Cogito ergo sum

Auch in der Nacht
wandeln Worte
unaufhaltsam
durch die Stille
wiegen sie schwerer
als dort
wo der laute Tag
ihren Klang dämpft

Manche Stunde
wünschte ich mir
sie seien fern
für einen Moment nur
gedankenlos
ohne Buchstaben
und Zahlen
um die sich alles dreht

Doch wo bliebe
meine Welt
während die Zeit
weiter und weiter
davonläuft
und das Leben
ununterbrochen
neue Fragen stellt

 

Copyright 2009 by Sabine Kiefner

Anderssein Teil 3

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 3

Nach der Schule begann ein neuer Lebensabschnitt.
Ich hatte mich entschlossen zu studieren. In meiner Vorstellung würde ein Studium ähnlich verlaufen wie der Schulalltag und somit die wenigsten Veränderungen mit sich bringen. Doch mit dem unübersichtlichen Universitätsgelände, den ständig wechselnden Räumlichkeiten und den vielen fremden Menschen um mich herum war ich überfordert. Ein Tag an der Universität war keinesfalls so überschaubar und durchstrukturiert, wie ich es von der Schule her gewohnt war.
Immer häufiger stellte ich mir die Frage, wie es den anderen Studenten und Studentinnen gelang, sich tagtäglich in diesem Chaos zurecht zu finden.
Erst viel später wurde mir klar, dass sie meine Eindrücke und Ängste vermutlich nicht teilten und sich keine Gedanken über die Dinge machten, die mich belasteten.

Am Ende des ersten Semesters stand für mich fest, dass ich das Studium abbrechen und mich für eine Berufsausbildung entscheiden musste, auch, wenn das eine erneute Veränderung in meinem Leben bedeutete. Aber der bevorstehende Eintritt ins Berufsleben machte mir Angst, da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Zu meiner Erleichterung waren die Ausbildungsplätze für das laufende Jahr schon vergeben.
So verbrachte ich ein ganzes Jahr bis zum Beginn meiner Ausbildung zur Verlagskauffrau zuhause in der sicheren Überschaubarkeit meines Elternhauses.
Ich brauchte diese Zeit gleichförmiger Tage, um neue Kraft zu schöpfen und zog mich in mich zurück.
Aber es gab auch Menschen in meinem Umfeld, die behaupteten, ich sei faul und solle arbeiten gehen, anstatt ein Jahr lang auf Kosten meiner Eltern in den Tag hinein zu leben.
Ich lebte nicht in den Tag hinein, sondern versuchte, einen Platz zu finden in einer Welt, die mir in vielen Teilen fremd und beängstigend war.
Oder war nur ich in dieser Welt die Fremde, die – so weit sie sich zurückerinnern konnte – immer anders gewesen war und es vermutlich immer bleiben würde?

Je mehr mir mein Anderssein bewusst wurde, desto intensiver versuchte ich mich anzupassen, normal zu sein, was immer auch das bedeutete.
Über einen gewissen Zeitraum gelang mir das auch sehr gut.
Der Anpassungsmechanismus funktionierte nahezu perfekt. Niemand wusste, wer ich wirklich war – nicht einmal ich selber.

Ich fühlte mich einsam. Nicht, weil ich einen großen Teil des Tages alleine verbrachte oder über keinen großen Freundeskreis verfügte. Ich hatte sogar eine erste Partnerschaft, auch, wenn es nur eine Wochenendbeziehung war. Vielmehr war es dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. immer die Außenstehende in einer Gruppe zu sein. Mit den oft belanglosen Gesprächen, dem Smalltalk, war ich überfordert. Hinzu kam, dass ich dem Gesprächsverlauf nicht folgen konnte, wenn mehrere Menschen gleichzeitig redeten. Dann nahm ich nur noch ein lautes Gemurmel wahr, das mir so anstrengend und unerträglich war, dass ich mich in mich und meine Welt zurückzog und nichts mehr von der Unterhaltung mitbekam.

Selbst in der Partnerschaft war ich einsam.
Das „Wir“, von dem die anderen im Zusammenhang mit ihrem Partner sprachen, empfand ich genauso wenig wie das Gefühl, diesem Menschen besonders nahe zu sein.
Trotzdem hielt ich daran fest, weil ich so sein wollte, wie die anderen. Und dazu gehörte eben eine Beziehung, auch, wenn ich nicht wusste, wie eine solche funktionierte und welche Rolle ich darin spielte.
Doch irgendwann wurde mir das Zusammensein – obwohl es nur am Wochenende stattfand – zu viel. Ich zog mich in mich zurück und ertrug die wenigen gemeinsamen Stunden, ohne dass sie mich berührten. Was ich empfand, war eine große Leere, die mich wie eine Hülle umgab.
Würde das in Zukunft die Form meiner Existenz sein?

Was ich nicht schaffte, vollzog mein damaliger Freund – er trennte sich von mir.
Ich nahm seine Worte einfach hin, ohne etwas zu erwidern.
Erst später, als er fort war, weinte ich, aber nicht aus Liebeskummer, sondern weil ich das Gefühl hatte, wieder einmal versagt zu haben.
Weder war ich fähig eine Beziehung zu führen, noch, sie zum richtigen Zeitpunkt zu beenden. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht trauern konnte um eine beendete Partnerschaft. Ich fühlte einfach nichts. Wie sollte ich auch eine Nähe vermissen, die nie vorhanden gewesen war?

Schau mich an

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Blickkontakt

Schau mich an, wenn ich mit dir rede

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz früher zu hören bekommen habe.
Es sei unhöflich und ein Zeichen schlechter Erziehung, jemanden während eines Gesprächs nicht anzuschauen.
Aber mir fiel es schon als Kind schwer, Blickkontakt über längere Zeit zu halten.
Das tat mir sogar in den Augen weh. Auch heute noch. Dann muss ich weg schauen, weil ich diese Situation einfach nicht länger ertragen kann.
Blicke sind unangenehm, weil ich oft auch nicht viel damit anzufangen weiß, außer dass sie mich verwirren und verunsichern.
Da es aber zur Höflichkeit gehört und mir immer wieder gesagt wurde, habe ich im Laufe der Zeit gelernt, meinen Blick auf einen Punkt nahe der Augen meines Gegenübers zu fixieren (zum Beispiel die Stirn) oder durch einen Menschen hindurch zu schauen.
Erleichtert hat mir dieses Verhalten eine kleine Fehlstellung des linken Auges.
Die meisten Menschen glauben, es läge an dieser Fehlstellung, dass ich Probleme habe, ihnen während eines Gesprächs in die Augen zu schauen. Ich habe sie in dem Glauben gelassen, weil es mir in der Vergangenheit geholfen hat, mich nicht rechtfertigen oder erklären zu müssen.
Was hätte ich denn auch sagen sollen, zumal ich den eigentlichen Grund gar nicht wusste, in solchen Momenten nur spürte, dass ich anders war als die anderen, denen es offensichtlich keine Schwierigkeiten bereitete, Blickkontakt herzustellen und zu halten.
„Es liegt an deinem Blick, der tut mir in den Augen weh.“
Das hätte sicher niemand verstanden oder man hätte mich wieder gefragt, ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe (die habe ich übrigens als Kind wirklich im Wohnzimmerschrank gezählt, als ich diesen Satz zum ersten Mal zu hören bekam).

Je näher mir ein Mensch gegenübersteht -oder sitzt, desto schwieriger fällt es mir, Blickkontakt herzustellen (selbst, wenn es nur für einen Moment ist) oder auf meine Alternativen zurückzugreifen. Meist schaue ich dann auf den Boden oder – wenn ich jemand am Tisch gegenüber sitze – auf einen Gegenstand oder einen imaginären Punkt auf dem Tisch.
In solchen Situationen bin ich sehr unruhig und muss mich mit meinen Händen beschäftigen.
„Bleib mit den Händen aus dem Gesicht.“ – „Lass doch deine Haare in Ruhe.“ – „Hör die ständige Herumfuchtelei auf.“
Aber das ist die einzige Möglichkeit, mich auf das Gespräch konzentrieren zu können und nicht nur darauf, dem direkten Blickkontakt auszuweichen.
Auch, wenn es durch die „Spielerei“ mit den Händen so aussehen mag, als würde ich nicht zuhören oder gelangweilt sein von dem Gespräch. Das Gegenteil ist der Fall.
Bei Menschen, die mir sehr vertraut sind, fällt es mir leichter, sie während eines Gesprächs anzuschauen. Die Augen sind mir dann nicht mehr fremd und verwirren mich nicht.
Muss ich mich allerdings zu sehr auf das Gespräch konzentrieren, weil die Umgebung laut ist (auf der Strasse oder in einem Restaurant), dann suche ich mir lieber einen fixen Punkt, auf den ich meinen Blick richten kann.
Was ich gar nicht mag, sind Menschen, die mich anstarren oder ständig beobachten.
Diesen gehe ich am liebsten aus dem Weg.

Im Sommer trage ich immer eine Sonnenbrille, sobald ich mich draußen aufhalte.
In erster Linie brauche ich sie wegen meiner extremen Lichtempfindlichkeit.
Aber sie schafft mir noch einen weiteren Vorteil. Mit Sonnenbrille fällt es mir leichter, Menschen während des Gesprächs anzusehen, weil sie dann nicht feststellen können, wohin ich schaue. Mir hat einmal jemand gesagt, er fände es verwirrend, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der eine Sonnenbrille trägt, weil dadurch der direkte Blickkontakt schwierig wäre.
Mir macht das nichts aus, ganz im Gegenteil. Die Sonnenbrille ist für mich wie ein Schutzschild vor Blicken, die ich nicht oder nur sehr schwer interpretieren kann.

Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich nie verstanden habe, warum Menschen sagen, sie könnten einem anderen Menschen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wo stehen denn die Wünsche der Menschen in den Augen geschrieben? Das habe ich mich so oft gefragt. Ich konnte da nie etwas lesen. Das war und ist mir ein Rätsel. Es ist doch viel einfacher, Wünsche verbal zu äußern. Dann weiß jeder, was gemeint ist und es gibt keine Missverständnisse – solange die Worte klar und deutlich gewählt sind und nicht weitere Rätsel beinhalten.

Anmerkung zum Schluss:

Ich weiß bis heute nicht, welche Farbe die Augen einer Freundin haben, die mir wirklich sehr viel bedeutet. Mir sind ihre Worte wichtiger, das, was sie mir sagt und schreibt.

Umgang mit Kritik

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Kritisiert werden

Ich mag es nicht, kritisiert zu werden. Kritik macht mir Angst, weil ich mich und meine Person dadurch verletzt bzw. bedroht fühle.
Dementsprechend reagiere ich auf Kritik oft barsch und ungehalten oder zeihe mich – zum Beispiel im Berufsleben – schweigend zurück, weil mir die Worte fehlen, angemessen zu reagieren.
Wenn Kritik mit lauter Stimme vorgetragen wird, ist sie für mich besonders schlimm.
Dann tut sie körperlich weh und ich halte mir am liebsten die Ohren zu, um den Schmerz nicht ertragen zu müssen.
Das geschieht oft in den Situationen, wo einer kritisierenden Äußerung durch meine Reaktion eine verbale Auseinandersetzung folgt, die ich gerade vermeiden möchte, weil ich ihr nicht gewachsen bin.
Hinzu kommt, dass Menschen, wenn sie mich kritisieren, es als unhöflich empfinden, dass ich ihnen im Gespräch nicht in die Augen schauen kann.
Als Kind habe ich dann immer zu hören bekommen: „Schau mich (gefälligst) an, wenn ich mit dir rede.“
Solche und ähnliche Worte haben mich natürlich noch mehr verunsichert und mich gleichzeitig in meinem Gefühl bestärkt, dass sich die Kritik gegen meine Person richtet.

Infolgedessen versuche ich Menschen, die mich kritisiert haben, in der Regel erst einmal zu meiden. Es ist auch möglich, dass ich den Kontakt zu ihnen ganz abbreche oder mich zumindest der Situation, in der ich kritisiert wurde, vorläufig nicht mehr aussetze (was leider nicht immer möglich ist).

Fast unerträglich ist es für mich, von Menschen kritisiert zu werden, die mir nahe stehen.
Dann habe ich Angst, dass sie mich nicht mehr mögen und ich sie verlieren werde.
Meine Reaktion ist in diesen Fällen besonders heftig. Oft beginne ich zu weinen und kann mich nur schwer wieder beruhigen oder ich sage etwas, was den anderen verletzt, was im Anschluss daran die Angst, diesen Menschen zu verlieren, noch verstärkt.
Es entsteht eine große Unsicherheit. Ich bin verzweifelt und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Viele Menschen verstehen nicht, warum ich so heftig auf Kritik reagiere und nennen mein Verhalten kindisch. Ich sei viel zu schnell und vor allen Dingen grundlos beleidigt und solle lernen, mich zu beherrschen.
Aber selbst, wenn es mir gelingen würde, mich zu beherrschen (was ja schon der Fall ist, wenn ich mich in einer solchen Situation zurückhalte und schweige), so blieben meine Gedanken, meine Gefühle und vor allen Dingen die Verlustangst die gleichen und würden weiterhin dazu führen, dass ich mich zurückziehe.

Zeit und Struktur

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema – Zeit, Terminplanung und Struktur

Zeit ist etwas, das sehr gut durchstrukturiert werden muss, damit der Alltag funktionieren kann. Nur Struktur gibt Sicherheit. Sicherheit schafft ein gutes und warmes Gefühl und ist lebensnotwendig.
Um Zeit strukturieren zu können, ist es wichtig, sämtliche Termine im Kopf auf der Festplatte abzuspeichern.
Je mehr täglich wiederkehrende Termine es gibt, desto einfacher lässt sich ein Tag strukturieren. Dadurch entsteht ein harmonisches Muster.

Aber es gibt natürlich auch Termine, die nicht täglich oder im gleichen Rhythmus wiederkehren. Manche sind sogar einmalig. Diese Termine stören das harmonische Muster. Also ist es notwendig, dass sie rechtzeitig auf der Festplatte abgespeichert werden können, um ein neues, durchstrukturiertes Muster entstehen zu lassen.

Menschen neigen aber dazu, unpräzise Angaben über Termine zu machen.
Zum Beispiel – Wir sehen uns nächste Woche.
Solche Aussagen sind grundsätzlich sehr problematisch und für mich kaum zu bewältigen.
Die nächste Woche hat nämlich 7 Tage.
Jeder einzelne Tag davon 24 Stunden
und jede einzelne Stunde wiederum 60 Minuten.
Einer solcher Aussage kann also kein verbindlicher Termin zugeordnet werden.
Demzufolge kann sie auf der Festplatte nicht abgespeichert werden und bleibt als ungewisse Größe im Raum stehen. Das ruft eine große Unsicherheit hervor.
Es ist so, als ob man ein neues Programm auf dem Computer installieren möchte und nicht weiß, wo man es abspeichern kann. Die Installation kann somit nicht erfolgreich durchgeführt werden und man kann mit dem Programm nicht arbeiten, obwohl man es vielleicht dringend braucht.

Genauso undurchsichtig und unpräzise sind Aussagen wie – Ich rufe dich morgen an.
Wenn ich nicht weiß, wann ich angerufen werde, kann ich mich nicht darauf einrichten und den Termin auf meiner Festplatte abspeichern.
Das harmonische Tagesmuster wird gestört.
Bei jedem Termin des Tages muss ich mich nun fragen, ob ich ihn wahrnehmen kann oder ob dann wohl möglich der angekündigte Anruf kommt. So gerät die ganze Struktur des Tages durcheinander. Das schafft eine große Unsicherheit, kann sogar im Extremfall ein regelrechtes Chaos auslösen.

Ähnlich ist es bei verschobenen oder ausgefallenen Terminen.
Schwierig in den strukturierten Alltag einzubinden bzw. herauszunehmen sind sie immer, auch, wenn sie rechtzeitig bekanntgegeben werden.
Aber je früher ich darum weiß, desto besser lässt sich die Festplatte neu formatieren, um das harmonische Muster schnellstmöglich wieder herstellen zu können.
Ein kurzfristig abgesagter oder verschobener Termin kann – je nachdem – auch einmal eine Katastrophe auslösen. Dann gibt es auf der Festplatte einen Crash.
Das harmonische Muster kann für den Rest des Tages nicht wiederhergestellt werden.
Der Tag endet in einem emotionalen Chaos, ausgelöst durch den Verlust von Sicherheit.

Je mehr ich mich auf den Termin gefreut habe, bzw. je wichtiger er für mich war, desto schlimmer können die möglichen Auswirkungen sein.
Das ist, als hätte man sich einen Virus auf dem Computer eingefangen, der alle Programme zerstört und ein Datenchaos auf der Festplatte anrichtet.
Sätze wie „Davon geht aber doch die Welt nicht unter“ helfen mir nicht weiter.
Meine Welt ist in dem Moment nämlich durch die Zerstörung des harmonischen Musters bereits zusammengebrochen.