Anderssein Teil 5

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 5

Seit einer Woche hat das Anderssein nun einen Namen – Asperger-Syndrom.

Ein Wort, welches nach siebenundvierzig Jahren plötzlich so viele Antworten gibt.
Antworten auf die oft quälenden Fragen nach den Gründen für mein Anderssein, mit denen ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandergesetzt habe und die einen großen und zentralen Platz in meinem Leben einnahmen.

Ein Wort, das von einer schweren Last befreit hat, die mir zuletzt kaum noch erträglich war.
Es war eine Belastung, immer mit dem Gedanken zu leben, dass etwas nicht stimmt mit einem selbst und keine Erklärungen dafür zu finden, warum das so ist.
Eine noch größere Belastung war es, mit niemandem darüber sprechen zu können, immer alleine zu sein mit diesen Gedanken und Ängsten und ganz nebenbei jeden Tag funktionieren zu müssen, damit das Anderssein nicht auffällt.
So habe ich sehr darunter gelitten, dass mir immer wieder unterstellt wurde, ich sei faul und ginge vielen Dingen aus Bequemlichkeit aus dem Weg. Dabei ist schon die Bewältigung des Alltäglichen für mich mit einem enormen Kraftaufwand verbunden, weil ich mich permanent an eine Welt anzupassen versuche, die mir in vielen Teilen fremd und unverständlich ist.
Aufgrund meiner Intelligenz war und ist die Erwartungshaltung meines Umfeldes an mich sehr hoch und niemand ahnt, mit welchen Schwierigkeiten ich täglich zu kämpfen habe.
Auch, wenn es mir in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, meine Probleme durch erlerntes Verhalten zu kompensieren, so waren und sind sie doch ständig präsent und schränken mich im Alltag und vor allen Dingen im Umgang mit Menschen massiv ein.

Nun gibt es für diese Schwierigkeiten, die mich das ganze Leben begleitet haben, eine Erklärung. Das macht sie begreifbar und gibt mir die Möglichkeit, mich ganz anders damit auseinander zu setzen. Sie gehören zu mir und werden immer ein Teil von mir bleiben.
Mit der Diagnose weiß ich nach vier Jahrzehnten ständiger Suche endlich, wer ich wirklich bin.

So war dieser Tag einer der schwersten, aber sicher auch der wichtigste in meinem Leben.

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