Freundschaft – wie schafft man Freunde?

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Freundschaft

In diesem Wort steckt eine große Sehnsucht.
Die Sehnsucht nach einem Menschen, der mich so nimmt, wie ich bin und dem gegenüber ich mich weder verstellen noch erklären muss, aber auch die Sehnsucht nach emotionaler Sicherheit.
Freundschaft bedeutet, einem Menschen nahe zu sein, Nähe zulassen zu wollen und zu können. Eine schwierige Herausforderung, an der ich im Leben schon häufig gescheitert bin.
Jedes Mal habe ich mich gefragt, worin der Grund für das Scheitern lag und es war mir lange nicht möglich, eine Antwort darauf zu finden.

Es hat in meinem Leben nicht viele Menschen gegeben, denen ich wirklich nahe war.
Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit spüre ich nur in seltenen Momenten.
Ich muss etwas zum Be(Greifen) haben, den Menschen sehen, hören oder etwas von ihm lesen, damit ich ihn bzw. seine Nähe oder Verbundenheit wahrnehmen kann. Sonst ist er zu weit weg und wird für mich unerreichbar. Und genau davor habe ich Angst, wenn ich einen Menschen kennen lerne, den ich mag und der mir wichtig ist.

Ich bin sehr unsicher im Herstellen und Aufbauen von Kontakten.
Mir liegt das Spontane und Unverbindliche nicht, was häufig zu Beginn einer Freundschaft stattfindet. Wenn mir jemand sagt, dass er mich in den nächsten Tagen anruft, würde ich am liebsten fragen, wann und um welche Uhrzeit genau. Ich mache es nicht, weil ich weiß, dass die wenigsten Menschen sich so festlegen möchten. Sicher würde mich mein Gegenüber auch nicht verstehen. Also bleibe ich in einer Situation der Ungewissheit und der Unvorhersehbarkeit zurück, die für mich oft unerträglich ist. Aber wie soll ich reagieren, was kann ich tun, um diesen Zustand zu ändern? Ich weiß es nicht. Rufe ich selber an, was mir gerade am Anfang, wenn ich einen Menschen noch nicht gut kenne, sehr schwer fällt, oder warte ich, bis er bzw. sie sich meldet und ertrage diese Ungewissheit, egal, wie sehr sie mich belastet?

Ich habe kein Gefühl dafür, ob sich ein Mensch bei mir melden wird oder nicht. Ich gehe davon aus, dass er es macht, wenn er es gesagt hat. Warum sonst hätte er es gesagt?
Je länger ich warten muss, desto unsicherer werde ich. Dann ist es für mich leichter, diesen Kontakt abzubrechen, als noch länger zu warten. Oder ich werde so unruhig, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. So geht es mir allerdings nicht nur beim ersten Anruf, sondern eigentlich ständig, selbst dann, wenn ich den Menschen schon lange kenne und sich längst eine Freundschaft entwickelt hat.
Emotionale Sicherheit bedeutet für mich immer, etwas Greifbares zu haben, zu wissen, wann und wo ich diesen Menschen wiedersehen oder hören werde.
Nur so kann ich eine Freundschaft in meinen strukturierten Tagesablauf einbeziehen.
Spontane und unvorhersehbare Termine sind mir fast unmöglich. Sie überfordern mich, weil sie mich zwingen, meine Routinen zu ändern oder zu unterbrechen.

Ich mag es allerdings auch nicht, wenn mich jemand zu sehr vereinnahmt und täglich sehen will. Dann fühle ich mich, als würde man mich erdrücken. Ich brauche sehr viel Zeit für mich alleine. Leider können das einige Menschen nicht akzeptieren, dass es Momente gibt, wo ich ihre Nähe einfach nicht ertragen kann. Dabei hat das mit dem Menschen nichts zu tun, sondern nur mit einem Zuviel an Nähe, die mir dann auch körperlich weh tut und nur noch Stress und Angst auslöst. Spätestens in dem Moment muss ich mich in meine Welt zurückziehen und zwar alleine, ganz alleine.

Ganz schlimm sind für mich Streit- und Konfliktsituationen. Ich fühle mich sehr schnell persönlich angegriffen und ziehe mich dann zurück. Macht der andere dann nicht den ersten Schritt, ist die Freundschaft im schlimmsten Fall beendet.
Ich erinnere mich an viele Situationen, wo Menschen beleidigt waren und sich zurückgezogen haben. Da ich aber nicht wusste, dass ich etwas falsch gemacht habe und somit der Auslöser des Rückzuges war, sehe ich diesen als Desinteresse des anderen an unserer Freundschaft und ziehe mich zurück. Auf diese Weise ging meine längste Freundschaft, die zwanzig Jahre hielt, von heute auf morgen zu Ende. Und die Freundschaft war in dem Moment auch emotional für mich beendet. Das hört sich gefühllos an, aber das Gegenteil ist der Fall. In mir herrscht in solchen Momenten ein sehr großes Gefühlschaos, das ich nur durch eine klare Trennung in den Griff bekommen kann. Und wenn ich den betreffenden Menschen nicht mehr sehe, dann fühle ich ihn auch nicht mehr.

Es ist so schwierig Menschen und deren Verhalten zu verstehen, weil es dafür keine festgesetzten Regeln gibt – eben nichts Greifbares, woran ich mich orientieren und festhalten könnte.

Die Zeit, die ich mit mir alleine verbringe, brauche ich, um mich von der ständigen Anspannung zu erholen, die ein soziales Miteinander in mir auslöst.
Das wird eben manchmal einfach zu viel.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden in einem Land mit Menschen zusammenleben, deren Sprache sie weder lesen, schreiben noch verstehen könnten. So ähnlich fühle ich mich tagtäglich.

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