Anderssein

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 1

So weit ich mich zurückerinnern kann, war ich ein Sonderling – irgendwie anders als die anderen. Ein ungelenkes, tolpatschiges Kind mit einem sonderbaren Gang und einer Fehlstellung des linken Auges, die hinter einem dicken Brillenglas noch deutlicher zum Vorschein kam.
Ich spielte lieber alleine in meinem Zimmer als draußen auf der Strasse mit den anderen Kindern, die mich manchmal hänselten oder über mich lachten. In meiner Welt, von deren Existenz niemand außer mir wusste, gab es keine Menschen, die sich über mich lustig machten und mir weh taten. Nur dort fühlte ich mich sicher und geborgen.

Draußen bei den Kindern hatte ich Angst davor, dass sie mir die Brille von der Nase schlagen und die Brillengläser dabei wieder kaputt gehen würden, ich mich beim Nachlaufen oder Versteckspiel blamierte, weil ich nicht geschickt und schnell genug war oder beim Ballspielen wieder als letzte übrig bleiben würde, weil keine Mannschaft mich als Mitspielerin haben wollte.

Ständig wurde ich mit der Tochter der Freundin meiner Mutter verglichen, die – im Gegensatz zu mir – sehr sportlich und gelenkig war.
Ich verstand nicht, warum es im Leben so wichtig sein sollte, Handstandüberschläge und Purzelbäume vorwärts und rückwärts machen zu können. Manchmal fühlte ich mich als Versager, weil ich all das nicht oder zumindest nicht besonders gut konnte und man mich belächelte, wenn ich mühsam versuchte, einen Handstand hin zu bekommen, ohne gleich wieder umzufallen.
Lieber las ich in meinen Büchern, deren Texte ich schnell auswendig vortragen konnte, auch, wenn ich sie nicht immer verstand. Das aber schien niemand als besondere Leistung anzusehen, zumindest wurde es nie hervorgehoben.

Seit meiner Geburt kam ich mit sehr wenig Schlaf aus, verweigerte zum Leidwesen meiner Eltern den Mittagsschlaf und schrie stattdessen viel und lang anhaltend.
Schlafen war für mich immer sehr schwierig, weil ich ständig angespannt und mit vielen Gedanken beschäftigt war, die ich am Abend nicht einfach abstellen konnte.
So schaukelte ich mich mit einem gleichmäßigen Hin und Her des Kopfes in den Schlaf, in dem ich in einem monotonen Sprechgesang permanent „Wühle, wühle, wühle“ wiederholte.
Zusätzlich bereiteten mir Schlafanzüge und Nachthemden Probleme, weil mich ihr Stoff in der Taille störte, sobald er Falten warf. Ich brauchte lange, um den Stoff endlich so zurecht gezogen zu haben, dass er mich nicht mehr störte.
Und dann kamen die Geräusche, die mich vom Schlafen abhielten. Das Ticken einer Uhr, das sich anhörte wie furchtbar laute Hammerschläge oder – was noch viel schlimmer war – das Atmen meiner Schwester, das immer lauter an mein Ohr drang und mir unerträglich war.
Ich weiß nicht, wie oft ich sie in der Nacht geweckt und gebeten habe, mit dem lauten Atmen aufzuhören.

Niemand sprach über meine seltsamen Angewohnheiten (zumindest nicht in meiner Gegenwart), obwohl sie weder meiner Schwester noch meinen Eltern entgangen sein konnten und meine Schwester sicher auch massiv gestört haben müssen.
Trotzdem spürte ich, dass etwas nicht stimmte mit mir und ich anders war als der Rest meiner Familie. Nur sprechen konnte ich darüber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es sich um Dinge handelte, über die man nicht sprach, weil sie sonderbar waren. Es war besser, zu schweigen, damit die Welt in Ordnung blieb und nicht durcheinander geriet.

Auch in der Schule war ich anders.
Lange bevor ich sechs Jahre alt wurde, konnte ich bereits Lesen, Schreiben und Rechnen, so dass ich mich im ersten Schuljahr permanent langweilte. Ich war vorlaut, wurde schnell zum Klassenclown und störte immer wieder den Unterricht. Meine Mutter wurde häufig zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin in die Schule gebeten, was mich sehr traurig machte.
Ich war doch eine hervorragende Schülerin und hatte lauter „Gut“ und „Sehr gut“ auf dem Zeugnis – nur im Betragen nicht. Die Grundrechenarten beherrschte ich bereits perfekt, ebenso die Grammatik und Rechtschreibung. Fehler in einem Text fielen mir sofort auf, weil sie das harmonische Textbild zerstörten und in den Augen weh taten. Das führte zu einem regelrechten Zwang, auf die Fehler hinzuweisen und sie unverzüglich beheben zu müssen, damit die Harmonie wieder hergestellt war. Auf diese Weise erhielt ich schnell den Ruf, eine Streberin zu sein. Beliebt waren aber die Schülerinnen und Schüler, die am schnellsten laufen konnten und
sportlich aktiv waren. Da konnte ich nicht mithalten.

Ich unterhielt mich lieber mit den Erwachsenen, weil ihr Verhalten vorhersehbarer war. Kinder – und speziell die Gleichaltrigen, mit denen ich die Zeit in der Schule verbrachte – waren in ihrem Verhalten unberechenbar.
An einem Tag spielten und sprachen sie mit mir, waren freundlich und nett und am nächsten Tag gingen sie mir aus dem Weg und beachteten mich nicht. Diese Form der sozialen Interaktion war mir fremd und verunsicherte mich. Was ich brauchte, war Kontinuität, etwas, woran ich mich festhalten und orientieren konnte. Aber die ständigen Veränderungen, egal wie klein sie auch waren, machten mir Angst. Da zog ich mich lieber zurück in meine eigene Welt, die mir Sicherheit und Halt gab.

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3 Gedanken zu „Anderssein

  1. Hi Sabine,

    was du schreibst, kommt mir auch sehr bekannt vor. Das mit dem Schlafen z.B., auch heute noch ein Thema, leider… (jetzt ist grad 5 Uhr morgens, und ich wollte vor 4 Stunden im Bett sein…). Auch das Lesenkönnen vor der Schule (und dann die Langeweile und schließlich der Klassenclown als Konsequenz), das Hervorstechen von Fehlern im Text (ich kann sie auch nicht stehen lassen), die Angst vor Gleichaltrigen und die Hinwendung zu Älteren hab ich wie du erfahren.

    Ich hab kein Asperger (zumindest nicht, dass ich wüsste), aber bei mir wurde ADHS diagnostiziert. Es scheint bei beiden ohnehin Schnittmengen zu geben.

    Ich finde es gut, wenn jemand seine Geschichte veröffentlicht, denn es gibt anderen Mut, und zeigt ihnen, was wir damals nicht wussten: dass wir nicht allein sind.

    Meine Einschlafmethode war früher übrigens: Radio auf Rauschen stellen, weil dann alle störenden Geräusche drin untergingen, und mein Kopf trotzdem was hatte, was ihn vom Gedankenkarussel runterholte. Geht jetzt leider nicht mehr, mein Freund würde wahnsinnig werden;-)

    Hoffe, du hast auch einen Weg gefunden. Als Erwachsener muss man wenigstens nicht mehr im Handstand rumstehen;-)…

    Liebe Grüße,
    Conny

  2. Hallo Carsten,

    nicht wahr, es tut sehr gut, wenn man nach langer Zeit feststellt, doch nicht allein zu sein auf diesem Planeten. 🙂 Für mich war bzw. ist das ein Gefühl, endlich eine Heimat gefunden zu haben, einen Ort, wo man sich nicht erklären und verstellen bzw. anpassen muss und Menschen zu treffen, die die gleiche Sprache sprechen.

    LG Sabine

  3. hallo sabine,
    ich habe erst in der letzten woche diesen blog gefunden. ich habe die aktuelleren beiträge bereits gelesen und werde mich noch durchs archiv lesen. es ist unglaublich in deinen beiträgen zu lesen was mir in meinen bisherigen 37 jahren ganz ähnlich wiederfahren ist. ich habe bereits mehrere bücher über asperger autisten gelesen und auch schon diverse webseiten, aber eine derartige übereinstimmung ist mir noch nicht aufgefallen. anscheinend bin ich doch nicht allein auf diesem planeten 🙂
    warte schon gespannt auf „Anderssein Teil2“

    lg carsten

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