Schlechte Wortwahl – Autismus in den Schlagzeilen

In den letzten Wochen häufen sich in den Medien zahlreiche Berichte über das Asperger-Syndrom.
Auf den ersten Blick erscheint dies als positive Entwicklung im Hinblick darauf, die Gesellschaft über das Thema Autismus zu informieren, um Berührungsängste abzubauen und ein größeres Verständnis schaffen zu können.

Leider steigt aber damit auch die Zahl der unglücklich gewählten Schlagzeilen, welche möglicherweise genau das Gegenteil bewirken und ein falsches Bild über das Asperger-Syndrom und die davon betroffenen Menschen entstehen lassen.

Da heißt es unter anderem:

Behinderter Schüler als Gefahr? – Neue Westfälische 29.09.2010
Autismus: Nicht schlecht erzogen, sondern gestört – Fuldaer Zeitung 30.09.2010
Schulstreit um aggressiven Behinderten – Neue Westfälische 09.10.2010
Geheimnisvolle Psycho-Krankheit Autismus – Gefangen im Ich  Bild 09.10.2010

In vielen Beiträgen ist auch immer wieder von der Krankheit Autismus die Rede, an der die Betroffenen leiden, ebenso wie die Worte „behindert„, „gestört“ und „aggressiv“ sehr häufig im Vordergrund stehen.

Diese Wortwahl führt sicher nicht zu einem besseren Verständnis und mehr Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft, sondern schafft höchstens neue Vorurteile. Deutlich wird das auch immer wieder in zahlreichen Leser-Kommentaren. 

Fazit:

In der Berichterstattung über Autismus fehlt es allzu oft an einer sachlich-fundierten Recherche, aber auch am Einfühlungsvermögen der Verantwortlichen.

Defizite versus Fähigkeiten – Problematik einer defizitorientierten Sichtweise

Stolz bin ich auf meinen Sohn , wenn ich sehe, was er in den letzten beiden Jahren alles geschafft hat – und das alles ohne die Therapie, auf deren Beginn ich jetzt seit fast zwei Jahren warte.
So hat er gelernt, Dinge zu benennen, die ihn stören, statt wie früher scheinbar grundlos einfach laut los zu schreien oder mit Wutausbrüchen zu reagieren.
Immer häufiger gelingt es ihm, sich über einen absehbaren Zeitraum alleine zu beschäftigen und Rücksicht zu nehmen, in dem er sich zum Beispiel ganz leise verhält, wenn sein Opa einen Mittagsschlaf macht.
Er kann mittlerweile alleine einkaufen gehen und schafft es, sich am Wochenende sein Frühstück selber zu machen, wenn ich noch schlafe.
Das alles sind Dinge, die über einen langen Zeitraum nicht selbstverständlich waren.
Er wird selbständig. Langsamer als seine Altersgenossen, aber die Fortschritte sind erkennbar.
Zumindest für mich.

Der Blick seines sozialen Umfeldes ist eher defizitorientiert.
„Du kannst noch nicht Schwimmen und Radfahren? Das gibt es doch nicht, dass ein Junge in deinem Alter das noch nicht kann!“
Doch, das gibt es und ich finde es nicht schlimm. Ein Mensch muss diese Dinge nicht können müssen. Trotzdem muss ich mir immer wieder anhören, dass es nicht normal ist, dass er immer noch nicht schwimmen und Rad fahren kann. Und es klingt jedes Mal wie ein Vorwurf.

Auch in der Schule wird er nach seinen Defiziten beurteilt, nicht nach seinen Leistungen.
Er wird auf seine Verhaltensauffälligkeiten reduziert. Von seinen kognitiven Fähigkeiten spricht niemand. Die Auflistung der Defizite dagegen ist lang und soll mir schließlich verdeutlichen, dass er sonderpädagogischen Förderbedarf hat und nicht auf eine Regelschule gehört.
Da scheint es keine Rolle zu spielen, dass laut UN-Konvention jedes Kind ein Recht darauf hat, eine Regelschule zu besuchen – auch ein autistisches Kind.

Es ist einfacher, behinderte Kinder ihren Defiziten gemäß einer Förderschule zu zu weisen, wo sie dann unter ihresgleichen unterrichtet werden können. Für Kinder mit Asperger-Syndrom ist das neben einer Förderschule für motorische Entwicklung häufig eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung, da es einen Förderschwerpunkt Autismus nicht gibt. Dass mein Sohn auf einer solchen Schule kognitiv unterfordert wäre, scheint aus der Sicht von Pädagogen nur zweitrangig, obwohl viele seiner Auffälligkeiten in der Schule aus einer permanenten Unterforderung resultieren.
An seinen Defiziten soll gearbeitet werden, nicht an seinen Stärken, damit er sich entwickeln kann. Dabei lernt er gerne und mit Erfolg, wenn er gefordert wird.
Dann kann er sich über einen langen Zeitraum konzentrieren und ruhig sitzen bleiben.
Auffällig wird er nur, wenn er sich im Unterricht langweilt oder seine Mitschüler ihn hänseln, weil er anders ist.

Aber es scheint in einer leistungsorientierten Gesellschaft zu schwierig, das schulische Umfeld eines autistischen Kindes im Regelschulsystem so zu gestalten, dass es lernen und sein Wissen zeigen und anwenden kann.
Hier liegen meiner Meinung nach die viel größeren Defizite vor.

Anläßlich des Welt-Autismus-Tages fand am 20. Marz 2010 zu dem Thema „Autismus und Schule“ eine Podiumsdiskussion auf der Informationsveranstaltung in Bonn statt.
Im Verlaufe dieser Diskussion wurden viele Probleme hinsichtlich der Beschulung autistischer Kinder sowie einige Projekte (z.B. eine separate Klasse für autistische Schülerinnen und Schüler in der Heinrich-Böll-Schule in Frechen) angesprochen.

Weitere Informationen zum Ergebnis der Podiumsdiskussion befinden sich auf der Homepage des Vereins
„Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V.“
unter der Rubrik  Schwerpunkt Schule.

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Passend zur Problematik der Integration autistischer Kinder in der Schule  ist auch dieser Artikel der Süddeutsche vom 29.03.2010:

Ich wurde vom Monster zum Menschen

Kontextblindheit bei Handlungsabläufen

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Kontextblindheit und deren Auswirkung auf das Verstehen von Handlungsabläufen 

Das Handeln meiner Mitmenschen nehme ich in seiner Komplexität nur begrenzt wahr. Oftmals erschließt sich mir der kausale Zusammenhang zwischen Grund, Ausführung und Ziel einer Handlung nicht.
Dies führt nicht nur zu Missverständnissen, sondern auch dazu, dass ich nicht weiß, ob ich in einen Handlungsablauf integriert bin und wenn ja, welche Position ich darin einnehme.
Hierzu benötige ich eine exakte Anweisung, die mir hilft, meine Rolle zu übernehmen und die mir zugedachten Aufgaben ausführen zu können. Mir fehlt die Fähigkeit, diese aus dem Handlungskontext heraus zu lesen und auf mich zu übertragen.

Immer wieder musste ich mir auf Grund dessen in der Vergangenheit den Vorwurf anhören, ich sei doch sehr intelligent und müsse wissen, was von mir erwartet wird. Aber leider weiß ich genau das nicht, weil ich mich in die Gedanken Anderer nicht hineinversetzen kann.
Ich kenne weder ihre Erwartungshaltung noch ihre Zielvorstellung (es sei denn, sie hätten mir diese im Vorfeld genau erläutert). In Bezug auf mögliche Handlungsstrategien kann ich nur auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen, die aber nicht mit denen meiner Mitmenschen konform gehen müssen. Erkenne ich nicht, dass eine aktive Teilnahme von mir erwartet wird, dann werde ich so lange nicht handeln, bis man mich dazu auffordert.

Hinter dem passiven Verhalten steckt allerdings weder Faulheit noch Ignoranz, welche mir schon unterstellt worden sind, sondern eine tiefe Verunsicherung. Diese tritt vor allen Dingen dann auf, wenn Vereinbarungen getroffen und nicht gehalten worden sind und ich die Gründe hierfür weder einschätzen noch nachvollziehen kann.
Woraus resultiert eine mögliche Diskrepanz zwischen Theorie (Ankündigung, Vereinbarung, Versprechen) und Praxis (Durchführung der Handlung)?
Wie kann ich eine Situation in ihrer Komplexität erfassen, wenn mir wichtige Informationen fehlen, um die vielen Details zu einem Ganzen zusammen zu fügen?
Wie soll ich angemessen auf etwas reagieren, das ich nicht begreife?

Ich bräuchte einen Dolmetscher, der mir die möglichen Ursachen einer Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis erläutert, die maßgeblich dazu geführt haben, dass Vereinbarungen nicht eingehalten wurden. Denn diese Ursachen sind mir fremd und unverständlich und führen dazu, dass ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Als Fazit hieraus ziehe ich mich zurück, was keinesfalls ein Desinteresse von meiner Seite bedeutet, sondern lediglich Zeichen der Unsicherheit ist, Handlungsabläufe in ihrem Kontext interpretieren zu können.
Denn es ist nicht die Handlung, die mir unverständlich ist, weil ich diese selbstverständlich als solche wahrnehme, sondern es ist der Kontext der Handlung, der mir unbegreiflich ist.
Diese Kontextblindheit führt dazu, dass ich Situationen, Handlungsabläufe aber auch das Verhalten meiner Mitmenschen nicht richtig einordnen kann und dadurch immer wieder Missverständnisse auf beiden Seiten im Umgang miteinander entstehen. So lässt sich auch meine Schwierigkeit erklären, soziale Kontakte herzustellen und zu halten.

Warum Kleinigkeiten nicht unbedingt klein sind

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Schwierigkeit,  Kleinigkeiten zu bewältigen  

„Du regst dich aber auch über jede Kleinigkeit auf!“
Das ist ein Satz, den ich in meinem Leben schon sehr häufig gehört habe und sicher auch in Zukunft immer wieder hören werde.
Möglicherweise sind es – je nach Sichtweise – für andere Menschen wirklich nur Kleinigkeiten, die mich aus dem Gleichgewicht bringen, weil sie sich nicht in meinen strukturierten Alltag einfügen lassen beziehungsweise eine kurzfristige, nicht eingeplante Änderung des Tagesablaufs bedeuten. Für mich stellen sie eine große Hürde dar, deren Bewältigung mich oft sehr viel Kraft kostet. Manchmal scheitere ich auch daran oder reagiere unangemessen, worauf mein soziales Umfeld mit Verwunderung und in einigen Fällen auch mit Unverständnis antwortet.

„Bei deiner Intelligenz dürfte das doch kein Problem sein.“
Sicher spielt die Intelligenz keine oder nur eine untergeordnete Rolle, wenn es darum geht, mit unerwartet eintretenden Veränderungen klar zu kommen oder Aufgaben zu erledigen, die aufgrund der Schwierigkeiten sozialer Interaktion bereits eine große Herausforderung für mich darstellen (ich denke da an meine Probleme mit dem Smalltalk) und eben nicht nur Kleinigkeiten sind, wenngleich auch ihr zeitlicher Aufwand (zum Beispiel das Führen eines Telefonates) gering und die Bewältigung vom eigentlichen Handlungsablauf (dem in die Hand nehmen des Telefonhörers) her unproblematisch und demzufolge leicht durchführbar ist.

Außerdem sind es ja auch nicht die Kleinigkeiten an sich, die mir Schwierigkeiten bereiten und mich manchmal vor eine unlösbare Aufgabe stellen, sondern deren Konsequenzen, die eine spontane Änderung des strukturierten und geplanten Tagesablaufes herbeiführen oder für mich unvorhersehbar sind, wie zum Beispiel der Verlauf und Ausgang eines (wichtigen) Telefongesprächs. Die Unvorhersehbarkeit von Ereignissen – mögen diese in den Augen anderer auch noch so banal sein – schließt für mich aus, dass es sich dabei lediglich um Kleinigkeiten handeln kann.

Hast du mich nicht gesehen?

Diese oder ähnliche Fragen bekomme ich häufiger gestellt, wenn ich wieder einmal einen Menschen auf der Strasse nicht erkannt habe und ohne zu grüßen, an ihm vorbei gegangen bin.

Tatsächlich ist es so, dass ich Schwierigkeiten damit habe, mir Gesichter einzuprägen und diese wieder zu erkennen, besonders dann, wenn mir die Person an einem Ort begegnet, wo sie üblicherweise nicht zu anzutreffen ist und ich aufgrund der Örtlichkeit keine Verbindung zu dem betreffenden Menschen herstellen kann.

Ein Beispiel:

Wegen der Jahresabschlussarbeiten sitzen seit zwei Wochen Wirtschaftsprüfer in einem Raum neben dem Büro, in welchem ich arbeite. Solange diese mir innerhalb des Firmengebäudes begegnen, kann ich einen Zusammenhang herstellen und die Personen entsprechend zuordnen. Auf dem Weg zum Bahnhof erkenne ich sie nicht wieder.
So passierte es, dass sie mich in den letzten Tagen mehrmals im Vorbeigehen grüßten und ich erst einmal gar nicht wusste, wer diese Menschen waren und woher sie mich offensichtlich kannten, da sie mir wiederum fremd waren.

Was ich mir merken kann, um ein Gesicht zuzuordnen, sind Details wie Leberflecken oder Narben, Brillen, Frisuren und Haarfarben. Während Narben und Leberflecken in der Regel dauerhafte Merkmale darstellen, sind Brillen, Frisuren und Haarfarben Details, die sich im Lauf der Zeit häufig ändern. So kann mir eine bekannte Person dadurch wieder fremd werden, dass sie eine neue oder plötzlich keine Brille trägt oder eine neue Frisur bzw. Haarfarbe hat.
Solche Merkmale sind variabel und infolgedessen nicht oder nur begrenzt zuverlässig.

Am besten kann ich mir Stimmen von Menschen einprägen und diese über einen langen Zeitraum hinweg den entsprechenden Personen zuordnen. Das setzt natürlich voraus, dass sie mich ansprechen, wenn ich ihnen begegne. Stimmen sind zuverlässig, weil sie sich – von wenigen Ausnahmen (Heiserkeit, Stimmbruch, Krankheit) abgesehen – nicht verändern.
Auf diese Weise konnte ich beim letzten Klassentreffen alle ehemaligen Mitschülerinnen wieder erkennen, obwohl sie sich äußerlich sehr verändert hatten und ich einigen von ihnen zwanzig Jahre nicht mehr begegnet war.

Manche Menschen erkenne ich auch an ihrem Geruch. Das sind üblicherweise aber nur jene, die mir sehr vertraut sind. Ausnahmen bilden Personen, die einen besonders einprägsamen Eigengeruch haben. Ich habe einen Kollegen mit einem so intensiven Geruch, dass ich beispielsweise im Kopierraum riechen kann, wenn diese Person gerade vor mir dort gewesen ist.

Dass ich Menschen häufig nicht erkenne, liegt aber – unabhängig von den bereits genannten Schwierigkeiten – hauptsächlich daran, dass ich, wenn ich unterwegs bin, nicht auf Menschen achte, die an mir vorbei gehen. Meistens konzentriert sich mein Blick auf Dinge, die sich auf dem Boden oder in Schaufenstern bzw. im Eingangsbereich von Gebäuden befinden.
Gerne schaue ich auch auf Autokennzeichen – vor allen Dingen in fremden Städten.
Ich würde das Auto einer mir bekannten Personen überall sofort erkennen, nicht aber den dazugehörigen Menschen, der möglicherweise gerade an mir vorbeigegangen ist.

Leider kommt es immer wieder vor, dass mir eine Absicht oder Unhöflichkeit unterstellt wird, wenn ich jemanden auf der Strasse nicht grüße bzw. seinen Gruß nicht erwidere.
Aber das ist ganz sicher nicht der Fall.

Wenn ich mich mit einem Menschen verabrede, ist es mir immer wichtig, einen Ort zu wählen, der übersichtlich ist. In einer großen Menschenmenge wird es mir schwer fallen, eine bestimmte Person darin zu finden. Am liebsten ist es mir, so früh an der verabredeten Stelle zu sein, dass ich zuerst dort bin und dann von dem oder den mit mir verabredeten Menschen angesprochen werde. Eine solche Ausgangsposition gibt mir Sicherheit. Dafür nehme ich ein Warten gerne in Kauf, zumal ich ein sehr pünktlicher Mensch bin.

Nichts als die Wahrheit – die Bedeutung des Wortes

Gedanken einer Asperger-Autistin über Sprache und ihre Bedeutung im Alltag

Das Wort nimmt in meinem Alltag eine herausragende Stellung ein, da mir andere Formen der Kommunikation wie Gestik und Mimik zum größten Teil verschlossen bleiben.
Daher ist es für mich sehr wichtig, dass ich mich auf das geschriebene oder gesprochene Wort verlassen kann und dass es für alle am Gespräch Beteiligten verbindlich ist.
Sachverhalte, die zwischen den Zeilen stehen, nehme ich nicht wahr.
Zudem sind Worte für mich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur in ihrer wortwörtlichen Bedeutung interpretierbar und verständlich.
Dass Menschen in vielen Fällen etwas anderes sagen als was sie denken, ist mir suspekt und führt zu häufigen Missverständnissen.
Ebenso ist es für mich fast unmöglich, bewusst etwas zu sagen, was nicht der tatsächlichen Sachlage entspricht. Ich könnte mich zum Beispiel nicht krank schreiben lassen, wenn ich in Wirklichkeit gar nicht krank bin.
Ich wäre gar nicht in der Lage, dies meinem Arbeitgeber mündlich oder schriftlich mitzuteilen, weil es offensichtlich nicht der Wahrheit entspräche.

Dazu fällt mir folgende Geschichte von einer Busfahrt in Österreich ein:

Ich war damals 14 Jahre alt und mit meinen Eltern, deren Freunde mit Tochter und meiner Schwester im Urlaub in Österreich. Kinder unter 14 Jahren mussten für Fahrten im öffentlichen Personennahverkehr in Begleitung eines Elternteils keinen Fahrschein lösen.
Als wir während unseres Aufenthaltes in Tirol einmal eine längere Strecke mit dem Bus fuhren, lösten meine Eltern – vermutlich, um Geld zu sparen – für mich keinen Fahrschein und sagten mir, ich solle, falls ein Fahrschein-Kontrolleur käme, sagen, dass ich noch 13 Jahre alt sei.
Mir war sehr unwohl bei dem Gedanken, die Unwahrheit sagen zu müssen und hoffte, dass ich nicht kontrolliert werden würde. Die ganze Zeit, die wir mit dem Bus unterwegs waren, konnte ich an nichts anderes denken als daran, meinen Eltern zuliebe mein richtiges Alter nicht sagen zu dürfen und sagte immer wieder leise vor mich hin, dass bitte niemand kommen und mich nach dem Ticket und meinem Alter fragen würde.
Ich wusste, dass – egal, was ich dann antwortete – es auf jeden Fall falsch sein würde.

Als der Kontrolleur kam, wurde mir richtig übel.
Selbstverständlich fragte er nach meinem Fahrschein und danach, wie alt ich denn sei.
Da ich nicht wusste, was ich erwidern sollte, sagte ich nichts und schwieg.
Daraufhin wiederholte er seine Frage mit der Bemerkung, dass ich doch groß genug sei, um zu wissen, wie alt ich sei.
Um nicht lügen zu müssen, drehte ich mich verunsichert zu meinen Eltern und fragte diese:
„Was sollte ich noch einmal sagen, wie alt ich bin?“
Für meine Eltern war diese Situation gewiss sehr peinlich. Aber ich war erleichtert, nicht gelogen und damit nichts Unrechtes getan zu haben.
Daher verstand ich auch die Reaktion meiner Eltern und insbesondere die Zurechtweisung der Freundin meiner Mutter nicht, Schuld daran zu sein, dass meine Eltern nun ein Ticket für mich nachlösen mussten. Das wäre von vorne herein ihre Pflicht gewesen.
Ich habe schon immer auf die rigide Einhaltung von Gesetzen und Regeln geachtet und nicht verstanden, dass es Menschen gibt, die das anders praktizieren.

Das geschriebene bzw. gesprochene Wort ist für mich bindend und zwar in seiner wortwörtlichen Bedeutung. Dass sich dahinter manchmal auch eine ganz andere Aussage verbergen kann, habe ich zwar gelernt, aber es fällt mir bisweilen heute noch schwer, dies im Einzelfall zu erkennen. Das zeigt sich vor allen Dingen im mangelnden Verständnis ironischer bzw. sarkastischer Äußerungen und im Umgang mit Sprichwörtern.

So habe ich als Kind lange Zeit Probleme damit gehabt, zu erkennen, dass der Satz: „das ist aber schön“, je nach Stimmlage, auch die gegenteilige Aussage beinhalten konnte.
Das führte dazu, dass ich glaubte, dass derjenige, das, worüber er sprach, wirklich schön fand und erstaunt war, wenn ich später erfuhr, dass dem nicht so war und derjenige das nur ironisch gemeint habe. Mir erschloss sich auch der Sinn von Ironie nicht. Warum sagten Menschen etwas, um damit das Gegenteil ausdrücken zu wollen. Worin bestand der Sinn dieses sonderbaren Sprachverhaltens?

Die Schwierigkeit liegt in dem genannten Beispiel darin, dass dem inhaltlichen und wahren Gehalt des Satzes entgegen durch die Stimmlage und Mimik eine konträre Aussage zum Ausdruck
gebracht wird. Diese Kommunikationsmittel stehen mir aber nur sehr eingeschränkt zur Verfügung, so dass sie mir im Umgang mit Sprache keine Orientierungshilfe sind.
Viele dieser ironischen Äußerungen konnte ich mir zwar im Laufe der Zeit systematisch aneignen, in dem ich sie wie Vokabeln auswendig lernte, aber es passiert mir auch heute noch, dass ich sie einfach nicht mitbekomme und Menschen dadurch missverstehe, die dann bisweilen ganz erstaunt mit Sätzen wie: „ich habe doch nur Spaß gemacht“ oder „das habe ich doch nicht so gemeint“ reagieren.
Als Kind haben mich ironische Äußerungen verunsichert und wütend gemacht.
Warum mussten Menschen Sprache verkomplizieren, wo es für mich ohnehin schon schwierig war, sie zu verstehen?

Ähnlich schwierig war und bleibt für mich das Verständnis von Sprichwörtern.
Diese habe ich ebenso auswendig lernen müssen wie Vokabeln. Einige von ihnen sind mittlerweile in meinen Sprachgebrauch integriert, so dass ich sie mühelos verstehen und anwenden kann. Andere hingegen sind mir bis heute in ihrem übertragenen Sinn fremd. Müsste ich sie erklären, so gelänge mir das nur in ihrer wortwörtlichen Bedeutung.

Hierzu fällt mir eine Szene ein, die mir damals ernst war, über die ich heute aber, wenn ich sie erzähle, schmunzeln kann:

Während der Pubertät war ich wie die meisten Teenager häufig missgelaunt.
Als ich wieder einmal mit einer entsprechend schlechten Laune am Frühstückstisch saß, stellte meine Mutter fest, dass ich wohl am Morgen mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden sei.
Um ihr einen Gefallen zu tun, beschloss ich, am nächsten Tag mit dem anderen Fuß zuerst aus dem Bett zu steigen, was gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war.
Stolz verkündete ich meiner Mutter, dass ich soeben mit dem richtigen Fuß aufgestanden sei.
Meine Mutter verstand, was ich damit sagen wollte, wusste aber nicht, dass ich, verbunden mit erheblichen Schwierigkeiten, tatsächlich mit dem anderen Fuß als am Vortag aus dem Bett gestiegen war. Mir hingegen war zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass es sich dabei lediglich um ein Sprichwort gehandelt habe, mit dem meine Mutter lediglich zum Ausdruck bringen wollte, dass ich schlecht gelaunt sei. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass ich sie beim Wort genommen habe, weil mir der Satz nur in seiner wortwörtlichen Bedeutung verständlich war.

Bis heute ist es mir am liebsten, wenn Menschen eine klare und eindeutige Sprache verwenden, weil es auf diese Weise am wenigsten zu Missverständnissen kommen kann und ich mich in der Kommunikation sicher fühle, was sowohl das Verstehen als auch das Verstanden werden betrifft.

Wenn ich mich auf das Wort nicht verlassen kann, worauf dann?

Kann die auditive Wahrnehmung mein Sehen beeinflussen?

Als ich vor längerer Zeit beim Ausparken zu einem Bekannten sagte, er solle bitte die Musik ausmachen, weil ich sonst nichts sehen könne, stieß ich auf sehr großes Unverständnis bezüglich meiner Aussage. Das würde ich mir sicher nur einbilden. Lautstärke könne das Sehvermögen nicht beeinflussen. Wenn es überhaupt einen Zusammenhang gäbe, dann den, dass ich mich – bedingt durch die Lautstärke der Musik – schlechter konzentrieren könne.

Ich vergaß den Vorfall, bis das Autoradio beim Ausparken erneut lief (in der Regel schalte ich es – weil es mich stört – erst an, nachdem ich losgefahren bin) und ich nicht mehr in der Lage war, Entfernungen einzuschätzen und das vor und hinter mir parkende Auto richtig zu erkennen. Selbst den fließenden Verkehr nahm ich in dem Moment nur schemenhaft wahr.
Ich hatte das Gefühl, als blockiere die laute Musik meine optische Wahrnehmung.
Konnte das möglich sein oder lag es wirklich nur daran, dass mich Geräusche ablenkten und in der Konzentration störten?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Situationen aus der Vergangenheit fallen mir ein, in denen ich durch eine zu hohe Lautstärke Probleme mit der optischen Wahrnehmung hatte.

Wenn es in einem Raum sehr laut ist, dann stolpere ich häufig über Gegenstände, die mir im Weg sind und die ich offensichtlich aufgrund des Lärms nicht oder nur verzerrt wahrnehme.
Meine Bewegungen sind dann auch ungeschickter und langsamer, weil ich das Gefühl habe, den Raum ganz anders wahrzunehmen und auf Details weniger zu achten als das sonst bei mir üblich ist. Das Sehen und Erfassen eines Bildes erschließt sich mir durch einzelne Details, die ich zu einem Ganzen zusammenfüge. Es scheint, als hindere mich eine akustische Reizüberflutung an einer detaillierten, optischen Wahrnehmung eines Bildes oder Raumes. Entfernungen verschwimmen und erschweren die Orientierung. Es ist, als könne ich Gegenstände oder Personen schlechter orten, sobald es laut ist.

Vor ein paar Wochen habe ich mir wegen meiner hohen Lärmempfindlichkeit einen Gehörschutz mit einem Lärmschutzfilter von 15 dB angeschafft.
Nun stelle ich fest, in der optischen Wahrnehmung eingeschränkt zu sein, wenn ich den Gehörschutz trage und dass, obwohl der Lärm ja dadurch reduziert wird und demnach keine Rolle mehr spielen dürfte. Trage ich die Ohrstöpsel beispielsweise auf dem Weg zur S-Bahn, dann nehme ich Unebenheiten auf der Straße nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt wahr und kann die Höhe eines Bürgersteigs nicht mehr richtig erkennen, was häufig dazu führt, dass ich stolpere. Ebenso habe ich Schwierigkeiten damit, Entfernungen einzuschätzen. Dann kann es passieren, dass ich mich stoße oder zu großen Abstand halte aus Angst davor, einen Gegenstand oder eine Person im Vorübergehen zu berühren.

Diese Tatsache veranlasst mich zu der Feststellung, dass eine Einschränkung der akustischen Wahrnehmung bei mir gleichzeitig die optische, und in dem Bereich speziell die räumliche Wahrnehmung vermindert. Aber wie ist das möglich?

Dieser Frage werde ich auf jeden Fall auf den Grund gehen.

Über die Schwierigkeit, mit Brettern unter den Füßen zu laufen

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Skilaufen

Solange ich dort oben stehen bleiben würde, konnte mir nicht passieren.
Ich hatte lange, starre Holzbretter unter den Schuhen, die jede Bewegung unvorhersehbar machten.
Wie sollte ich damit laufen? War das überhaupt möglich, ohne zu stolpern und hinzufallen?
Sie sagten, es sei ganz einfach und mache Spaß.
Ich vermochte weder das eine noch das andere nachzuvollziehen.
Die Bretter unter den Füßen entzogen der Fortbewegung jegliche Kontrolle.
Keinen einzigen Schritt würde ich damit machen.

Stattdessen stocherte ich mit meinen Skistöcken im Schnee herum.
Die Monotonie des Stocherns beruhigte mich.
Ich nahm nichts anderes mehr um mich herum wahr als die Löcher, die ich mit den Stöcken in den Schnee bohrte. Darin empfand ich eine ähnliche Erleichterung wie jene, die ich fühlte, wenn ich abends im Bett lag und mit dem Kopf in meinem Kissen hin und her wühlte.

„Nun komm doch endlich, uns wird es kalt!“
Ihre Stimmen waren laut. Die körperliche Anspannung kehrte sofort zurück.
Ich spürte die Kälte nicht – nur Angst.
Angst, die mich bewegungsunfähig machte und unter der sich mein ganzer Körper verkrampfte. In meinem Kopf hämmerte es. In solchen Momenten rasen Gedanken schneller als ich in der Lage bin, sie zu verarbeiten.

„Hör endlich auf mit der sinnlosen Herumstocherei und komm! Oder willst du uns den ganzen Tag verderben?“
Ich wollte ihnen nicht den Tag verderben. Ich hatte Angst.
Und ich wusste von dem Augenblick an, dass sie mich wieder einmal nicht verstanden.
Ich war anders als sie, die sich daran erfreuen konnten, mit langen Brettern unter den Schuhen den Berg hinunter zu laufen.
Aber sie waren in der Überzahl und würden die Entscheidung treffen, am nächsten Tag wieder hierher zurück zu kehren. Ich hatte keine andere Wahl. Sie würden meine Angst nie ernst nehmen, egal, wie lange ich im Schnee stehenblieb und Löcher in den Schnee bohrte.
Sie nannten es Sturheit. Ich wolle mit meinem Verhalten lediglich meinen Willen durchsetzen und mich in den Mittelpunkt stellen. Sie hatten wirklich keine Ahnung, was in mir vorging.
Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg, aber ich spürte, dass mir nicht anderes übrig bleiben würde, als den Berg mit den Skiern an den Füßen hinunter zu fahren. Niemand würde mir helfen. Im Gegenteil – Sie lachten mich aus, weil es komisch aussah, wie ich dort stand und beharrlich mit den Stöcken im Schnee herum stocherte.

„Wenn du jetzt nicht sofort kommst, dann lassen wir dich dort stehen und fahren ohne dich weiter!“
Sie machten mir noch mehr Angst, weil ich ihre Worte nicht begriff.
Warum halfen sie mir nicht, sondern drohten mir stattdessen damit, mich in einer fremden Umgebung alleine zu lassen?
Mein Stochern wurde hektischer und verlor seinen monotonen Rhythmus, der mich zuvor beruhigt hatte.
Wie sollte ich mich auf dem glatten Schnee bergab fortbewegen, ohne zu stürzen, wenn ich starre und viel zu lange Bretter unter den Füßen hatte, die zu rutschen begannen, sobald ich die Fußspitzen hangabwärts positionierte?
Ich hatte schon im Alltag Schwierigkeiten, Beine und Arme zu koordinieren.
Wie sollte das gelingen, wenn ich nun zusätzlich noch zwei Stöcke an den Händen und zwei Holzbretter an den Füßen hatte?
Was würde geschehen, wenn sich diese Bretter unter mir in unkontrollierbare Bewegung setzten? Durch die dicken und engen Schuhe, die mit einer Bindung wie festgeschraubt auf den Skiern waren, nahm ich den Boden nicht wahr, der mir sonst Sicherheit beim Gehen gab.
So konnte ich mich nur auf meine Arme verlassen, die durch die Stöcke mit dem Boden spürbar verbunden waren. Sie würden mein einziger Halt sein, solange ich mich nur fest genug aufstützte und nicht losließ. Aber genau das sollte ich ja – loslassen, was, so verkrampft wie ich war, unmöglich schien.

„Nun komm endlich! Wir haben keine Lust mehr, noch länger auf dich zu warten.“
Nach einer halben Stunde ergab ich mich dem Unvermeidlichen und fuhr völlig verängstigt los.
Sie ließen mir keine Wahl. Sie haben nie begriffen, welche Anstrengung mich diese wenigen Meter gekostet haben. In ihren Augen hatte ich mich wieder einmal bloß angestellt. Das kannten sie ja bereits von mir.

„Es ist immer das gleiche Theater mit dir, wenn du etwas zum ersten Mal machst. Man muss dich immer zu deinem Glück zwingen.“

Mitgefühl und Trost

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Schwierigkeiten, zu trösten und getröstet zu werden 

Um Trost spenden zu können, ist es im Vorfeld notwendig, überhaupt zu erkennen, dass ein Mensch traurig ist und Zuspruch braucht. Für Menschen, die Probleme mit der Empathie haben, stellt das schon eine sehr große Herausforderung dar.
Für mich geht nur in ganz wenigen Fällen offensichtlich aus einer Situation hervor, dass dort ein Mensch ist, der Trost benötigt. Das ist immer dann gegeben, wenn ein Mensch weint und dies anhand von Tränen sichtbar oder von mir – bedingt durch ein lautes Schluchzen – akustisch wahrgenommen werden kann.
Überwiegend aber habe ich enorme Schwierigkeiten damit, Gefühle meiner Mitmenschen in ihren Gesichtern abzulesen. So bleibt mir nur die Möglichkeit, Gefühle mit Logik aus dem Kontext eines Ereignisses heraus zu interpretieren.
Doch was geschieht, wenn ich erkannt habe, dass ein Mensch traurig ist?
Ich habe gelernt, dass man in einem solchen Fall diesen Menschen tröstet, aber es fällt mir schwer, entsprechend der Situation, angemessen zu handeln.

Hier ein Beispiel:

Im Rahmen der Durchführung der Diagnostischen Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS) im Autismus-Therapie-Zentrum wurden meinem Sohn Bilder gezeigt, die unterschiedliche soziale Situationen zeigten. Unter anderem gab es dort ein Foto, auf dem ein Mädchen mit einem traurigen Gesicht abgebildet war, das offensichtlich mit einem Fahrrad gestürzt war, welches man im Hintergrund sehen konnte.
Mein Sohn erfasste die Situation genau und konnte die Frage, was er denn mit dem Mädchen machen würde, auch entsprechend beantworten. Auf die Nachfrage, wie er das Mädchen denn trösten würde, sagte er, dass er das Fahrrad – welches er als Verursacher der Schmerzen und der damit ausgelösten Traurigkeit sah – verbrennen würde.

Während des nachfolgenden Auswertungsgesprächs wurde auch mir dieses Bild vorgelegt mit der Bitte, es zu beschreiben. Da die Situation eindeutig war, fiel es mir nicht schwer, sie richtig zu erfassen und auf die Frage nach meiner Reaktion zu antworten, dass ich das Mädchen trösten würde.

Erst später, in der Reflexion des Gesprächs, setzte ich mich konkret damit auseinander, wie ich denn in einer, dem Bild entsprechenden Situation, tatsächlich gehandelt und wie ich das Mädchen getröstet hätte und kam zu folgenden Lösungsmöglichkeiten:

  • Es liegt keine Verletzung aufgrund des Sturzes vor. Mir ist nicht klar, warum das Mädchen auf dem Boden sitzt und weint.
    In diesem Fall gehe ich vermutlich vorbei, ohne zu helfen, auch, weil ich das laute Schluchzen, bedingt durch meine Geräuschempfindlichkeit, als störend empfinde. Oder ich bleibe kurz stehen und bitte das Kind mit dem Schluchzen aufzuhören und aufzustehen, weil es für sein Verhalten keinen Grund gibt.
  • Das Kind ist aufgrund des Sturzes sichtbar leicht verletzt. Vermutlich hat es Schmerzen, weil es weint und möchte getröstet werden.
    Hier halte ich nach der Mutter des Kindes Ausschau oder nach einer Person, die sich um das Kind kümmert und untersuche das Fahrrad auf mögliche Schäden hin.
    Sollte niemand in der Nähe sein, frage ich das Kind selbstverständlich nach seinen Schmerzen und schaue nach eventuellen Verletzungen, um diese zu versorgen oder – wenn nötig – entsprechende Hilfe anzufordern.
    Trost kann ich – mit Ausnahme bei meinem Sohn – allerdings nur mit Worten spenden – ein fremdes Kind tröstend in den Arm zu nehmen oder zu streicheln, ist mir nicht möglich.
    Folglich bin ich in einer solche Situation sehr verunsichert.

In den vielen Jahren vor meiner Diagnose habe ich mir immer die Frage gestellt, warum ich unfähig bin, einen Menschen zu trösten und damit das zu tun, was von mir erwartet wird und anderen selbstverständlich ist. Um mit der Problematik nicht konfrontiert zu werden, versuchte ich, solchen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen.

Heute weiß ich den Grund dafür, kann darüber sprechen und meinem sozialen Umfeld im Bedarfsfall mein in ihren Augen distanziertes Verhalten erklären, um Missverständnissen entgegenzuwirken. Denn ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch, der lediglich Probleme mit dem Einfühlungsvermögen und dem Trösten durch Körperkontakt hat. Meine Hilfe ist eher pragmatisch.

Im umgekehrten Fall habe ich auch Probleme damit, getröstet zu werden.
Es gibt nur wenige Menschen, bei denen ich körperliche Nähe als Ausdruck von Trost überhaupt zulassen kann. Ich ziehe fast immer eine lösungsorientierte Unterstützung vor.
Zudem wird mein soziales Umfeld in den meisten Fällen gar nicht mitbekommen, wenn ich traurig bin, da ich nur bei Überforderung weine oder eine ähnliche, emotionale Reaktion zeige. Wenn ich traurig bin, ziehe ich mich in der Regel in mich zurück und möchte nicht darüber sprechen, weil ich mit dem Gefühl überfordert bin und es nicht erklären kann. Die Tatsache, dass andere Menschen mit mir fühlen können, ist mir befremdlich. Wie kann jemand etwas fühlen, das ich selber nicht begreifen und beschreiben kann?

Zwischen Akzeptanz und Anpassung

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Abhängigkeit von Akzeptanz und Anpassung

Akzeptieren kommt aus dem Lateinischen (accipere) und bedeutet „annehmen“.
In Bezug auf den Menschen heißt das dem Ursprung des Wortes nach, ihn so anzunehmen, wie er ist. Mit seinen Stärken und Schwächen. Leider habe ich selber die Erfahrungen machen müssen, dass Anderssein häufig nur unter bestimmten Voraussetzungen akzeptiert wird. Eine dieser Voraussetzungen ist die soziale Anpassung.
Doch Akzeptanz, die Bedingungen stellt, entbehrt jeglicher Grundlage.
Wenn ich nur akzeptiert werde, in dem ich mich einer Gemeinschaft anpasse, zeigt mir das ganz deutlich, dass ich, so wie ich bin, nicht akzeptiert werde.
Warum aber muss ich so sein wie alle anderen innerhalb einer Gemeinschaft, um akzeptiert und nicht zur Außenseiterin zu werden?

Anpassung bedeutet auch immer Einschränkung von Individualität. Im Extremfall kann sie sogar zum Verlust der eigenen Identität führen, da sie gleichzeitig Zurücknahme und permanente Unterdrückung eigener Verhaltensweisen, Vorstellungen und Wünsche ist.
Meine Vergangenheit war geprägt von Anpassung. Ich musste und ich wollte so sein wie die anderen, um nicht aufzufallen und um dazuzugehören. Aber je älter ich wurde, desto schwerer fiel es mir, dem enormen Anpassungsdruck standhalten zu können. Ich drohte daran zu zerbrechen und suchte mir Hilfe in Form einer Therapie, zu deren Beginn eine Autismusdiagnostik durchgeführt wurde.

Durch die Diagnose Asperger-Syndrom bekommt mein Anderssein einen Namen und wird begreifbar. Sie hilft mir, mich und mein Anderssein endlich annehmen zu können.
Gleichzeitig ist sie aber auch Anlass, mich mit meiner permanenten Anpassung in der Vergangenheit und ihren Folgen intensiv auseinanderzusetzen und mir die Frage zu stellen, welchen Weg ich heute gehen möchte. Ich stehe erst ganz am Anfang und spüre doch, wie sehr ich mich bereits verändert habe. Mein soziales Umfeld reagiert darauf zunehmend irritiert, weil ich nicht mehr der Mensch bin, den sie zu kennen glaubten. Plötzlich fällt mein Verhalten auf.
Dabei bin das endlich ich, eine Asperger-Autistin, die gerade begonnen hat, sich selber kennenzulernen und ihr Anderssein nicht mehr in Frage zu stellen. Ich möchte nicht, dass mein Alltag weiterhin bestimmt wird von permanenter Anpassung, die lediglich den Zweck erfüllt, nicht aufzufallen und innerhalb des sozialen Umfeldes zu funktionieren.

Anpassung sollte auch nie ein einseitiger Prozess der Verhaltensänderung sein.
Ein Entgegenkommen beider Parteien empfinde ich hier genauso wichtig wie bei der Akzeptanz. Ich kann nicht verlangen, akzeptiert zu werden, so, wie ich bin, wenn ich im Gegenzug nicht bereit bin, den anderen in der gleichen Weise anzunehmen. Ebenso wenig kann ich von einem Menschen erwarten, dass er sich ständig meinen Vorstellungen entsprechend in seinem Verhalten anpasst, wenn ich dies selber für mich als nicht notwendig erachte.
Eine solche Einseitigkeit führt immer zu einem Ungleichgewicht in einer sozialen Beziehung, das den Menschen, der sich anpasst, enorm unter Druck setzt, da sich dieser bewusst ist, dass eine Akzeptanz innerhalb dieser Beziehung nur so lange bestehen wird, wie er bereit ist, sich anzupassen. Ändert er sein Verhalten plötzlich weg von der Anpassung, muss er damit rechnen, von der Gemeinschaft abgelehnt und im schlimmsten Fall ausgeschlossen zu werden.

Kann eine Akzeptanz innerhalb einer Gemeinschaft demnach nur erfolgen, wenn Verhalten und Sein gruppenkonform ist? Hieße das nicht auch, dass Anderssein unter dieser Voraussetzung grundsätzlich nicht erwünscht ist?

Zwischen Nähe und Distanz

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Schwierigkeiten im Umgang mit Nähe

Seit dem Teenageralter beschäftige ich mich mit der Frage nach dem Grund für meine Schwierigkeiten im Umgang mit Freundschaften und Beziehungen.
Einerseits wünschte ich mir schon damals nichts sehnlicher als eine Beziehung, auch deshalb, weil sie ein Stück Normalität bedeutet und mir das Gefühl vermittelt, genauso zu sein wie die Menschen in meinem sozialen Umfeld. Andererseits macht mir diese besonders intensive Form von Nähe Angst, weil ich Probleme damit habe, sie wahrzunehmen und wiedergeben zu können. Sie ist mir in vielen Punkten unbegreiflich.

Im Gegensatz dazu ist räumliche Nähe etwas, das sich definieren lässt.
Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit, diese zu begrenzen, in dem ich mich entferne, wenn sie mir unerträglich wird.
Ich weiß um mein großes Bedürfnis, mich zurück zu ziehen, obwohl ich den Grund dafür nicht kenne. Oft bin ich mir selber Gemeinschaft genug und entscheide mich ganz bewusst für das Alleinsein.
Eine Beziehung ohne die Möglichkeit einer räumlichen Distanz und der damit verbundenen klaren Abgrenzung zu dem Partner ist mir unmöglich. Alleine die Vorstellung, ständig einen Menschen um mich herum zu haben, mit ihm in einer Wohnung zu leben, löst in mir ein großes Unbehagen bis hin zur Panik aus.

Permanente räumliche Nähe bedeutet für mich gleichzeitig Verlust persönlicher Distanz.
Die Einhaltung einer persönlichen Distanz ist für mich die Voraussetzung, soziale Kontakte herstellen und halten zu können. Ein Zuviel an Nähe führt dazu, dass ich mich in meine Welt zurückziehe, die mir Sicherheit und Schutz gibt.
Möglicherweise liegt das Problem darin, dass ich Nähe – egal, ob es ich dabei um räumliche, körperliche oder empathische Nähe handelt – anders wahrnehme.
Empathische Nähe ist zum Beispiel etwas, das ich, wenn überhaupt, nur schwer erfassen kann. Eine lediglich empfundene Nähe spüre ich nicht. Sie muss schon ganz konkret und unmittelbar sein. Ich verstehe nicht, wenn mir jemand sagt, er sei mir in Gedanken nah.
Wie und wo kann ich Nähe, die nur in Gedanken eines anderen vorhanden ist, wahrnehmen?
Wie fühlt sich empathische Nähe an, wodurch wird sie übermittelt? Ist sie reell existent oder nur eine Illusion?

Menschen, die sich emotional nahe sind, zeigen das auch gerne durch körperliche Nähe. Liegt hier vielleicht der Grund dafür, dass ich körperliche Nähe nicht gut ertragen kann?
Weil ich empathische Nähe nicht erfassen, nicht spüren kann, habe ich deshalb Schwierigkeiten, Körperkontakt als Ausdruck empathischer Nähe, als ihr fühlbares Zeichen zuzulassen?
Verwirrt mich Körperkontakt, weil mir das damit zum Ausdruck gebrachte Gefühl von emotionaler Nähe nicht oder nur bedingt vertraut ist?

Menschen, die sich emotional nahe sind, sehnen sich in der Regel auch nach räumlicher Nähe. Ein Paar, welches sich liebt, möchte irgendwann zusammenziehen und in einer Gemeinschaft leben – für mich ein unvorstellbarer Gedanke. Warum?
Darüber habe ich oft nachgedacht, ohne bisher eine zufriedenstellende Erklärung gefunden zu haben. Vielleicht hängt das mit dem Ungleichgewicht bzw. einer Asymmetrie zwischen empathischer und räumlicher Nähe zusammen? Wenn beide sich sowohl in dem Maß, in dem sie tatsächlich vorhanden sind als auch in dem, wie sie von dem jeweiligen Partner bzw. der jeweiligen Partnerin empfunden werden, zu sehr unterscheiden, dann entsteht ein Ungleichgewicht, das im schlimmsten Fall Nähe unerträglich macht.

Wenn ich einen Menschen kennen lerne, entsteht sehr schnell ein Ungleichgewicht bezüglich des Empfindens von Nähe. Ich benötige reale Nähe in Form von verbaler Kommunikation (Treffen, Telefonate, Mails, Briefe), um eine Beziehung oder Freundschaft aufrecht erhalten zu können, weil ich empathische Nähe nicht erfassen kann. Findet diese Kommunikation nicht in regelmäßigen, für mich verlässlichen Abständen statt, so ist diese Beziehung für mich nicht (be)greifbar und der Kontakt bricht ab, weil er für mich nicht mehr existent ist. Nimmt sie aber einen zu großen Raum ein, dann wird mir die dadurch entstehende Nähe zu viel und ich ziehe mich zurück.
Des weiteren braucht der oder die andere Person reale Nähe nicht so dringend wie ich, da er bzw. sie in Gedanken Nähe zu mir aufbauen und empfinden kann und davon ausgeht, dass dies im umgekehrten Fall genauso ist.
Die Diskrepanz sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Akzeptanz von Nähe hat in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass ich Kontakte nicht halten konnte und Beziehungen nicht zustande gekommen oder sehr schnell gescheitert sind.

Es ist für Außenstehende nicht einfach, meine Schwierigkeiten in der Regulierung von Nähe und Distanz nachzuvollziehen und als Teil von mir anzunehmen.
Ich selber habe ja auch erst durch die Diagnose Asperger-Syndrom eine Erklärung dafür gefunden und versuche nun, mein Verhalten in sozialen Situationen zu reflektieren und mit dem Wissen um meine Problematik neu zu erleben.

Von der Schwierigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Problem mangelnder Empathiefähigkeit 

Zu fühlen, was mein Gegenüber gerade fühlt, zu spüren, wie es dem Menschen, mit dem ich gerade kommuniziere, geht, in seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, was er gerade denkt, um dann entsprechende Rückschlüsse auf sein Verhalten ziehen zu können, das sind Dinge, die mir zu einem großen Teil verschlossen und unbegreiflich sind.
Daraus resultieren immer wieder Missverständnisse in der Kommunikation und im Umgang mit sozialen Kontakten, die mir in der unmittelbaren Situation häufig selber gar nicht bewusst sind.
Aber auch, wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, verstehe ich nicht, was in dem Augenblick falsch gelaufen ist und dass ich möglicherweise unangemessen gehandelt oder reagiert habe.

„Versuche doch einfach einmal, dich in die Lage des anderen hineinzuversetzen.“
Immer wieder fällt in dem Zusammenhang dieser Satz. Als wenn das so einfach wäre.
Was anderen diesbezüglich selbstverständlich erscheint, nämlich die Kommunikation jenseits des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, bleibt für mich erst einmal rätselhaft.
Ich kann in den Gesichtern anderer nicht erkennen, wie sie sich gerade fühlen. Ich vermag zwar ein Lachen der Freude oder dem Glücklichsein zuzuordnen oder ein Weinen der Trauer oder dem Traurigsein, aber der Grund dafür erschließt sich mir in vielen Fällen nicht. Dadurch kann es zu Fehlreaktionen oder sogar zum Ausbleiben einer Reaktion von meiner Seite und zu Verständnisproblemen in der Kommunikation und im weiteren Handlungsablauf kommen.

Schon in meiner Kindheit war ich prädestiniert dafür, in jedes Fettnäpfchen zu treten, wobei ich mich noch sehr genau an mein Erstaunen erinnern kann, als meine Mutter dieses Sprichwort mir gegenüber zum ersten Mal äußerte, sah ich doch keines dieser Fettnäpfchen, in die ich angeblich getreten war, herumstehen.
Schaue ich mir die Erklärung dieser Redensart an – jemanden unabsichtlich durch eine unbedachte Äußerung oder ungeschicktes Verhalten kränken und sich dadurch selbst in eine peinliche Situation bringen – muss ich feststellen, dass sie, was mein Verhalten anbelangt, häufig zutreffend war und bis heute zutreffend geblieben ist. Es macht mich traurig, zu erkennen, dass ich andere Menschen, ohne es zu wissen, aufgrund meines fehlenden Einfühlungsvermögens möglicherweise verletzt oder gekränkt habe.

Wie oft habe ich zu hören bekommen, ich sei egoistisch und würde nur an mich denken, ohne den Sinn dieser Worte, die mich kränkten, zu begreifen.
Heute ahne ich langsam, dass mein Verhalten aufgrund mangelnder Empathie in meinem familiären und sozialen Umfeld den Eindruck hinterlassen hat, ich würde keine oder nur wenig Rücksicht auf die Gefühle meiner Mitmenschen nehmen. Dabei ist es vielmehr so, dass ich die Gefühle gar nicht erkenne, nicht weiß, woran ich mich orientieren muss, um sie für mich erkennbar zu machen. Vieles, was andere Menschen intuitiv erkennen, kann ich nur mit Hilfe der Logik erarbeiten und mir so als mögliche Gefühlsinterpretationen verfügbar machen.

Ich muss lernen, den direkten Weg über die Sprache zu gehen. Das heißt, mein Gegenüber darüber zu informieren, dass mir die Fähigkeit fehlt, mich in andere hineinversetzen und ihre Gefühle intuitiv erfassen zu können und im Anschluss daran zu fragen, wie er oder sie sich fühlt.
Auf diese Weise kann ich für mich die Voraussetzung schaffen, adäquat zu reagieren und zu handeln, vorausgesetzt, dass der Andere bereit ist, sich auf diese direktere Form der Kommunikation einzulassen und mir dadurch zu helfen, seine Gefühle erfassen und verstehen zu können. Das ist nicht leicht.

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, nonverbale Kommunikation sicher anzuwenden und zu verstehen, sie ist wichtiger Bestandteil der sozialen Interaktion und signalisiert: „Ich verstehe dich auch ohne Worte.“ oder: „Ich fühle, wie es dir geht.“
Ich habe Schwierigkeiten, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen, vor allen Dingen dann, wenn sie abweichend sind von dem, was ich in dem Moment fühle beziehungsweise in einer vergleichbaren Situation fühlen würde.
Für mich ist nonverbale Kommunikation eine Fremdsprache, deren Vokabeln ich nur kognitiv erfassen und dann abspeichern kann, wobei es nicht nur um das systematische Erlernen von Gestik und Mimik geht, sondern auch um deren Bedeutung im Kontext, weil diese variiert und nicht einfach von einer auf die andere Situation übertragen werden kann.

Symmetrische Ordnung

Gedanken einer Asperger-Autistin über ihr Bedürfnis nach Symmetrie   

Seit meiner Kindheit spielt Symmetrie eine wichtige Rolle in meinem Leben.
Sie sorgt zu einem großen Teil sowohl für mein psychisches als auch für mein physisches Gleichgewicht. Schon als Kind war ich fasziniert von symmetrischen Bildern und Figuren. Sie hatten und haben bis heute für mich eine beruhigende Wirkung.
Aber so sehr, wie mir symmetrisch angeordnete Bausteine als Kind eine Freude bereiteten, so sehr litt ich darunter, wenn diese Ordnung zerstört war. Mein Empfinden geriet durcheinander und ich konnte nicht erklären, warum das so war. Ich wusste nur, dass ich die Symmetrie im Baukasten so schnell wie möglich wieder herstellen musste. Dazu schüttete ich den Inhalt des Baukastens auf den Boden und begann dann ganz akribisch, die Steine so einzuräumen, dass ein symmetrisches Muster entstand. Dabei war neben den Formen auch die farbliche Übereinstimmung der einzelnen Steine wichtig. Und ich war erst zufrieden, wenn die Anordnung der Bausteine hundertprozentig meiner Vorstellung entsprach. Man hätte das Ergebnis mit einer Wasserwaage überprüfen können, so penibel hatte ich die Steine zusammengefügt und aufeinandergelegt.

Fasziniert war ich als Kind auch von Kaleidoskopen. Durch die Mehrfachspiegelung entstanden beim Drehen des Kaleidoskops immer neue, symmetrische Bilder. Das Besondere am Kaleidoskop ist die Unmöglichkeit, die Symmetrie des Bildes zu zerstören. Ebenso wenig können sich Fehler oder Ungenauigkeiten einschleichen wie beim Zeichnen von symmetrischen Bildern oder bei der Herstellung von Orientteppichen, deren Muster ich auch besonders mag. Mir fällt sofort auf, wenn es im Muster eines Teppichs Abweichungen in Farbe oder Form gibt, weil dadurch die Regelmäßigkeit unterbrochen wird.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an ein geometrisches Spielzeug – Spirograph – mit dem ich mich als Kind intensiv beschäftigt habe. Das Spiel bestand aus mehreren Plastikscheiben und Plastikringen, die jeweils am Rand gezackt waren. Legte man eine Scheibe, in der sich in bestimmten Abständen Löcher befanden, in einen zuvor auf einem Blatt Papier befestigten Ring, konnte man mit Hilfe eines Kugelschreibers, den man in eines der Löcher der Scheibe steckte einen Kreis beschreiben. Auf diese Weise griffen die gezackten Ränder ineinander und es entstanden Hypozykloide (rosettenähnliche, geometrische Figuren).

Als wunderschön empfinde ich auch die symmetrische, französische Gartenkunst wie man sie unter anderem im Schloss Augustusburg in Brühl findet. Der Blick von der Terrasse auf den Schlosspark mit seinen symmetrisch angelegten Buchsornamenten hat etwas sehr Beruhigendes genauso wie die symmetrische Ornamentik in der islamischen Architektur, die ich während zahlreicher Aufenthalte in orientalischen Ländern (der Orient war einmal ein Spezialinteresse von mir) kennengelernt und immer wieder fotografiert habe.

Unter diesen Gesichtspunkten lässt sich leicht erraten, welcher Bereich der Mathematik mir besonders gefallen hat – die Geometrie. Ich war fasziniert von den verschiedenen Formen der Symmetrie (Achsen- oder Spiegelsymmetrie, Drehsymmetrie) geometrischer Figuren.

Eine symmetrische Ordnung gibt es in meinem Alltag auch beim Aufhängen der Wäsche. Ich achte immer ganz genau darauf, dass ich bei einem Wäschestück die gleichen Klammern benutze. Gleich heißt in dem Fall: gleiches Fabrikat, gleiche Farbe. Auf diese Weise ergibt sich ein Bild mit zwei gleichen Seiten ähnlich einer Spiegelung. Würde ich unterschiedliche Wäscheklammern benutzen, wäre diese Symmetrie zerstört und würde in mir ein großes Unbehagen hervorrufen. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, dass ich in der Waschküche bei der Wäsche von Nachbarn die Klammern ausgetauscht habe, um die symmetrische Ordnung wieder herzustellen.

Aber warum war und ist Symmetrie für mich so wichtig, dass ich mich gleich unwohl fühle, wenn sie durch äußere Einflüsse zerstört wird?

Das Wort Symmetrie stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus „syn“ für gleich, gleichartig und „metron“ für Maß zusammen. Es bedeutet folglich in der Übersetzung „Gleichmaß“.
Allgemein gesagt handelt es sich dabei um „eine wechselseitige Entsprechung von Teilen eines Ganzen in Form,Farbe, Größe und Anordnung“.

Dieses Gleichmaß ist vorhersehbar und schafft durch das ständige Kopieren (Wiederholung) von Mustern eine Regelmäßigkeit, Ordnung und Sicherheit. Und genau diese Eigenschaften sind für mich unverzichtbar, wenn es darum geht, meinen Alltag zu strukturieren.
Wiederholungen und Gleichmäßigkeit helfen mir dabei, mich im Leben zurecht zu finden.
Gerät mein Alltag durch Veränderung aus dem Gleichgewicht, wird mein Streben nach symmetrischer Ordnung fast zwanghaft. So schaffe ich mir ein Ersatz-Gleichgewicht, das eine beruhigende Wirkung auf mich hat und mir hilft, mich wieder orientieren zu können.

Das Glück, mir endlich nahe zu sein

Ich spüre mich.
Zum ersten Mal in meinem Leben ist das Fühlen in mir authentisch.
Das bin ich.
Nichts an mir ist mehr fremd.
Ich fühle mich frei, von einer schweren Last befreit, die am Ende unerträglich war.
Glück – langsam ahne ich, wie sich das anfühlt.
In mir angekommen zu sein, mir nahe zu sein, das sind für mich Dinge, die ich mit dem Wort Glück verbinde.
Nicht das fremdbestimmte Glück der Kindheit, wozu man mich angeblich immer hat zwingen müssen, weil ich selber nicht in der Lage gewesen sei, mein Glück zu finden.
Wie hätte ich auch etwas finden können, was in dem Moment bereits verloren gegangen war, als ich eine Rolle spielen musste, um so zu sein, wie es von mir erwartet wurde?

Anderssein Teil 5

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 5

Seit einer Woche hat das Anderssein nun einen Namen – Asperger-Syndrom.

Ein Wort, welches nach siebenundvierzig Jahren plötzlich so viele Antworten gibt.
Antworten auf die oft quälenden Fragen nach den Gründen für mein Anderssein, mit denen ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandergesetzt habe und die einen großen und zentralen Platz in meinem Leben einnahmen.

Ein Wort, das von einer schweren Last befreit hat, die mir zuletzt kaum noch erträglich war.
Es war eine Belastung, immer mit dem Gedanken zu leben, dass etwas nicht stimmt mit einem selbst und keine Erklärungen dafür zu finden, warum das so ist.
Eine noch größere Belastung war es, mit niemandem darüber sprechen zu können, immer alleine zu sein mit diesen Gedanken und Ängsten und ganz nebenbei jeden Tag funktionieren zu müssen, damit das Anderssein nicht auffällt.
So habe ich sehr darunter gelitten, dass mir immer wieder unterstellt wurde, ich sei faul und ginge vielen Dingen aus Bequemlichkeit aus dem Weg. Dabei ist schon die Bewältigung des Alltäglichen für mich mit einem enormen Kraftaufwand verbunden, weil ich mich permanent an eine Welt anzupassen versuche, die mir in vielen Teilen fremd und unverständlich ist.
Aufgrund meiner Intelligenz war und ist die Erwartungshaltung meines Umfeldes an mich sehr hoch und niemand ahnt, mit welchen Schwierigkeiten ich täglich zu kämpfen habe.
Auch, wenn es mir in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, meine Probleme durch erlerntes Verhalten zu kompensieren, so waren und sind sie doch ständig präsent und schränken mich im Alltag und vor allen Dingen im Umgang mit Menschen massiv ein.

Nun gibt es für diese Schwierigkeiten, die mich das ganze Leben begleitet haben, eine Erklärung. Das macht sie begreifbar und gibt mir die Möglichkeit, mich ganz anders damit auseinander zu setzen. Sie gehören zu mir und werden immer ein Teil von mir bleiben.
Mit der Diagnose weiß ich nach vier Jahrzehnten ständiger Suche endlich, wer ich wirklich bin.

So war dieser Tag einer der schwersten, aber sicher auch der wichtigste in meinem Leben.