Gruppenabend – Der neue Raum

Der Raum erscheint mir kleiner als jener, in dem unsere Gruppenabende bisher stattgefunden haben. Die Gesichter der anderen sind plötzlich so nah, dass ich nicht weiß, welchen Punkt ich fixieren kann, ohne ihren Blicken zu begegnen.
Die Tür steht offen, damit später Kommende uns finden werden.
Aus dem Raum gegenüber, den wir bisher genutzt haben, dringt Musik, die sich mit den Stimmen der Anwesenden zu einem lauten Gemurmel vermischt, in dem Worte nur noch ein zusammengewürfelter Haufen sinnentleerter Laute ist.
Regen prasselt gegen die Fensterscheiben – dahinter Motorengeräusche.
Eine Autotür wird zugeschlagen – Schritte schlurfen über den nassen Boden.
Das Knistern von Bonbonpapier. Wieder Worte, deren Laute ineinanderfließen und ein Zischen, das beim Öffnen von Mineralwasserflaschen entsteht.
Stühlerücken. Bis alle ihren Platz eingenommen haben. Und Lachen.

Ein Knall. Jemand hat die Tür zugemacht, damit wir mit unserem Gruppenabend beginnen können. Die Musik entweicht dem Gemurmel und verwandelt sich in eine dumpfes Klopfen.
Dazwischen immer wieder Stimmen. Von rechts und links und gegenüber. Vor und hinter mir. Zu viele, um sie auseinander halten zu können.
Ich versuche, mein Gehör auf ihre Worte zu fokussieren. Aber ich höre nur Lärm. Ein Knäuel aus Rascheln, Rauschen, Zischen, Knistern, Regentropfen, dem Blättern in einem Buch und Stimmen.
Wenn ich aufgeregt bin, fällt es mir noch schwerer als sonst, Geräusche zu ignorieren.
Und ich bin nervös, weil wir in einem anderen Raum sind, wo sich die Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz befinden und ich mir alles neu einprägen muss.
Zum Glück sitzt sie neben mir. Das gibt mir Sicherheit, weil ich ihre Nähe gewohnt bin. Sie existiert auch außerhalb dieses Raumes.
Es wäre gut, wenn alle immer an der gleichen Stelle säßen. Das würde vieles leichter machen.

Eine Hand berührt meinen Rücken. Dabei wissen sie, dass ich das nicht mag.
In meinem Kopf beginnt es zu hämmern.
Ich brauche dringend etwas, woran ich mich festhalten kann.
In meiner Handtasche, die in dem Korb auf dem Boden liegt, suche ich nach meinem Daumenstein. Seine kühle, glatte Oberfläche fühlt sich gut an zwischen den Fingern. Meine Anspannung löst sich ein wenig. Mir gelingt es, Stimmen einer Richtung zuzuordnen und mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Manchmal verschluckt das Rascheln des Bonbonpapiers noch einzelne Worte.
Aber der Raum erhält allmählich Struktur. Struktur, die mir hilft, mich zu orientieren.
Nur die Tür kann ich schwer einordnen, da sie sich im Vergleich zu dem bisher genutzten Raum, am entgegengesetzten Ende befindet. Das irritiert mich. Ich mag Veränderungen nicht. Sie müssen Stück für Stück wie bei einem Puzzle zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden, welches sich erst nach seiner Fertigstellung abspeichern lässt.
Ob sie meine Verunsicherung bemerkt haben?

Manchmal würde ich gerne in ihren Gesichtern lesen, auch, wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll. Sie können das – in Gesichtern erkennen, wie sich jemand fühlt. Diese Fähigkeit unterscheidet sie von mir.
Wobei es korrekter wäre zu sagen, dass ich mich von ihnen unterscheide, nicht sie von mir.
Denn ich bin diejenige, die anders ist. Egal, wie sehr ich versuche, mich anzupassen, ich werde vermutlich nie so sein wie sie. Das einzige, was uns bezüglich unserer Kinder verbindet, ist gleichzeitig das, was mich wiederum von ihnen trennt.

Ich sehe Autismus von der anderen Seite.

Ein Gedanke zu „Gruppenabend – Der neue Raum

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s