Nichts als die Wahrheit – die Bedeutung des Wortes

Gedanken einer Asperger-Autistin über Sprache und ihre Bedeutung im Alltag

Das Wort nimmt in meinem Alltag eine herausragende Stellung ein, da mir andere Formen der Kommunikation wie Gestik und Mimik zum größten Teil verschlossen bleiben.
Daher ist es für mich sehr wichtig, dass ich mich auf das geschriebene oder gesprochene Wort verlassen kann und dass es für alle am Gespräch Beteiligten verbindlich ist.
Sachverhalte, die zwischen den Zeilen stehen, nehme ich nicht wahr.
Zudem sind Worte für mich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nur in ihrer wortwörtlichen Bedeutung interpretierbar und verständlich.
Dass Menschen in vielen Fällen etwas anderes sagen als was sie denken, ist mir suspekt und führt zu häufigen Missverständnissen.
Ebenso ist es für mich fast unmöglich, bewusst etwas zu sagen, was nicht der tatsächlichen Sachlage entspricht. Ich könnte mich zum Beispiel nicht krank schreiben lassen, wenn ich in Wirklichkeit gar nicht krank bin.
Ich wäre gar nicht in der Lage, dies meinem Arbeitgeber mündlich oder schriftlich mitzuteilen, weil es offensichtlich nicht der Wahrheit entspräche.

Dazu fällt mir folgende Geschichte von einer Busfahrt in Österreich ein:

Ich war damals 14 Jahre alt und mit meinen Eltern, deren Freunde mit Tochter und meiner Schwester im Urlaub in Österreich. Kinder unter 14 Jahren mussten für Fahrten im öffentlichen Personennahverkehr in Begleitung eines Elternteils keinen Fahrschein lösen.
Als wir während unseres Aufenthaltes in Tirol einmal eine längere Strecke mit dem Bus fuhren, lösten meine Eltern – vermutlich, um Geld zu sparen – für mich keinen Fahrschein und sagten mir, ich solle, falls ein Fahrschein-Kontrolleur käme, sagen, dass ich noch 13 Jahre alt sei.
Mir war sehr unwohl bei dem Gedanken, die Unwahrheit sagen zu müssen und hoffte, dass ich nicht kontrolliert werden würde. Die ganze Zeit, die wir mit dem Bus unterwegs waren, konnte ich an nichts anderes denken als daran, meinen Eltern zuliebe mein richtiges Alter nicht sagen zu dürfen und sagte immer wieder leise vor mich hin, dass bitte niemand kommen und mich nach dem Ticket und meinem Alter fragen würde.
Ich wusste, dass – egal, was ich dann antwortete – es auf jeden Fall falsch sein würde.

Als der Kontrolleur kam, wurde mir richtig übel.
Selbstverständlich fragte er nach meinem Fahrschein und danach, wie alt ich denn sei.
Da ich nicht wusste, was ich erwidern sollte, sagte ich nichts und schwieg.
Daraufhin wiederholte er seine Frage mit der Bemerkung, dass ich doch groß genug sei, um zu wissen, wie alt ich sei.
Um nicht lügen zu müssen, drehte ich mich verunsichert zu meinen Eltern und fragte diese:
„Was sollte ich noch einmal sagen, wie alt ich bin?“
Für meine Eltern war diese Situation gewiss sehr peinlich. Aber ich war erleichtert, nicht gelogen und damit nichts Unrechtes getan zu haben.
Daher verstand ich auch die Reaktion meiner Eltern und insbesondere die Zurechtweisung der Freundin meiner Mutter nicht, Schuld daran zu sein, dass meine Eltern nun ein Ticket für mich nachlösen mussten. Das wäre von vorne herein ihre Pflicht gewesen.
Ich habe schon immer auf die rigide Einhaltung von Gesetzen und Regeln geachtet und nicht verstanden, dass es Menschen gibt, die das anders praktizieren.

Das geschriebene bzw. gesprochene Wort ist für mich bindend und zwar in seiner wortwörtlichen Bedeutung. Dass sich dahinter manchmal auch eine ganz andere Aussage verbergen kann, habe ich zwar gelernt, aber es fällt mir bisweilen heute noch schwer, dies im Einzelfall zu erkennen. Das zeigt sich vor allen Dingen im mangelnden Verständnis ironischer bzw. sarkastischer Äußerungen und im Umgang mit Sprichwörtern.

So habe ich als Kind lange Zeit Probleme damit gehabt, zu erkennen, dass der Satz: „das ist aber schön“, je nach Stimmlage, auch die gegenteilige Aussage beinhalten konnte.
Das führte dazu, dass ich glaubte, dass derjenige, das, worüber er sprach, wirklich schön fand und erstaunt war, wenn ich später erfuhr, dass dem nicht so war und derjenige das nur ironisch gemeint habe. Mir erschloss sich auch der Sinn von Ironie nicht. Warum sagten Menschen etwas, um damit das Gegenteil ausdrücken zu wollen. Worin bestand der Sinn dieses sonderbaren Sprachverhaltens?

Die Schwierigkeit liegt in dem genannten Beispiel darin, dass dem inhaltlichen und wahren Gehalt des Satzes entgegen durch die Stimmlage und Mimik eine konträre Aussage zum Ausdruck
gebracht wird. Diese Kommunikationsmittel stehen mir aber nur sehr eingeschränkt zur Verfügung, so dass sie mir im Umgang mit Sprache keine Orientierungshilfe sind.
Viele dieser ironischen Äußerungen konnte ich mir zwar im Laufe der Zeit systematisch aneignen, in dem ich sie wie Vokabeln auswendig lernte, aber es passiert mir auch heute noch, dass ich sie einfach nicht mitbekomme und Menschen dadurch missverstehe, die dann bisweilen ganz erstaunt mit Sätzen wie: „ich habe doch nur Spaß gemacht“ oder „das habe ich doch nicht so gemeint“ reagieren.
Als Kind haben mich ironische Äußerungen verunsichert und wütend gemacht.
Warum mussten Menschen Sprache verkomplizieren, wo es für mich ohnehin schon schwierig war, sie zu verstehen?

Ähnlich schwierig war und bleibt für mich das Verständnis von Sprichwörtern.
Diese habe ich ebenso auswendig lernen müssen wie Vokabeln. Einige von ihnen sind mittlerweile in meinen Sprachgebrauch integriert, so dass ich sie mühelos verstehen und anwenden kann. Andere hingegen sind mir bis heute in ihrem übertragenen Sinn fremd. Müsste ich sie erklären, so gelänge mir das nur in ihrer wortwörtlichen Bedeutung.

Hierzu fällt mir eine Szene ein, die mir damals ernst war, über die ich heute aber, wenn ich sie erzähle, schmunzeln kann:

Während der Pubertät war ich wie die meisten Teenager häufig missgelaunt.
Als ich wieder einmal mit einer entsprechend schlechten Laune am Frühstückstisch saß, stellte meine Mutter fest, dass ich wohl am Morgen mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden sei.
Um ihr einen Gefallen zu tun, beschloss ich, am nächsten Tag mit dem anderen Fuß zuerst aus dem Bett zu steigen, was gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war.
Stolz verkündete ich meiner Mutter, dass ich soeben mit dem richtigen Fuß aufgestanden sei.
Meine Mutter verstand, was ich damit sagen wollte, wusste aber nicht, dass ich, verbunden mit erheblichen Schwierigkeiten, tatsächlich mit dem anderen Fuß als am Vortag aus dem Bett gestiegen war. Mir hingegen war zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass es sich dabei lediglich um ein Sprichwort gehandelt habe, mit dem meine Mutter lediglich zum Ausdruck bringen wollte, dass ich schlecht gelaunt sei. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass ich sie beim Wort genommen habe, weil mir der Satz nur in seiner wortwörtlichen Bedeutung verständlich war.

Bis heute ist es mir am liebsten, wenn Menschen eine klare und eindeutige Sprache verwenden, weil es auf diese Weise am wenigsten zu Missverständnissen kommen kann und ich mich in der Kommunikation sicher fühle, was sowohl das Verstehen als auch das Verstanden werden betrifft.

Wenn ich mich auf das Wort nicht verlassen kann, worauf dann?

2 Gedanken zu „Nichts als die Wahrheit – die Bedeutung des Wortes

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