Perfektionismus

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Perfektionismus

Wenn ich etwas mache, dann möchte ich, dass es perfekt wird.
Fehlerhafte Dinge mag ich nicht. Sie frustrieren mich und schaffen eine große, innere Unruhe.
Manchmal bin ich auch vollkommen aufgelöst, weil mir etwas nicht gelingt und fühle mich wie eine Versagerin.
Dann arbeite ich solange an einer Sache, bis ich mit ihr und mit mir hundertprozentig zufrieden bin. Das erklärt, warum ich immer eine längere Vorbereitungszeit brauche. Eine Aufgabe spontan zu erledigen, würde mich überfordern und unter massiven Druck setzen. Meine Angst wäre viel zu groß, zu scheitern – nicht alles richtig zu machen und kritisiert oder ausgelacht zu werden.

So ist es mir wichtig, mich auf Gespräche detailliert – am besten in Schriftform – vorzubereiten, um auf möglichst alle Fragen, die mir gestellt werden könnten, die richtige und fehlerfreie Antwort zu finden.
Ebenso geht es mir, wenn ich etwas schriftlich verfasse in Form eines Briefes, einer Mail etc. oder ein Formular ausfüllen muss.
Ich feile daran solange, bis aus meiner Sicht gesehen alles fehlerfrei und perfekt ist.
Am schlimmsten finde ich Rechtschreibfehler oder Fehler in der Zeichensetzung.
Darauf achte ich – nicht nur bei mir – ganz besonders und habe auch kein Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, denen ein perfektes Schriftbild nicht wichtig ist.
Falsch geschriebene Wörter lösen in mir ein großes Unbehagen aus und den zwanghaften Wunsch, sie sofort zu korrigieren.
Texte mit Rechtschreibfehlern können inhaltlich noch so hervorragend sein, sie sind in meinen Augen nie perfekt. Ich achte immer auf jedes einzelne Detail, nicht nur auf das Gesamtbild. Dieses kann für mich nur harmonisch sein, wenn jedes Detail stimmt.
Dieser eigene, hohe Anspruch auf Perfektion setzt mich permanent unter Druck.
Aber mit allem anderen wäre ich unzufrieden.
Ehe Dinge nicht perfekt gelingen, versuche ich lieber, mich gar nicht erst damit auseinander zu setzen und entwickle dementsprechende Vermeidungsstrategien.

In dem Zusammenhang erinnere ich mich auch daran, wie sehr ich als Kind darunter gelitten habe, wenn etwas kaputt ging und damit nicht mehr perfekt war.
Ich mochte nicht, wenn Dinge repariert oder geklebt wurden oder wenn ich eine an den Knien gestopfte Strumpfhose anziehen sollte. Dagegen habe ich mich mit Händen und Füßen und entsprechend lautstarkem Protest gewehrt.
Ich konnte auch keine Brote essen, die beim Schmieren durchgebrochen waren. Da half es wenig, dass meine Mutter mühsam versuchte, sie mit Butter wieder zusammen zu kleben. Ich war frustriert und wurde manchmal sogar richtig wütend.
Bis heute geht es mir so, dass ich beschädigte Dinge (weil sie nicht mehr perfekt sind) nicht sonderlich mag und am liebsten wegschmeiße.
Als mir Anfang des Jahres jemand in das parkende Auto gefahren war und Kotflügel und Stoßstange beschädigt hatte, war ich total verzweifelt und wütend und wäre am liebsten nie mehr mit meinem Auto gefahren, aber zumindest solange nicht, bis es wieder vollständig repariert war.

Da helfen dann auch keine Sprüche wie:
„Stell dich nicht so an“, „Sei nicht so kindisch.“ oder „Das ist doch alles halb so schlimm.“
Im Gegenteil. Solche Äußerungen machen mich traurig oder wütend, weil ich mich unverstanden fühle. Schließlich ist Perfektionismus für mich selbstverständlich.
Er hilft mir, Ordnung und Struktur in eine Welt zu bringen, die mir oft unverständlich ist.
Perfektionismus und Präzision verhelfen dazu, dass Dinge reibungslos funktionieren und beugen einem Versagen vor.
Denn das Scheitern (oft an ganz banalen Dingen, die anderen selbstverständlich sind) gehört trotz aller Bemühungen immer wieder zu einem Alltag, dessen Anforderung – gerade im sozialen und emotionalen Bereich – sehr hoch sind.

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