Über die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen

Gedanken einer Asperger-Autistin über die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen

Spontan oder aus dem Bauch heraus Entscheidungen zu treffen, ist mir nahezu unmöglich.
Ich weiß nicht, wie andere Menschen es schaffen, sich ganz schnell und ohne lange Überlegungen für oder gegen etwas zu entscheiden.
Ich benötige dazu Zeit, sehr viel Zeit.
Zeit, alles bis ins letzte Detail zu hinterfragen, das Für und Wider systematisch gegenüber zu stellen und mich mit den möglichen Konsequenzen, die eine Entscheidung nach sich zieht, intensiv auseinander zu setzen. Zeit, auch eine bereits getroffene Entscheidung in allen Einzelheiten noch einmal überdenken zu können. Habe ich wirklich alle Punkte bedacht und alles richtig gemacht oder wäre es besser, die Entscheidung zu revidieren?
Auch hierbei spielt die Unvorhersehbarkeit eine große Rolle, da Entscheidungen zukünftige Ereignisse betreffen, deren Verlauf, wenn überhaupt, nur begrenzt vorhersehbar ist.
Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu fällen, ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln, da mir das Bauchgefühl fehlt. Auf dieser Ebene bin ich nahezu taub. Ich brauche Fakten, an denen ich mich orientieren und festhalten kann. Dementsprechend werden Entscheidungen bei mir immer mit dem Kopf getroffen und schließen Spontanität von vorne herein aus.

Ganz schwierig wird es für mich, wenn ich eine Entscheidung treffen soll, deren Ergebnis den Tagesablauf sofort und unmittelbar beeinflusst und somit eine Veränderung der festgelegten Struktur bedeutet. Einer solchen Situation werde ich immer versuchen, aus dem Weg gehen, weil sie Stress und Angst auslöst und mich in vielen Fällen zwingt, auf das zu verzichten, was mir Sicherheit gibt – Routinen.

Bei Entscheidungen werde ich – wenn möglich – die Alternative wählen, die mir nicht fremd und deren Konsequenzen für mich aufgrund bereits in der Vergangenheit gemachter Erfahrungen vorhersehbar sind. Das erklärt, warum ich Altbewährtes und Bekanntes dem Neuen und Fremden grundsätzlich vorziehe. In solchen Fällen brauche ich mich gar nicht zu entscheiden, weil das Fremde als alternative Wahlmöglichkeit sofort ausgeschlossen wird und gar nicht erst in die Entscheidungsfindung mit einfließt..
Nur in Ausnahmefällen wäre ich bereit, mich nach intensiver, gedanklicher Auseinandersetzung auf das Fremde einzulassen. Das geht in der Regel nicht ohne Überzeugung (diese müsste für mich in allen Punkten logisch und nachvollziehbar sein) durch eine mir vertraute Personen

Entscheidungen im emotionalen Bereich zu treffen, ist für mich besonders schwierig, da ich auch dort versucht bin, die Argumente für ein Für und Wider rational/logisch zu erfassen.
Mir fehlt die Fähigkeit, in Gesichtern die Gefühle und Absichten meines Gegenübers zu erkennen, so dass ich mich nur auf das verlassen kann, was mir ein Mensch sagt.
Das hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass ich Fehlentscheidungen getroffen habe und emotional enttäuscht oder verletzt worden bin.
In dem Zusammenhang wird und wurde mir schon häufig eine Naivität vorgeworfen, die gar nicht zu meiner Intelligenz passe.
„Du bist doch eine intelligente Frau. Wie kannst du dann so naiv sein und auf so einen Menschen hereinfallen? Das war so offensichtlich, dass er dich nur ausnutzen wollte.“
Leider war es das für mich nicht. Woran soll ich mich auch orientieren, wenn nicht an dem, was mir durch das gesprochene oder geschriebene Wort vermittelt wird?

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