Kontakte – immer wieder ein Problem

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Kontakte 

Dass Menschen mit Asperger-Syndrom grundsätzlich Kontakte meiden, ist ein Irrtum.
Leider hält sich diese Behauptung aber immer noch sehr hartnäckig. Selbst unter Fachleuten wird der Wunsch nach sozialen Kontakten häufig noch als Ausschlusskriterium für Autismus gesehen.
Dabei steht nicht der Kontaktwunsch im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, Kontakte herzustellen beziehungsweise zu halten. Und darin liegt das eigentliche Problem.

Obwohl ich sehr gerne allein bin und mich stundenlang alleine beschäftigen kann und möchte, gibt es bei mir selbstverständlich auch den Wunsch nach sozialen Kontakten.
Es fällt mir schwer, auf fremde Menschen zuzugehen, sie anzusprechen und ein Gespräch herzustellen. In den meisten Fällen warte ich darauf, angesprochen zu werden. Ein gemeinsames Interesse kann da sehr hilfreich sein, um erst einmal eine Kommunikationsebene zu finden und dann auch aufrecht halten zu können. Denn der Smalltalk, die belanglose Konversation, liegt mir überhaupt nicht. Leider besteht bei meinen Spezialinteressen schnell die Gefahr, dass ich mich in einem Monolog verliere und nicht spüre, wann es besser wäre aufzuhören oder mein Gegenüber einmal zu Wort kommen zu lassen.

Bei privaten Gesprächen wird es nicht vorkommen, dass ich meinen GesprächspartnerInnen gegenüber einen Kontaktwunsch äußern und nach Telefonnummer oder Adresse fragen würde.
Diesen ersten Schritt scheue ich selbst dann, wenn mir der Kontakt sehr wichtig ist. Er muss also von meinem Gegenüber kommen.

Das erste Problem tritt in vielen Fällen schon bei der Verabredung ein. Ich möchte gerne sofort wissen, wann und wo. Unverbindliche Termine mag ich nicht. Sie bringen meinen strukturierten Tagesablauf durcheinander und schaffen eine große Unsicherheit. Viele Menschen möchten sich darauf aber nicht einlassen und ziehen unverbindliche Verabredungen vor.
„Ich melde mich nächste Woche bei dir.“ „Lass uns in der nächsten Woche mal telefonieren“ oder einfach nur „Ich rufe dich an“ oder „Wir sehen uns“.
Das sind alles Sätze, mit denen ich sehr wenig anfangen kann. Auf dieser Basis einen dauerhaften Kontakt herzustellen, ist für mich schon fast unmöglich. Daher scheitern viele Kontakte schon gleich zu Beginn.

Ein weiteres Problem ist, dass ich gerne wissen möchte, was mein Gegenüber von mir erwartet und wie es sich einen weiteren Kontakt vorstellt. Auch in diesem Punkt sehe ich mich immer wieder mit einer Unverbindlichkeit konfrontiert, die mich zutiefst verunsichert.
Abzuwarten, wie sich ein erster Kontakt entwickelt, liegt mir nicht. Ich möchte wissen, woran ich bin. Mir fehlt die Fähigkeit, zu spüren, was ein Mensch von mir möchte und ob er Interesse an mir und einem dauerhaften Kontakt zu mir hat.
Meldet sich ein Mensch länger nicht bei mir, dann sehe ich das als mangelndes Interesse an meiner Person und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Also ziehe ich mich aus Unsicherheit zurück. Bei einer erneuten Kontaktaufnahme kann es dann sein, dass mein Verhalten sehr abweisend oder unangemessen ist.

Leider gibt es keine Muster, nach denen eine Kontaktaufnahme erfolgreich erfolgen kann.
Das wäre für mich wesentlich einfacher und würde mir mehr Sicherheit im Umgang mit Menschen geben. Es gibt Menschen, die man jeden Tag und zu jeder Uhrzeit anrufen kann und solche, die dass überhaupt nicht mögen. Aber woher weiß ich das, wenn sie es mir nicht ganz deutlich sagen?

Es ist für mich oft sehr schwierig, einen Kontakt aufrecht zu erhalten, weil ich die Zeichen, die mir mein Gegenüber gibt, nicht deuten kann. Mir sind ehrliche Worte wichtig, weil ich nicht zwischen den Zeilen lesen kann, sondern die Menschen beim Wort nehme.

Ich erinnere mich daran, dass die Freundin meiner Mutter früher zu mir sagte, ich solle jungen Männern nicht so offen zeigen, was ich für sie empfinde, sondern mich rar machen, sie um mich kämpfen lassen. Das habe ich nie verstanden. Warum sollte ich so tun, als läge mir an einem Menschen nichts, wenn doch das Gegenteil der Fall war?
Was ist das für eine Form der Kommunikation, „ja“ zu meinen, aber „nein“ zu sagen bzw. zu zeigen? Können auf diese Weise Freundschaften und Beziehungen entstehen, in denen Ehrlichkeit doch eine Grundvoraussetzung sein sollte?
Leider erkenne ich nicht, wenn mein Gegenüber genau so mit mir kommuniziert und bin daher schon einige Male ausgenutzt und enttäuscht worden.

Kontakte, auch, wenn sie schon länger bestehen, sind für mich täglich und immer wieder eine Herausforderung und oftmals sehr anstrengend. Daher brauche ich auch viel Zeit, mich zurückziehen zu können und Kraft zu tanken. Da kann es passieren, dass ich von einer Minute auf die andere plötzlich alleine sein möchte, weil ich mit einer Situation überfordert bin und der andere das nicht nachvollziehen kann, auch, wenn ich den Wunsch deutlich ausgesprochen habe.

So kommt es immer wieder zu Missverständnissen, die ich nur schwer begreifen kann oder ganz falsch deute, weil ich nur die Sprache zur Verfügung habe, die zu verstehen, schon schwer genug ist, weil vieles nicht so gesagt wird, wie es gemeint ist.
Aber alles, was sich jenseits der Worte abspielt, ist für mich wie eine Fremdsprache, die ich nicht beherrsche und für die ich einen Dolmetscher brauche.

Wenn ich überfordert bin, besteht immer die Gefahr, dass ich mich zurückziehe, auch oder gerade bei Kontakten, die mir wichtig sind.

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