Defizite versus Fähigkeiten – Problematik einer defizitorientierten Sichtweise

Stolz bin ich auf meinen Sohn , wenn ich sehe, was er in den letzten beiden Jahren alles geschafft hat – und das alles ohne die Therapie, auf deren Beginn ich jetzt seit fast zwei Jahren warte.
So hat er gelernt, Dinge zu benennen, die ihn stören, statt wie früher scheinbar grundlos einfach laut los zu schreien oder mit Wutausbrüchen zu reagieren.
Immer häufiger gelingt es ihm, sich über einen absehbaren Zeitraum alleine zu beschäftigen und Rücksicht zu nehmen, in dem er sich zum Beispiel ganz leise verhält, wenn sein Opa einen Mittagsschlaf macht.
Er kann mittlerweile alleine einkaufen gehen und schafft es, sich am Wochenende sein Frühstück selber zu machen, wenn ich noch schlafe.
Das alles sind Dinge, die über einen langen Zeitraum nicht selbstverständlich waren.
Er wird selbständig. Langsamer als seine Altersgenossen, aber die Fortschritte sind erkennbar.
Zumindest für mich.

Der Blick seines sozialen Umfeldes ist eher defizitorientiert.
„Du kannst noch nicht Schwimmen und Radfahren? Das gibt es doch nicht, dass ein Junge in deinem Alter das noch nicht kann!“
Doch, das gibt es und ich finde es nicht schlimm. Ein Mensch muss diese Dinge nicht können müssen. Trotzdem muss ich mir immer wieder anhören, dass es nicht normal ist, dass er immer noch nicht schwimmen und Rad fahren kann. Und es klingt jedes Mal wie ein Vorwurf.

Auch in der Schule wird er nach seinen Defiziten beurteilt, nicht nach seinen Leistungen.
Er wird auf seine Verhaltensauffälligkeiten reduziert. Von seinen kognitiven Fähigkeiten spricht niemand. Die Auflistung der Defizite dagegen ist lang und soll mir schließlich verdeutlichen, dass er sonderpädagogischen Förderbedarf hat und nicht auf eine Regelschule gehört.
Da scheint es keine Rolle zu spielen, dass laut UN-Konvention jedes Kind ein Recht darauf hat, eine Regelschule zu besuchen – auch ein autistisches Kind.

Es ist einfacher, behinderte Kinder ihren Defiziten gemäß einer Förderschule zu zu weisen, wo sie dann unter ihresgleichen unterrichtet werden können. Für Kinder mit Asperger-Syndrom ist das neben einer Förderschule für motorische Entwicklung häufig eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung, da es einen Förderschwerpunkt Autismus nicht gibt. Dass mein Sohn auf einer solchen Schule kognitiv unterfordert wäre, scheint aus der Sicht von Pädagogen nur zweitrangig, obwohl viele seiner Auffälligkeiten in der Schule aus einer permanenten Unterforderung resultieren.
An seinen Defiziten soll gearbeitet werden, nicht an seinen Stärken, damit er sich entwickeln kann. Dabei lernt er gerne und mit Erfolg, wenn er gefordert wird.
Dann kann er sich über einen langen Zeitraum konzentrieren und ruhig sitzen bleiben.
Auffällig wird er nur, wenn er sich im Unterricht langweilt oder seine Mitschüler ihn hänseln, weil er anders ist.

Aber es scheint in einer leistungsorientierten Gesellschaft zu schwierig, das schulische Umfeld eines autistischen Kindes im Regelschulsystem so zu gestalten, dass es lernen und sein Wissen zeigen und anwenden kann.
Hier liegen meiner Meinung nach die viel größeren Defizite vor.

Anläßlich des Welt-Autismus-Tages fand am 20. Marz 2010 zu dem Thema „Autismus und Schule“ eine Podiumsdiskussion auf der Informationsveranstaltung in Bonn statt.
Im Verlaufe dieser Diskussion wurden viele Probleme hinsichtlich der Beschulung autistischer Kinder sowie einige Projekte (z.B. eine separate Klasse für autistische Schülerinnen und Schüler in der Heinrich-Böll-Schule in Frechen) angesprochen.

Weitere Informationen zum Ergebnis der Podiumsdiskussion befinden sich auf der Homepage des Vereins
„Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V.“
unter der Rubrik  Schwerpunkt Schule.

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Passend zur Problematik der Integration autistischer Kinder in der Schule  ist auch dieser Artikel der Süddeutsche vom 29.03.2010:

Ich wurde vom Monster zum Menschen

Ein Gedanke zu „Defizite versus Fähigkeiten – Problematik einer defizitorientierten Sichtweise

  1. Leider musste ich heute feststellen, dass jemand diesen Text nahezu 1:1 auf seine eigene Homepage übernommen und nur minimal verändert hat. Ich hoffe, dass dieser nur leicht veränderte Beitrag nun, nachdem ich den oder die Betreiber der Webseite angeschrieben und darauf hingewiesen habe, von dort wieder entfernt wird und möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass das unerlaubte Kopieren oder Übernehmen von Texten nicht erlaubt ist und eine Urheberrechtsverletzung darstellt.

    Anmerkung:
    Der Text wurde am 24.05.2010 von der Webseite entfernt.

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