Geräuschvoll

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Lärmempfindlichkeit

An manchen Tagen ist die Welt so laut und schrill, dass ich mir am liebsten nur noch die Ohren zuhalten möchte. Da erscheint mir selbst das leise Ticken der Armbanduhr wie der Lärm eines Presslufthammers und ich sehne mich nach einem Ort absoluter Stille.

Schon als Kind war ich sehr lärmempfindlich.
Besonders Geräusche wie das Atmen, Schniefen oder Schmatzen anderer Menschen waren mir schon immer unangenehm und ich habe mich – sofern es möglich war – ihnen entzogen (in der S-Bahn zum Beispiel durch Wechseln des Sitzplatzes, wenn jemand neben mir saß, der laut schmatzte oder röchelte).
Seit meiner Kindheit fürchte ich mich vor dem Platzen von Luftballons und erschrecke – wenn es passiert – jedes Mal so sehr, dass ich zusammenzucke und mein Puls zu rasen beginnt.
Ähnlich geht es mir bis heute bei allen plötzlichen, nicht vorhersehbaren Geräuschen – zum Beispiel dem Klingeln des Telefons oder dem Zuschlagen einer Tür. Je angespannter ich bin, desto heftiger ist meine Reaktion, wobei hier zwei Fakten zusammenkommen: das störende Geräusch und seine Unvorhersehbarkeit.

Am schlimmsten zu ertragen sind aber die ganz hohen, schrillen Töne.
Die verursachen mir Schmerzen, die ich am ganzen Körper, aber vor allen Dingen an den Zähnen spüre (Glasgravuren, Zahnarztbohrer, das Kratzen mit dem Fingernagel über eine Tafel, Sirenen und Alarm aber auch Kindergeschrei, hohe Piepstöne oder das Gejaule einer E-Gitarre).

Furchtbar finde ich auch nicht sauber eingestellte Radio- oder Fernsehgeräte. Oftmals ist es so, dass andere das schrille Piepsen gar nicht wahrnehmen, während mich das Geräusch so sehr stört, dass ich das Gerät ausstellen oder den Raum verlassen muss.
Ebenso ergeht es mir beim Brummen von Neonlichtern und Lampen.

Aufgrund der Lärmempfindlichkeit habe ich seit der Kindheit große Einschlafschwierigkeiten.
Seit ein paar Jahren benutze ich Ohropax. Das hilft mir, nachts nicht durch kleinste Geräusche geweckt zu werden, wenn ich endlich zur Ruhe gekommen und eingeschlafen bin.
Als Kind habe ich oft nächtelang wach gelegen, weil mich das Atmen meiner Schwester, die mit mir ein Zimmer teilte, gestört hat.
Es hieß, ich würde Flöhe husten hören (wo wir doch gar keine Flöhe im Haus hatten) – das sei nicht normal.
Ich fühlte mich unverstanden, zumal andere die Geräusche nicht wahrzunehmen schienen oder zumindest nicht als so laut und unangenehm, wie ich es tat.

Da ich selber oft laut war und immer schon laut gesprochen habe, wurde meine Geräuschempfindlichkeit nicht bemerkt – im Gegenteil, es fielen Sätze wie „Bist du schwerhörig?“ oder „Ich glaube, du hörst schlecht. Wir müssen mal zum Arzt gehen“.

Hinzukommt, dass ich Gesprächen nicht folgen kann, wenn mehrere Menschen gleichzeitig reden. Dann reagiere ich oft nicht oder muss nachfragen. Das vermittelt natürlich den Eindruck, als könne ich schlecht hören. Aber ich höre alles und das gleichzeitig und kann das Gehörte nicht filtern oder Nebengeräusche ausblenden. Ich rede laut, um mich selber bei den ganzen Geräuschen um mich herum noch wahrnehmen zu können, nicht, weil ich schwerhörig bin oder unhöflich.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s