Symmetrische Ordnung

Gedanken einer Asperger-Autistin über ihr Bedürfnis nach Symmetrie   

Seit meiner Kindheit spielt Symmetrie eine wichtige Rolle in meinem Leben.
Sie sorgt zu einem großen Teil sowohl für mein psychisches als auch für mein physisches Gleichgewicht. Schon als Kind war ich fasziniert von symmetrischen Bildern und Figuren. Sie hatten und haben bis heute für mich eine beruhigende Wirkung.
Aber so sehr, wie mir symmetrisch angeordnete Bausteine als Kind eine Freude bereiteten, so sehr litt ich darunter, wenn diese Ordnung zerstört war. Mein Empfinden geriet durcheinander und ich konnte nicht erklären, warum das so war. Ich wusste nur, dass ich die Symmetrie im Baukasten so schnell wie möglich wieder herstellen musste. Dazu schüttete ich den Inhalt des Baukastens auf den Boden und begann dann ganz akribisch, die Steine so einzuräumen, dass ein symmetrisches Muster entstand. Dabei war neben den Formen auch die farbliche Übereinstimmung der einzelnen Steine wichtig. Und ich war erst zufrieden, wenn die Anordnung der Bausteine hundertprozentig meiner Vorstellung entsprach. Man hätte das Ergebnis mit einer Wasserwaage überprüfen können, so penibel hatte ich die Steine zusammengefügt und aufeinandergelegt.

Fasziniert war ich als Kind auch von Kaleidoskopen. Durch die Mehrfachspiegelung entstanden beim Drehen des Kaleidoskops immer neue, symmetrische Bilder. Das Besondere am Kaleidoskop ist die Unmöglichkeit, die Symmetrie des Bildes zu zerstören. Ebenso wenig können sich Fehler oder Ungenauigkeiten einschleichen wie beim Zeichnen von symmetrischen Bildern oder bei der Herstellung von Orientteppichen, deren Muster ich auch besonders mag. Mir fällt sofort auf, wenn es im Muster eines Teppichs Abweichungen in Farbe oder Form gibt, weil dadurch die Regelmäßigkeit unterbrochen wird.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an ein geometrisches Spielzeug – Spirograph – mit dem ich mich als Kind intensiv beschäftigt habe. Das Spiel bestand aus mehreren Plastikscheiben und Plastikringen, die jeweils am Rand gezackt waren. Legte man eine Scheibe, in der sich in bestimmten Abständen Löcher befanden, in einen zuvor auf einem Blatt Papier befestigten Ring, konnte man mit Hilfe eines Kugelschreibers, den man in eines der Löcher der Scheibe steckte einen Kreis beschreiben. Auf diese Weise griffen die gezackten Ränder ineinander und es entstanden Hypozykloide (rosettenähnliche, geometrische Figuren).

Als wunderschön empfinde ich auch die symmetrische, französische Gartenkunst wie man sie unter anderem im Schloss Augustusburg in Brühl findet. Der Blick von der Terrasse auf den Schlosspark mit seinen symmetrisch angelegten Buchsornamenten hat etwas sehr Beruhigendes genauso wie die symmetrische Ornamentik in der islamischen Architektur, die ich während zahlreicher Aufenthalte in orientalischen Ländern (der Orient war einmal ein Spezialinteresse von mir) kennengelernt und immer wieder fotografiert habe.

Unter diesen Gesichtspunkten lässt sich leicht erraten, welcher Bereich der Mathematik mir besonders gefallen hat – die Geometrie. Ich war fasziniert von den verschiedenen Formen der Symmetrie (Achsen- oder Spiegelsymmetrie, Drehsymmetrie) geometrischer Figuren.

Eine symmetrische Ordnung gibt es in meinem Alltag auch beim Aufhängen der Wäsche. Ich achte immer ganz genau darauf, dass ich bei einem Wäschestück die gleichen Klammern benutze. Gleich heißt in dem Fall: gleiches Fabrikat, gleiche Farbe. Auf diese Weise ergibt sich ein Bild mit zwei gleichen Seiten ähnlich einer Spiegelung. Würde ich unterschiedliche Wäscheklammern benutzen, wäre diese Symmetrie zerstört und würde in mir ein großes Unbehagen hervorrufen. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, dass ich in der Waschküche bei der Wäsche von Nachbarn die Klammern ausgetauscht habe, um die symmetrische Ordnung wieder herzustellen.

Aber warum war und ist Symmetrie für mich so wichtig, dass ich mich gleich unwohl fühle, wenn sie durch äußere Einflüsse zerstört wird?

Das Wort Symmetrie stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus „syn“ für gleich, gleichartig und „metron“ für Maß zusammen. Es bedeutet folglich in der Übersetzung „Gleichmaß“.
Allgemein gesagt handelt es sich dabei um „eine wechselseitige Entsprechung von Teilen eines Ganzen in Form,Farbe, Größe und Anordnung“.

Dieses Gleichmaß ist vorhersehbar und schafft durch das ständige Kopieren (Wiederholung) von Mustern eine Regelmäßigkeit, Ordnung und Sicherheit. Und genau diese Eigenschaften sind für mich unverzichtbar, wenn es darum geht, meinen Alltag zu strukturieren.
Wiederholungen und Gleichmäßigkeit helfen mir dabei, mich im Leben zurecht zu finden.
Gerät mein Alltag durch Veränderung aus dem Gleichgewicht, wird mein Streben nach symmetrischer Ordnung fast zwanghaft. So schaffe ich mir ein Ersatz-Gleichgewicht, das eine beruhigende Wirkung auf mich hat und mir hilft, mich wieder orientieren zu können.

2 Gedanken zu „Symmetrische Ordnung

  1. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hatte als Kind ebenfalls das starke Bedürfnis nach Symmetrie. Das hat zwar nachgelassen, doch Symmetrie hat ebenfalls noch eine beruhigende Wirkung auf mich. Wie verhielt es sich bei dir mit nebeneinander aufgehängten Kinderschaukeln? Mir wurde sofort schwindlig, wenn beide Schaukeln benutzt wurden – totale Asymmetrie! Ich bin froh, dass das vorbei ist. Ich war als Kind wohl „etwas“ anders.

  2. Pingback: Symmetrische Ordnung « Muster der Menschheit – Inspirationen zur Mathematik und zum Rechnen

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