Anderssein Teil 4

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 4

Der Alltag stellte immer neue Fragen, aber ich wollte nicht weiter nach Antworten suchen, sondern einfach nur leben – genauso wie die anderen Menschen um mich herum.

Ich hatte den Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen, auch wenn ich spürte, dass ein solches Leben für mich nur schwer zu bewerkstelligen sein würde.
Doch während es anderen gelang, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen und sich zu verabreden, blieb ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – alleine.
Das Thema Beziehungen war und blieb für mich ein Buch mit sieben Siegeln, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht lesen konnte.
Warum das so war, entschloss sich mir nicht, egal, wie sehr ich nach Gründen suchte und mich bemühte, eine plausible Antwort zu finden.

Ich wollte nur ein ganz normaler Mensch sein.
Das gelang mir aber nur, in dem ich eine Rolle spielte und mich permanent anzupassen versuchte. Und ich spielte diese Rolle mit einem Perfektionismus, der nahezu meine ganze Kraft in Anspruch nahm.
Was anderen selbstverständlich war, musste ich mir mühsam zusammen basteln, um weiter funktionieren und meinen Alltag meistern zu können.
Welche Anstrengung sich dahinter verbarg, nahm niemand wahr – nicht einmal ich selber.
Dass im Haushalt vieles liegen blieb, dafür gab es nur eine Erklärung – Faulheit.
Lange Zeit glaubte ich selber, dass ich lediglich zu faul sei. Schließlich schafften meine Mitmenschen den Haushalt ja auch neben ihrer Arbeit und der Freizeit, von der ich offensichtlich zu viel brauchte, wenn ich am Nachmittag nach Hause kam.

Ich sehnte mich nach Ruhe, aber ich stürzte mich ins Leben.
Auf diese Weise konnte ich mich spüren. Denn die ständige Reizüberflutung hinterließ Spuren.
Dass ich alles viel intensiver wahrnehme, war mir damals vor lauter Anpassung und dem Wunsch, einfach nur ein ganz normaler Mensch zu sein, gar nicht bewusst.
Nur mein Körper reagierte entsprechend – mit Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Nackenverspannungen und am Ende sogar mit Allergien, die ich eine Zeit lang hartnäckig ignorierte.

Je älter ich wurde, desto schwerer fiel es mir, mich ständig anpassen zu müssen, um nicht aufzufallen, weil die Anforderungen, die das Leben an mich stellte, größer und komplexer wurden.
Für Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war, entwickelte ich immer neue Vermeidungsstrategien. Mein soziales Umfeld bekam von all dem nichts mit, weil ich meine Fassade weiterhin aufrecht hielt. Dahinter wurde das Leben komplizierter und kostete immer mehr Kraft.
Aber ich kämpfte weiter gegen mein Anderssein, das schon seit der frühesten Kindheit vertuscht worden war.

Nur abends, wenn ich ins Bett ging, ließ es sich nicht mehr verdrängen.
Dann schaukelte ich mich mit einem monotonen Hin – und Her meines Kopfes in den Schlaf, ein Ritual, das ich seit frühester Kindheit brauchte, um sämtliche Reize des vergangenen Tages abschütteln zu können und zur Ruhe zu kommen.
Am schlimmsten waren die Nächte, in denen ich dieses Ritual verdrängen musste, weil ich mein Zimmer mit jemand teilte, wie zum Beispiel im Urlaub mit meiner Freundin.
Dann lag ich oft stundenlang wach und suchte nach einem Weg, die Reize des Tages anders verarbeiten zu können als durch das „Wühlen“ mit dem Kopf, für das ich mich schämte, weil ich wusste, dass dieses Verhalten als nicht „normal“ galt, obwohl es in meinem Leben schon immer alltägliche Normalität gewesen war.

Wer legte überhaupt fest, was normal war und wie ein normales Leben auszusehen hatte?
Bedeutete anders zu sein gleichzeitig auch, nicht normal zu sein?
Lebte man ein Leben jenseits der Norm, wenn man anders war oder war das Anderssein nur eine besondere Form des Normalen?

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