Anderssein Teil 3

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 3

Nach der Schule begann ein neuer Lebensabschnitt.
Ich hatte mich entschlossen zu studieren. In meiner Vorstellung würde ein Studium ähnlich verlaufen wie der Schulalltag und somit die wenigsten Veränderungen mit sich bringen. Doch mit dem unübersichtlichen Universitätsgelände, den ständig wechselnden Räumlichkeiten und den vielen fremden Menschen um mich herum war ich überfordert. Ein Tag an der Universität war keinesfalls so überschaubar und durchstrukturiert, wie ich es von der Schule her gewohnt war.
Immer häufiger stellte ich mir die Frage, wie es den anderen Studenten und Studentinnen gelang, sich tagtäglich in diesem Chaos zurecht zu finden.
Erst viel später wurde mir klar, dass sie meine Eindrücke und Ängste vermutlich nicht teilten und sich keine Gedanken über die Dinge machten, die mich belasteten.

Am Ende des ersten Semesters stand für mich fest, dass ich das Studium abbrechen und mich für eine Berufsausbildung entscheiden musste, auch, wenn das eine erneute Veränderung in meinem Leben bedeutete. Aber der bevorstehende Eintritt ins Berufsleben machte mir Angst, da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Zu meiner Erleichterung waren die Ausbildungsplätze für das laufende Jahr schon vergeben.
So verbrachte ich ein ganzes Jahr bis zum Beginn meiner Ausbildung zur Verlagskauffrau zuhause in der sicheren Überschaubarkeit meines Elternhauses.
Ich brauchte diese Zeit gleichförmiger Tage, um neue Kraft zu schöpfen und zog mich in mich zurück.
Aber es gab auch Menschen in meinem Umfeld, die behaupteten, ich sei faul und solle arbeiten gehen, anstatt ein Jahr lang auf Kosten meiner Eltern in den Tag hinein zu leben.
Ich lebte nicht in den Tag hinein, sondern versuchte, einen Platz zu finden in einer Welt, die mir in vielen Teilen fremd und beängstigend war.
Oder war nur ich in dieser Welt die Fremde, die – so weit sie sich zurückerinnern konnte – immer anders gewesen war und es vermutlich immer bleiben würde?

Je mehr mir mein Anderssein bewusst wurde, desto intensiver versuchte ich mich anzupassen, normal zu sein, was immer auch das bedeutete.
Über einen gewissen Zeitraum gelang mir das auch sehr gut.
Der Anpassungsmechanismus funktionierte nahezu perfekt. Niemand wusste, wer ich wirklich war – nicht einmal ich selber.

Ich fühlte mich einsam. Nicht, weil ich einen großen Teil des Tages alleine verbrachte oder über keinen großen Freundeskreis verfügte. Ich hatte sogar eine erste Partnerschaft, auch, wenn es nur eine Wochenendbeziehung war. Vielmehr war es dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. immer die Außenstehende in einer Gruppe zu sein. Mit den oft belanglosen Gesprächen, dem Smalltalk, war ich überfordert. Hinzu kam, dass ich dem Gesprächsverlauf nicht folgen konnte, wenn mehrere Menschen gleichzeitig redeten. Dann nahm ich nur noch ein lautes Gemurmel wahr, das mir so anstrengend und unerträglich war, dass ich mich in mich und meine Welt zurückzog und nichts mehr von der Unterhaltung mitbekam.

Selbst in der Partnerschaft war ich einsam.
Das „Wir“, von dem die anderen im Zusammenhang mit ihrem Partner sprachen, empfand ich genauso wenig wie das Gefühl, diesem Menschen besonders nahe zu sein.
Trotzdem hielt ich daran fest, weil ich so sein wollte, wie die anderen. Und dazu gehörte eben eine Beziehung, auch, wenn ich nicht wusste, wie eine solche funktionierte und welche Rolle ich darin spielte.
Doch irgendwann wurde mir das Zusammensein – obwohl es nur am Wochenende stattfand – zu viel. Ich zog mich in mich zurück und ertrug die wenigen gemeinsamen Stunden, ohne dass sie mich berührten. Was ich empfand, war eine große Leere, die mich wie eine Hülle umgab.
Würde das in Zukunft die Form meiner Existenz sein?

Was ich nicht schaffte, vollzog mein damaliger Freund – er trennte sich von mir.
Ich nahm seine Worte einfach hin, ohne etwas zu erwidern.
Erst später, als er fort war, weinte ich, aber nicht aus Liebeskummer, sondern weil ich das Gefühl hatte, wieder einmal versagt zu haben.
Weder war ich fähig eine Beziehung zu führen, noch, sie zum richtigen Zeitpunkt zu beenden. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht trauern konnte um eine beendete Partnerschaft. Ich fühlte einfach nichts. Wie sollte ich auch eine Nähe vermissen, die nie vorhanden gewesen war?

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