Über das Verständnis von Regeln

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Verständnis von Regeln 

Die strikte Einhaltung von bestimmten Regeln spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle.
Regeln geben ein Muster (Orientierungshilfe) vor, das den Tagesablauf zu strukturieren hilft.
Natürlich muss es sich dabei um Regeln handeln, die mir logisch erscheinen und deren Sinn ich begreifen kann. Dazu gehören unter anderem Strassenverkehrsregeln und Verbote (Rauchen verboten, Betreten der Baustelle verboten etc.), die sich aus gesetzlichen Regelungen ergeben.
Mich an diese Regeln zu halten, ist mir selbstverständlich und sehr wichtig.
Darum kann ich auch nur schwer verstehen, warum es Menschen gibt, die diese Regeln umgehen und Verbote einfach missachten. Ein solches Verhalten irritiert und verunsichert mich sehr, da es Situationen unvorhersehbar macht.
Noch unverständlicher finde ich, dass solche Verstöße oft nicht geahndet werden und Menschen für die Missachtung von Regeln nicht bestraft werden. Das widerspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden. Wozu sind (gesetzliche) Regeln da, wenn man sich nicht dann doch nicht unbedingt daran halten muss?
Habe ich eine solche Regel einmal versehentlich nicht beachtet und entsprechend regelwidrig gehandelt, bin ich sehr beunruhigt und habe große Angst vor den möglichen Folgen. Diese Angst zeigt sich neben einer Überreaktion meist in psychosomatischen Beschwerden.

Schwieriger wird es bei Regeln, die situationsbedingt oder individuell ihre Anwendung finden.
Diese zwingen mich, festgelegte Strukturen zu verändern, bzw. der jeweiligen Anforderung anzupassen. Die Unsicherheit wächst, mich nicht angemessen zu verhalten, was dazu führt, dass ich eine Vermeidungsstrategie entwickle, um solche Situationen nach Möglichkeit umgehen zu können und keine Entscheidung treffen zu müssen.
Daher ist es für mich sehr wichtig, dass Regeln immer kurz, präzise und eindeutig formuliert sind. Zwischen den Zeilen einen möglicherweise versteckten Sinn einer Regel zu begreifen, fällt mir sehr schwer und führt im Zweifelsfall zu Missverständnissen.
Weil ich Sprache sehr wörtlich nehme, ist es am besten, wenn Regeln schriftlich festgehalten sind. Auf diese Weise habe ich sie Wort für Wort schwarz auf weiß vor mir liegen.
Mündlich verfasste Regeln können aufgrund veränderter Wortwahl auch in ihrer Interpretation vom ursprünglichen Inhalt abweichen.
Das kann dann sehr problematisch werden, wenn es darum geht, sich an eine Regel zu halten, weil ich dann gar nicht mehr weiß, an welche Worte ich mich halten soll. In der Beziehung bin ich sehr pedantisch. Meine Eltern haben früher oft zu mir gesagt, ich solle nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen (ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mir das immer vorgestellt habe, Wörter auf eine Goldwaage zu legen), aber das mache ich heute noch genauso wie früher.

Ganz anders sieht es allerdings bei Regeln aus, deren Sinn ich nicht begreifen kann oder die mir sogar absurd erscheinen.
In solchen Fällen beginne ich oft mit hartnäckigen Diskussionen und es ist mir fast unmöglich, Einsicht zu zeigen und die Regel anzunehmen.
Man sagt mir schon seit der Kindheit nach, dass ich sehr stur und rechthaberisch bin.
Ich denke aber nicht, dass es Sturheit ist, sondern vielmehr ein Verstehen-Wollen aber Nicht- Verstehen-Können, weil die Regel nicht logisch und ihr Sinn infolgedessen nicht nachvollziehbar ist. Dies gilt vor allen Dingen für die vielen ungeschriebenen Regeln im alltäglichen Leben.

Probleme gibt es aber nicht nur im Alltag, sondern auch beim Spielen.
Ich mag es nicht, wenn Menschen sich nicht an Spielregeln halten oder diese zu umgehen versuchen. Es fällt mir sehr schwer, mich auf veränderte Spielregeln einlassen und sie akzeptieren zu können. In den meisten Fällen reagiere ich darauf verärgert, weigere mich, weiter mitzuspielen oder beharre stur auf die Einhaltung der vorgegebenen Spielregeln.
Auch hier gilt: Regeln schaffen Sicherheit und machen die Spielsituation vorhersehbar.
Jede Abweichung von Regeln verunsichert mich und macht es mir am Ende unmöglich, mich noch auf das Spiel konzentrieren zu können.
Da nützen Kommentare wie: „Stell dich nicht so an. Es ist doch schließlich nur ein Spiel.“ gar nichts. Natürlich weiß ich, dass es „nur“ ein Spiel ist. Aber auch ein Spiel braucht Regeln, sonst kann es nicht funktionieren.

Als Kind habe ich Spielregeln gerne selber aufgestellt und erwartet, dass sich alle daran halten würden. Das lag aber meist daran, dass mir die herkömmlichen Regeln unverständlich oder unlogisch waren und ich Schwierigkeiten hatte, mich daran zu orientieren, während ich mich an eigenen Regeln festhalten konnte. Leider brachte mir das schnell den Ruf, immer bestimmen zu wollen, was viele Kinder – auch meine Schwester – davon abhielt, mit mir und nach meinen Regeln zu spielen. Häufig gab deswegen Streit, was dazu führte, dass ich wütend und enttäuscht war und lieber alleine spielte.

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