Einundzwanzigtausendvierhundertzwölf

Noch 21.412 Minuten.
Dann habe ich es geschafft und werde einen großen Schritt weiter sein.

Ich wünschte mir, die Zeit beschleunigen zu können – zumindest in den nächsten 15 Tagen. Denn das Warten scheint mir in manchen Momenten fast unerträglich.
Die Gefühle sind ein einziges, unbegreifliches Knäuel, welches mein Denken auf einen einzigen Punkt fixiert, den Tag, der mir endlich die lang ersehnte Gewissheit bringen wird.

Ich bin erschöpft.
Denn der Weg bis hierher hat mich sehr viel Kraft gekostet.
Es gab Tage, da fehlte mir der Mut, immer weiter einzudringen in meine Vergangenheit und in mich hinein zu schauen, mich sozusagen von außen zu betrachten und jedes noch so kleine und auf den ersten Blick unbedeutende Detail genau zu analysieren. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich habe etwas Wertvolles gefunden – meine Identität.

Nach so vielen Jahren weiß ich nun endlich, wer ich wirklich bin und warum ich immer anders war und immer anders sein werde. Das ist ein wunderbares Gefühl, in das sich nur ganz selten ein wenig Angst mischt – Angst vor der Endgültigkeit.
Immerhin wird mir mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine tiefgreifende Entwicklungsstörung bescheinigt werden.

Aber was bedeutet das schon angesichts der Tatsache, nach so vielen Jahren der oft verzweifelten Suche nach der eigenen Identität endlich sagen zu können:
„Das bin ich!“
?

11 Gedanken zu „Einundzwanzigtausendvierhundertzwölf

  1. Ja, das ist wirklich ein gutes Gefühl. Endlich kann ich so viele Dinge verstehen, woher meine Schwächen aber auch Begabungen kommen, meine Schwierigkeiten mit anderen Menschen und die daraus resultierenden Dinge. Und ich kann mich ganz damit identifizieren.

  2. Hallo Sabine, heute bekam auch ich die Diagnose, ich bin Asperger-Autistin und ich empfinde dieselbe Erleichterung, endlich meine Identität gefunden zu haben, wie Du. Danke, dass Du mir zugehört hast.

  3. Hallo Andrea, das Zählen hat mir geholfen. Es machte den Zeitpunkt des Diagnosetermins vorhersehbar und greifbar. Es war etwas, woran ich mich festhalten und orientieren konnte. Die Angst davor, die Diagnose nicht zu bekommen, hatte ich auch. Ich mochte gar nicht daran denken und doch hat mich die Angst nächtelang kaum schlafen lassen. Ich hatte nach 47 Jahren endlich meine Identität gefunden und der Gedanke, man könne sie mir wieder nehmen, war unerträglich.

  4. Auch wenn das nun nach Nachmachen aussieht, aber gerade kam mir derselbe Gedanke und ist wohl ein Indiz, dass ich genauso gestrickt bin, wie andere Aspies. Dies würde bedeuten, dass ich in gewisser Hinsicht ja doch normal bin…

    Noch 10 Tage 13 Stunden und 12 Minuten, bis zu meinem Diagnosetermin. Langsam bekomme ich doch ein wenig Angst. Aber noch mehr Angst habe ich, wenn ich die Diagnose Asperger-Syndrom nicht bekomme…

  5. Hallo Sabine, Gerade habe ich Deine Einträge gelesen und es ist so, als hätte ich sie geschrieben. Mir geht es ganz genauso wie Dir, ich warte derzeit auf meinen Diagnosetermin, der in zwei Wochen sein wird. Auch ich schwebe zwischen Bangen und Hoffen. Ich bange, tatsächlich die Asperger-Diagnose zu bekommen, das ist ja schon eine ernste Sache, andererseits hoffe ich, endlich anzukommen, endlich zu wissen, warum ich bin, wie ich bin, endlich aufhören zu dürfen, gegen Dinge anzukämpfen, da sie unveränderlich sind. Es würde mir große Erleichterung verschaffen.

  6. Zweitausendfünfhundertsechzig – Rückwirkend gesehen ist die Zeit doch sehr schnell vergangen.
    Ich bin sehr angespannt, kann aber überhaupt nicht beschreiben, wie sich das anfühlt, nur, dass mein Gehirn auf Hochtouren läuft und ich mir wünsche, es gäbe einen Knopf, es einfach einmal für ein paar Stunden ausschalten zu können. Es ist die Angst vor dem Unvorhersehbaren, die mein Gehirn in Alarmbereitschaft versetzt.

  7. Achttausendsechshunderteins – endlich vierstellig -und trotzdem fühlt sich jede Minute wie eine Stunde an. Wie zähflüssig Zeit doch sein kann. Ungeduld war schon immer eine Schwäche von mir. Ich möchte alles gleich wissen und nicht warten müssen. Gewartet habe ich schon viel zu lange. Nächste Woche wird das Warten endlich Vergangenheit sein.

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