, Sonderschulen zu besuchen – auch gegen den Willen ihrer Eltern.

Auch die Welt am Sonntag beschreibt in ihrem Artikel Keine Bildung für Behinderte?  vom 18.01.2009 die Missstände der Integration behinderter Kinder im deutschen Bildungssystem.

Es scheint, als würden in keinem anderen Land der Welt behinderte Kinder so schnell und sorgfältig ausgesondert, wie bei uns – sogar gegen den Willen ihrer Eltern, die oft verzweifelt für das Recht ihrer Kinder auf eine angemessene Schulbildung kämpfen.

Es wird höchste Zeit, dass sich etwas in den Köpfen der Verantwortlichen ändert, damit solche Sätze blad der Vergangeheit angehören können:

Rund 15 000 behinderte Schüler in NRW gelten als stark unterfordert. Ihre Leistungsfähigkeit verkümmert, weil sie von Nichtbehinderten getrennt in Sonderschulen unterrichtet werden.