Von der Schwierigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Problem mangelnder Empathiefähigkeit 

Zu fühlen, was mein Gegenüber gerade fühlt, zu spüren, wie es dem Menschen, mit dem ich gerade kommuniziere, geht, in seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, was er gerade denkt, um dann entsprechende Rückschlüsse auf sein Verhalten ziehen zu können, das sind Dinge, die mir zu einem großen Teil verschlossen und unbegreiflich sind.
Daraus resultieren immer wieder Missverständnisse in der Kommunikation und im Umgang mit sozialen Kontakten, die mir in der unmittelbaren Situation häufig selber gar nicht bewusst sind.
Aber auch, wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, verstehe ich nicht, was in dem Augenblick falsch gelaufen ist und dass ich möglicherweise unangemessen gehandelt oder reagiert habe.

„Versuche doch einfach einmal, dich in die Lage des anderen hineinzuversetzen.“
Immer wieder fällt in dem Zusammenhang dieser Satz. Als wenn das so einfach wäre.
Was anderen diesbezüglich selbstverständlich erscheint, nämlich die Kommunikation jenseits des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, bleibt für mich erst einmal rätselhaft.
Ich kann in den Gesichtern anderer nicht erkennen, wie sie sich gerade fühlen. Ich vermag zwar ein Lachen der Freude oder dem Glücklichsein zuzuordnen oder ein Weinen der Trauer oder dem Traurigsein, aber der Grund dafür erschließt sich mir in vielen Fällen nicht. Dadurch kann es zu Fehlreaktionen oder sogar zum Ausbleiben einer Reaktion von meiner Seite und zu Verständnisproblemen in der Kommunikation und im weiteren Handlungsablauf kommen.

Schon in meiner Kindheit war ich prädestiniert dafür, in jedes Fettnäpfchen zu treten, wobei ich mich noch sehr genau an mein Erstaunen erinnern kann, als meine Mutter dieses Sprichwort mir gegenüber zum ersten Mal äußerte, sah ich doch keines dieser Fettnäpfchen, in die ich angeblich getreten war, herumstehen.
Schaue ich mir die Erklärung dieser Redensart an – jemanden unabsichtlich durch eine unbedachte Äußerung oder ungeschicktes Verhalten kränken und sich dadurch selbst in eine peinliche Situation bringen – muss ich feststellen, dass sie, was mein Verhalten anbelangt, häufig zutreffend war und bis heute zutreffend geblieben ist. Es macht mich traurig, zu erkennen, dass ich andere Menschen, ohne es zu wissen, aufgrund meines fehlenden Einfühlungsvermögens möglicherweise verletzt oder gekränkt habe.

Wie oft habe ich zu hören bekommen, ich sei egoistisch und würde nur an mich denken, ohne den Sinn dieser Worte, die mich kränkten, zu begreifen.
Heute ahne ich langsam, dass mein Verhalten aufgrund mangelnder Empathie in meinem familiären und sozialen Umfeld den Eindruck hinterlassen hat, ich würde keine oder nur wenig Rücksicht auf die Gefühle meiner Mitmenschen nehmen. Dabei ist es vielmehr so, dass ich die Gefühle gar nicht erkenne, nicht weiß, woran ich mich orientieren muss, um sie für mich erkennbar zu machen. Vieles, was andere Menschen intuitiv erkennen, kann ich nur mit Hilfe der Logik erarbeiten und mir so als mögliche Gefühlsinterpretationen verfügbar machen.

Ich muss lernen, den direkten Weg über die Sprache zu gehen. Das heißt, mein Gegenüber darüber zu informieren, dass mir die Fähigkeit fehlt, mich in andere hineinversetzen und ihre Gefühle intuitiv erfassen zu können und im Anschluss daran zu fragen, wie er oder sie sich fühlt.
Auf diese Weise kann ich für mich die Voraussetzung schaffen, adäquat zu reagieren und zu handeln, vorausgesetzt, dass der Andere bereit ist, sich auf diese direktere Form der Kommunikation einzulassen und mir dadurch zu helfen, seine Gefühle erfassen und verstehen zu können. Das ist nicht leicht.

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, nonverbale Kommunikation sicher anzuwenden und zu verstehen, sie ist wichtiger Bestandteil der sozialen Interaktion und signalisiert: „Ich verstehe dich auch ohne Worte.“ oder: „Ich fühle, wie es dir geht.“
Ich habe Schwierigkeiten, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen, vor allen Dingen dann, wenn sie abweichend sind von dem, was ich in dem Moment fühle beziehungsweise in einer vergleichbaren Situation fühlen würde.
Für mich ist nonverbale Kommunikation eine Fremdsprache, deren Vokabeln ich nur kognitiv erfassen und dann abspeichern kann, wobei es nicht nur um das systematische Erlernen von Gestik und Mimik geht, sondern auch um deren Bedeutung im Kontext, weil diese variiert und nicht einfach von einer auf die andere Situation übertragen werden kann.

2 Gedanken zu „Von der Schwierigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können

  1. Ich kenne das Problem auch nur allzu gut. Es fällt deshalb so übel für meine Seite aus, weil ich die Minderheit repräsentiere und die Masse selbstverständlich annimmt, dass das, was sie nicht in Frage stellt, die natürliche Sichtweise darstelle.

    Ich kenne aber etliche Nichtautisten, deren Verhalten ich als roh und unempathisch emfinde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig sie sich in andere hineinversetzen können (nicht wollen ist wieder eine andere Schiene). Nun mag es zwar sein, dass mir der intuitive Zugang zu den Gefühlen anderer fehlt, aber offenbar bin ich doch in der Lage, viel über den Kopf auszugleichen. Darin scheine ich – zumindest meinem Eindruck nach – manchmal erfolgreicher zu sein als jene, die sich allein auf ihre Intuition verlassen, denn es scheint auch nicht autistische Menschen zu geben, mit deren natürlichen Begabung es auch nicht weit her ist. Nur im Gegensatz zu mir sind sie nicht den Weg über die Logik gewohnt. Insofern relativiert sich mein Defizit. Von manchen Menschen würde ich mir sogar ausdrücklich mehr Kopf in Gefühlsangelegenheiten wünschen.

    Ich frage mich in solchen Situationen: Wie würde ich mich fühlen? Und gibt es noch andere Alternativen, wie ich den Gemütszustand, die Motive und das Erleben des andern interpretieren könnte? Nachfragen hilft natürlich ungemein. So komme ich ganz gut zurecht. Als Kind und als Jugendliche hatte ich solche Fertigkeiten noch nicht. Da lag ich öfter daneben – und wusste nicht, warum.

  2. den Artikel hätte auch ich schreiben können. Kann mir jemand einen Weg (nicht das Allheilmittel) da heraus zeigen? Ich stelle mir grad ein Vorstellungsgespräch vor: Ich bin unfähig, mich in andere hineinzuversetzen. Antwort: Auf wiedersehen…. das kann es ja wohl nicht sein!

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