Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

Es scheint einfacher, Kinder  mit der Diagnose Asperger-Syndrom von einer schulischen Integration auszuschließen, als sich der Herausforderung zu stellen und einen Lernort zu schaffen, der auch die Förderung eines autistischen Kindes möglich macht.

So muss ein elfjähriger Junge mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine weiterführende, private Schule jetzt verlassen, weil sich die Schulleitung nicht in der Lage sieht, der Bedürfnisse und Rechte des Kindes gerecht zu werden. Man sei schließlich eine allgemeinbildende, weiterführende Schule und nicht speziell für die Bedürfnisse eines autistischen Kindes ausgestattet.

Laut Aussage der Schulleitung seien viele Gespräche mit Fachleuten und Beratern geführt worden, um den Jungen in der Klasse integrieren zu können. Merkwürdig, dass die Mutter zu keinem dieser Gespräche geladen wurde und bis heute keinerlei Information über deren Inhalte erhalten hat. Dabei hatte sie bereits im Januar diesen Jahres um ein Gespräch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und dem Autismusbeauftragten gebeten, welches im April seitens der Schule zweimal verschoben und danach nicht mehr thematisiert wurde.
Zuletzt wurden die schriftlichen Bitten der Mutter an den Klassenlehrer und die Schulleitung, dieses Gespräch schnellstmöglich nachzuholen, nicht einmal mehr beantwortet.

Das erweckt den Eindruck, die Schule ziehe es vor, Probleme auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Mutter des Jungen letztendlich aufgeben und ihren Sohn von der Schule nehmen würde.

Dabei haben behinderte Kinder laut Artikel 24 des Gesetzes
zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
ein Recht auf integrative Beschulung.

Artikel 24

Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl

 des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen
nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Doch was nützen Gesetze zur Integration behinderter Kinder im Regelschulsystem, solange sie nicht konsequent und für alle Schulen (auch die privater Träger) verpflichtend umgesetzt werden?

8 Gedanken zu „Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

  1. Ich bin zur Zeit als Praktikantin in einem Gymnasium tätig und begleite eine 6. Klasse in der ebenfalls ein Kind mit dem Asperger Syndrom unterrichtet wird. Leider ist es den Lehrern, auch aufgrund fehlender Integrationshelfer, nicht möglich die Aufmerksamkeit des Kindes auf den Unterricht zu lenken, sodass auch dieses Kind das Gymnasium zum Ende des Jahres verlassen werden muss. Ich sehe die Schuld hier jedoch nicht bei den Lehrern, da es einfach zeitlich nicht möglich ist, sich innerhalb einer 25 Schülerklasse auf ein Kind speziell zu konzentrieren, sondern bei den finanziellen Mitteln, welche den Schulen seiten des Landes nicht zu Verfügung stehen. Wären die Klassen kleiner und es gäbe Unterstützung seitens Integrationshelfern und Sozialpädagogen, wäre die Situation einfacher. So wollen viele Schulen das Kind nur deswegen nicht unterrichten weil sie wissen, dass es nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen kann. Und das ist wirklich schade.

  2. Ja, leider sind solche von dir geschilderten Situationen trotz Un-Konvention immer noch Alltag an unseren Schulen. Für die Eltern ist es ein ständiger Kampf und die Leidtragenden sind die Kinder, die die Ablehnung und Ausgrenzung ganz deutlich spüren.
    Es gibt in Deutschland eine Schulpflicht, aber leider keine Beschulungspflicht.

  3. Hallo, habe gerade das gleiche Problem. Ein Asperger mit Gymnasialempfehlung wird ohne Begründung von der Gesamtschule abgewiesen. Es gab als Vorabinfo nur die Worte Asperger und Einzelfallhelfer. Diese Aussagen reichen einem Schulleiter um einen jungen, hochmotivierten und durchaus fähigen Menschen die Chance zu nehmen mit Freunden den weiteren Schulweg zu beschreiten. Dieser Rektor hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht ein persönliches Gespräch zu führen oder genaueres zu erfragen… Bin als Mutter echt mehr als enttäuscht, wo soll das noch enden?

    • Hallo Sandra,
      ich wünsche Dir ganz viel Kraft. Habe ehrlich gehofft das dein großer seine Probleme überwindet. Vielleicht hast du Lust Dich mal zu melden, wir waren in 2005 zusammen auf Langeoog. Weiß gar nicht ob du dich an uns erinnerst. Liebe Grüße Christiane und Tizian.

  4. Ich finde es sehr traurig, wie schnell Asperger-Autisten Fähigkeiten abgesprochen werden, ohne ihnen eine Chance zu geben, nur, weil sich Lehrer und Schulleiter der Herausforderung nicht stellen wollen. Abschieben ist der bequemere und leider oft bevorzugte Weg. Integration muss erst in den Köpfen stattfinden, bevor sie konsequent in die Tat umgesetzt werden kann.

    Deine Frage beantworte ich dir gerne per Mail, supermom.

  5. Toll!
    Ich wüsste zu gern, um welche Schule es sich handelt, da wir ähnliches erlebt haben. Nur dass uns kurz vor Aufnahme in die 5. Klasse der bereits gültige Vertrag gekündigt wurde, weil ein Kind mit Asperger ja nicht fähig ist, eine Ganztagsschule zu besuchen!

    Argh!

    Jetzt geht unser Sohn auf ein „normales“ Gymnaium, mittlerweile in die 7. Klasse und kommt problemlos zurecht!

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