Vom Glück des Vorhersehbaren

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Vorhersehbarkeit und Sicherheit

„Lass doch erst einmal einfach alles auf dich zukommen und mach dich nicht jetzt schon verrückt.“

Ein Satz, der mich schon mein ganzes Leben lang begleitet – und den ich immer dann zu hören bekomme, wenn ein Ereignis bevorsteht, dessen Verlauf für mich unvorhersehbar ist.

Ja, es stimmt. Es verunsichert mich zutiefst, wenn ich mich mit unerwarteten Dingen konfrontiert sehe. Mir ist es wichtig, bevorstehende Ereignisse detailliert zu planen und alle möglichen Abläufe im Voraus gedanklich durchzuspielen, um die Situation, dann, wenn sie tatsächlich eintritt, unter Kontrolle zu haben. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, die ich brauche, um mich dem Ereignis überhaupt stellen zu können. Mir ist es fast unmöglich, einfach alles erst einmal auf mich zukommen zu lassen. Das würde mir jegliche Sicherheit nehmen, in dem Moment, wo die Situation eintritt, richtig und angemessen reagieren zu können.

Nichts ist schlimmer als die Angst vor dem Kontrollverlust.
Das erklärt auch, warum ich Neues nicht mag, sondern lieber auf mir bekannte Dinge und Situationen zurückgreife. In allem Neuen liegt eine viel zu große Gefahr der Unvorhersehbarkeit.

Leider steckt der Alltag aber voller Ereignisse, die sich nicht immer im Voraus in allen Einzelheiten durchstrukturieren und vorhersehen lassen. Das macht mich sehr unsicher und aus dieser Unsicherheit heraus neige ich dann zu hyperaktiven Verhaltensweisen.
In diesen Momenten fällt es mir schwer, ruhig sitzen zu bleiben und mich auf etwas konzentrieren zu können.
Ich fuchtele mit den Händen herum oder laufe hin und her. Beruhigung schaffen dann Wiederholungen. Zum Beispiel die meines Lieblingsliedes, das ich im Autoradio bzw. CD-Player oder zuhause zehn Mal und mehr hintereinander abspiele, die eines bestimmten Satzes, eines bestimmten Wortes, welches ich leise vor mich her sage oder eines leichten, monotonen Schaukelns mit dem Oberkörper.
Diese Gleichförmigkeit gibt dem Moment dann die Struktur, die ich brauche, um die Angst vor dem Unvorhersehbaren in den Griff zu bekommen und mich zu beruhigen.
Die permanente Wiederholung einer Handlung macht den Tagesablauf wieder vorhersehbar.

Ein kleines Beispiel:

Letzte Woche hatte ich einen Termin, vor dem ich große Angst hatte, weil ich trotz aller Vorbereitung nicht wusste, wie das Gespräch verlaufen und meine Gesprächspartner reagieren würden. Ich war sehr verunsichert und nervös, hatte zwei Nächte lang kaum geschlafen und zitterte innerlich vor Aufregung, die kaum noch zu ertragen war.
Auf der Fahrt zu dem Gesprächstermin hörte ich im Auto die ganze Zeit mein Lieblingslied – immer und immer wieder. Das beruhigte mich – zumindest für den Moment der Autofahrt und half mir, mich auf den Straßenverkehr konzentrieren zu können.
Auch auf der Rückfahrt spielte ich nur dieses eine Lied, um nach dem aufregenden Abend, der im Übrigen – trotz großer Anstrengung – sehr positiv verlaufen war, zur Ruhe kommen zu können.

Um meinen Alltag möglichst vorhersehbar zu gestalten, ist es wichtig, das Termine rechtzeitig bekanntgegeben werden. Zumindest so früh, dass ich genügend Zeit habe, mich auf meine Weise darauf vorbereiten zu können.
Außerdem sind Routinen in meinem Leben unverzichtbar. Sie erleichtern den Tagesablauf und schaffen ein hohes Maß an Sicherheit und Situationskontrolle. Hinzu kommen Rituale (Dinge, die immer zu einer bestimmten Uhrzeit und auf die gleiche Weise durchgeführt werden, z.B. das tägliche Telefonat mit meinem Vater), die den Alltag überschaubarer machen ebenso wie die dauernde Beschäftigung mit einem Spezialinteresse, welches natürlich im Laufe der Zeit wechseln kann.

Tage oder Momente, die immer wieder nach dem gleichen Muster ablaufen, schaffen ein sicheres Fundament und machen mich glücklich. Jede Veränderung – und mag sie auch noch so unbedeutend sein – macht mich hingegen unsicher und erzeugt Angst. Angst vor dem Unvorhersehbaren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s