Über die Schwierigkeit, mit Brettern unter den Füßen zu laufen

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Skilaufen

Solange ich dort oben stehen bleiben würde, konnte mir nicht passieren.
Ich hatte lange, starre Holzbretter unter den Schuhen, die jede Bewegung unvorhersehbar machten.
Wie sollte ich damit laufen? War das überhaupt möglich, ohne zu stolpern und hinzufallen?
Sie sagten, es sei ganz einfach und mache Spaß.
Ich vermochte weder das eine noch das andere nachzuvollziehen.
Die Bretter unter den Füßen entzogen der Fortbewegung jegliche Kontrolle.
Keinen einzigen Schritt würde ich damit machen.

Stattdessen stocherte ich mit meinen Skistöcken im Schnee herum.
Die Monotonie des Stocherns beruhigte mich.
Ich nahm nichts anderes mehr um mich herum wahr als die Löcher, die ich mit den Stöcken in den Schnee bohrte. Darin empfand ich eine ähnliche Erleichterung wie jene, die ich fühlte, wenn ich abends im Bett lag und mit dem Kopf in meinem Kissen hin und her wühlte.

„Nun komm doch endlich, uns wird es kalt!“
Ihre Stimmen waren laut. Die körperliche Anspannung kehrte sofort zurück.
Ich spürte die Kälte nicht – nur Angst.
Angst, die mich bewegungsunfähig machte und unter der sich mein ganzer Körper verkrampfte. In meinem Kopf hämmerte es. In solchen Momenten rasen Gedanken schneller als ich in der Lage bin, sie zu verarbeiten.

„Hör endlich auf mit der sinnlosen Herumstocherei und komm! Oder willst du uns den ganzen Tag verderben?“
Ich wollte ihnen nicht den Tag verderben. Ich hatte Angst.
Und ich wusste von dem Augenblick an, dass sie mich wieder einmal nicht verstanden.
Ich war anders als sie, die sich daran erfreuen konnten, mit langen Brettern unter den Schuhen den Berg hinunter zu laufen.
Aber sie waren in der Überzahl und würden die Entscheidung treffen, am nächsten Tag wieder hierher zurück zu kehren. Ich hatte keine andere Wahl. Sie würden meine Angst nie ernst nehmen, egal, wie lange ich im Schnee stehenblieb und Löcher in den Schnee bohrte.
Sie nannten es Sturheit. Ich wolle mit meinem Verhalten lediglich meinen Willen durchsetzen und mich in den Mittelpunkt stellen. Sie hatten wirklich keine Ahnung, was in mir vorging.
Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg, aber ich spürte, dass mir nicht anderes übrig bleiben würde, als den Berg mit den Skiern an den Füßen hinunter zu fahren. Niemand würde mir helfen. Im Gegenteil – Sie lachten mich aus, weil es komisch aussah, wie ich dort stand und beharrlich mit den Stöcken im Schnee herum stocherte.

„Wenn du jetzt nicht sofort kommst, dann lassen wir dich dort stehen und fahren ohne dich weiter!“
Sie machten mir noch mehr Angst, weil ich ihre Worte nicht begriff.
Warum halfen sie mir nicht, sondern drohten mir stattdessen damit, mich in einer fremden Umgebung alleine zu lassen?
Mein Stochern wurde hektischer und verlor seinen monotonen Rhythmus, der mich zuvor beruhigt hatte.
Wie sollte ich mich auf dem glatten Schnee bergab fortbewegen, ohne zu stürzen, wenn ich starre und viel zu lange Bretter unter den Füßen hatte, die zu rutschen begannen, sobald ich die Fußspitzen hangabwärts positionierte?
Ich hatte schon im Alltag Schwierigkeiten, Beine und Arme zu koordinieren.
Wie sollte das gelingen, wenn ich nun zusätzlich noch zwei Stöcke an den Händen und zwei Holzbretter an den Füßen hatte?
Was würde geschehen, wenn sich diese Bretter unter mir in unkontrollierbare Bewegung setzten? Durch die dicken und engen Schuhe, die mit einer Bindung wie festgeschraubt auf den Skiern waren, nahm ich den Boden nicht wahr, der mir sonst Sicherheit beim Gehen gab.
So konnte ich mich nur auf meine Arme verlassen, die durch die Stöcke mit dem Boden spürbar verbunden waren. Sie würden mein einziger Halt sein, solange ich mich nur fest genug aufstützte und nicht losließ. Aber genau das sollte ich ja – loslassen, was, so verkrampft wie ich war, unmöglich schien.

„Nun komm endlich! Wir haben keine Lust mehr, noch länger auf dich zu warten.“
Nach einer halben Stunde ergab ich mich dem Unvermeidlichen und fuhr völlig verängstigt los.
Sie ließen mir keine Wahl. Sie haben nie begriffen, welche Anstrengung mich diese wenigen Meter gekostet haben. In ihren Augen hatte ich mich wieder einmal bloß angestellt. Das kannten sie ja bereits von mir.

„Es ist immer das gleiche Theater mit dir, wenn du etwas zum ersten Mal machst. Man muss dich immer zu deinem Glück zwingen.“

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