Anderssein – Teil 2

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 2

Das Anderssein begleitete mich auch durch die Pubertät.
Ich war ein sogenannter Spätzünder und spielte noch mit Puppen und Legosteinen, als meine Klassenkameradinnen bereits erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hatten. Da mich die Jungs und das Verliebtsein noch nicht interessierten, fand ich nur wenige Mitschülerinnen, mit denen ich mich über mein Lieblingsthema, den aktuellen Schulstoff, unterhalten konnte.
Dabei wäre ich so gerne wie die anderen gewesen und hätte zu dem auserwählten Kreis der beliebtesten Mitschülerinnen gehört. Ich versuchte mich anzupassen und ihr Verhalten nachzuahmen, fühlte mich aber in dieser Rolle nicht wohl, weil ich ihr nicht gewachsen war.
Mit fünfzehn hatte ich einen ersten Freund – eine ganze Woche lang! Länger hielt ich es nicht aus, weil ich die ständige Küsserei eklig fand und ich seinen Wunsch nach permanenter Nähe nicht nachvollziehen konnte. Ich fühlte mich bedrängt und machte Schluss, in dem ich ihm seinen Freundschaftsring zurückgab. Mehr war ich nicht imstande zu sagen, weil ich selber nicht verstand, was in mir vorging. Wie hätte ich es ihm erklären können?

Immer häufiger wurde mir bewusst, dass ich anders war und ich begann, nach den Gründen meines Andersseins zu suchen.
Mit siebzehn Jahren las ich – ausgelöst durch mein Interesse im Pädagogikunterricht – zahlreiche Bücher von Siegmund Freud, C.G. Jung und Bruno Bettelheim, in der Hoffnung, dort eine Erklärung für mein Anderssein zu finden. Dabei stieß ich im Zusammenhang mit meinen Jaktationen (dem Kopf Hin-und Her wühlen im Bett, was ich immer noch jeden Abend vor dem Einschlafen mache) zum ersten Mal auf die mir bis dahin fremden Begriffe Hospitalismus und Autismus, laut Bettelheim Folgen emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit, die ein Gefühlstrauma auslösen. Da dies auf mich nicht zutraf, beschäftigte ich mich nicht weiter mit dem Thema Autismus und suchte weiter, immer in der Hoffnung, mich irgendwann einmal in einem Text wieder zu finden.
Gab es überhaupt Menschen, die genauso oder zumindest ähnlich wie ich waren?
Oft fühlte ich mich sehr einsam und unverstanden unter der Menschen, mit denen ich täglich zusammen war.
Vielleicht hatte ich ja wirklich nicht alle Tassen im Schrank, so oft, wie ich den Satz in meinem Leben zu hören bekommen hatte?

In dieser Zeit , kurz vor dem Abitur litt ich häufig unter massiven Ängsten und psychosomatischen Beschwerden wie Magenschmerzen, Schwindel, Herzrasen und Schlaflosigkeit. Als dieser Zustand unerträglich wurde, ging ich zum Arzt und bekam Psychopharmaka verschrieben, die ich aber nach wenigen Tagen absetzte, weil ich Angst vor den im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen hatte. Die Tabletten, die mir meine Eltern gegen die Magenschmerzen gegeben hatten, halfen zumindest, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen.
Die massive, innere Anspannung und die zwanghafte Suche nach meiner Identität blieben.

Obwohl ich eine sehr gute Schülerin war und das Wissen seit der Grundschule wie ein Schwamm aufsaugte, hatte ich große Angst davor, mein Abitur nicht zu bestehen.
„Mach dich doch nicht verrückt. Du schaffst das mit links.“  (Wenn, dann würde ich es nur mit links schaffen. Schließlich bin ich ja Linkshänder, dachte ich mir, ohne es jemals auszusprechen, weil ich spürte, dass es etwas ganz anderes bedeuten musste, etwas mit links zu machen.)

Vielleicht war ich das ja bereits – verrückt?
Dass etwas mit mir nicht stimmte und mich von den anderen Menschen unterschied, spürte ich ja bereits seit frühester Kindheit. Aber um nicht aufzufallen, versuchte ich mich anzupassen – so normal zu sein, wie möglich.
Also setzte ich mich hin und versuchte zu lernen, so, wie meine Klassenkameradinnen, aber ich wusste gar nicht, wie man das machte – Lernen. Ich konnte Wesentliches von Unwesentlichem nicht unterscheiden und blieb oft an Details hängen, die zur Erfassung der vor mir liegenden Thematik unerheblich waren. Zum Glück aber blieben mir Texte, die ich einmal gelesen hatte im Gedächtnis, als hätte ich sie auf einer Festplatte abgespeichert, so dass sie jederzeit abrufbar waren, auch, wenn ich deren Inhalt nicht verstand.

Trotz massiver Angst zu versagen, schaffte ich mein Abitur ohne große Anstrengung mit einem Notendurchschnitt von 2,2.
Doch ich verstand nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit mein Umfeld diese Tatsache hinnahm. „Das war doch klar, dass du dein Abitur so gut bestehen würdest.“
Mir war das nicht klar und noch weniger selbstverständlich.
Wieder wurde mir bewusst, wie wenig die Menschen von dem wussten, was wirklich in mir vorging und wer ich wirklich war. Das machte mich traurig.
Würde es je einen Menschen geben, der mich wirklich verstand und nachvollziehen konnte, was in mir vorging?

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