Umgang mit Kritik

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Kritisiert werden

Ich mag es nicht, kritisiert zu werden. Kritik macht mir Angst, weil ich mich und meine Person dadurch verletzt bzw. bedroht fühle.
Dementsprechend reagiere ich auf Kritik oft barsch und ungehalten oder zeihe mich – zum Beispiel im Berufsleben – schweigend zurück, weil mir die Worte fehlen, angemessen zu reagieren.
Wenn Kritik mit lauter Stimme vorgetragen wird, ist sie für mich besonders schlimm.
Dann tut sie körperlich weh und ich halte mir am liebsten die Ohren zu, um den Schmerz nicht ertragen zu müssen.
Das geschieht oft in den Situationen, wo einer kritisierenden Äußerung durch meine Reaktion eine verbale Auseinandersetzung folgt, die ich gerade vermeiden möchte, weil ich ihr nicht gewachsen bin.
Hinzu kommt, dass Menschen, wenn sie mich kritisieren, es als unhöflich empfinden, dass ich ihnen im Gespräch nicht in die Augen schauen kann.
Als Kind habe ich dann immer zu hören bekommen: „Schau mich (gefälligst) an, wenn ich mit dir rede.“
Solche und ähnliche Worte haben mich natürlich noch mehr verunsichert und mich gleichzeitig in meinem Gefühl bestärkt, dass sich die Kritik gegen meine Person richtet.

Infolgedessen versuche ich Menschen, die mich kritisiert haben, in der Regel erst einmal zu meiden. Es ist auch möglich, dass ich den Kontakt zu ihnen ganz abbreche oder mich zumindest der Situation, in der ich kritisiert wurde, vorläufig nicht mehr aussetze (was leider nicht immer möglich ist).

Fast unerträglich ist es für mich, von Menschen kritisiert zu werden, die mir nahe stehen.
Dann habe ich Angst, dass sie mich nicht mehr mögen und ich sie verlieren werde.
Meine Reaktion ist in diesen Fällen besonders heftig. Oft beginne ich zu weinen und kann mich nur schwer wieder beruhigen oder ich sage etwas, was den anderen verletzt, was im Anschluss daran die Angst, diesen Menschen zu verlieren, noch verstärkt.
Es entsteht eine große Unsicherheit. Ich bin verzweifelt und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Viele Menschen verstehen nicht, warum ich so heftig auf Kritik reagiere und nennen mein Verhalten kindisch. Ich sei viel zu schnell und vor allen Dingen grundlos beleidigt und solle lernen, mich zu beherrschen.
Aber selbst, wenn es mir gelingen würde, mich zu beherrschen (was ja schon der Fall ist, wenn ich mich in einer solchen Situation zurückhalte und schweige), so blieben meine Gedanken, meine Gefühle und vor allen Dingen die Verlustangst die gleichen und würden weiterhin dazu führen, dass ich mich zurückziehe.

7 Gedanken zu „Umgang mit Kritik

  1. Hallo….da ich erst seit kurzem ahne worum es auch bei mir geht….kenne ich gerade in den letzten Tagen das Gefühl….Oh …Gott…wer ….bin…..wirklich…..
    es haute mir erstmal die Beine weg….als ich genau , wie ihr -alles- über mein „“Anderssein“ nachlesen konnte…und alle Aspietests glamurös bestanden hatte…….ups….nicht die tolle Lebenskünstlerin zu sein…..sondern…..ja …was ……ein ganz -normaler- Aspie……ich habe mich , daß erstemal in meinem Leben -normal- gefühlt ….mit dem Nachteil …nun nix —-Besonderes—- mehr zu sein….

    …..und immer wennn mir mein Aspie einen Streich spielt ….versuche ich es zu reflektieren…du bist ein Aspie….die tun so reagieren ….versuchs mal anders…….was nicht sofort wirkt…wie gestern, als mein Ziehsöhnchen ein Schimpfwort sagte …..und es war aus für mich….zwei Stunden elendsein……..
    und elendliches Leiden

    es braucht viel Geduld ein Aspie zu sein….aber es ist auch schön……ich beginne mein langes Leben jetzt etwas anders zu sehen und die Stolpersteine -besonders der Kritik und der Ungerechtigkeit- aber mein Wahlspruch für dieses Jahr heißt….

    NEHME DIE STEINE -DIE MAN DIR IN DEN WEG LEGT-
    UM EINE TREPPE NACH OBEN ZU BAUEN

    wir sind keine verlorenen Kinder dieser Welt, wir haben das große Glück diese Welt -anders- zu erleben…..es ist doch nicht immer der einfache Weg….und der gerade Weg……all das tiefe ,oft schmerzhafte Erleben, ist auch wunderbar und einzigartig…..das dürfen wir nicht vergessen….in den Niederungen …..ich merke ja erst jetzt , wie anders ich die Welt sah…..und weiß jetzt warum ich so und so aneckte…scheiterte…verletzt war…. ich dachte immer besonders herzlose und eiskalte Freundinnen zu haben , mit ihrer nüchternen Art die Welt zu sehen und zu reagieren……und da ich mir über die Kunst einen bescheiden-erfolgreichen Platz in der Anderswelt erobert habe….fiel vieles einfach auch nicht auf….da ich ansonsten völlig abgeschottet lebte….was ich auch als völlig normal ansah…….und ansehe……

    und das möchte ich betonen….so wie -wir- sind -sind- wir- wunderbar-

    wir können uns bemühen , die Fremdsprache der Anderswelt zu erlernen….sie wird unsere Muttersprache nicht ersetzen können……
    und „Zauberworte“ zu finden, wie Surfrank meint , die besonders den heranwachsenden Aspies helfen kann….denn oft warte ich selbst auf genau dieses erlösende Wort….aber…aber…aber…..

    einen herbstsonnigen Tag

  2. Genau das ist es, was mir gerade auch durch den Kopf geht. Zu wissen, wer ich eigentlich bin, wer ich bis jetzt war. Was du von deinen Ideen schreibst, die anderen helfen, hat mich neugierig gemacht. Vielleicht magst du mir darüber einmal näheres per Mail schreiben.

    LG Sabine

  3. Ja, Du sagst es sehr treffend. Den Menschen kennenlernen, der man wirklich ist.
    Ein echtes Problem. Auch für mich. Ich dachte ich hätte einzigartige Persöhnlichkeitsmerkmale, dann kam die Diagnose „Asperger-Autismus.“
    Schlimm nur das „Asperger-Autismus“ meine gesamten Persöhnlichkeitsmerkmale beschrieb, und ich das Gefühl dafür verlor, wer ich denn nun wirklich bin. Blieb doch nicht mehr viel übrig von mir. Und das es auch noch jeder einfach so nachlesen konnte.
    Ich hab dann beschlossen mein Leben zu leben, und anderen Menschen mit meinen Ideen zu helfen. Klappt ganz gut, und meine Routinen finden auch langsam Anklang. Das finde ich echt witzig.
    Du wirst es schaffen, einen guten Weg für Dich zu finden. Du wirst Dich auf eine besondere Weise kennenlernen, wie vielleicht nur wenige Menschen. Sei stolz darauf!

    LG Bine

  4. Sabine, deine Worte geben mir noch ein Stück mehr Zuversicht, mich der Herausforderung Asperger-Syndrom zu stellen. Ich stehe ja gerade erst am Anfang, nach über 40 Jahren endlich den Menschen kennen zu lernen, der ich wirklich bin.

  5. Mit den Jahren lernt man es dann sehr gut mit Kritik positiv umzugehen und sie anzunehmen. Obwohl aber die Verletzbarkeit Innerlich bestehen bleibt. Wenn mich jemand kritisiert, dann verunsichert mich dies zutiefst. Ich habe deshalb viele Leitsätze, die mich durch mein Leben begleiten.
    Leitsätze, die mir immer verdeutlichen sollen, das jeder Mensch Kritik annehmen sollte, ohne dies persöhnlich zu nehmen. Damit zumindest bei mir mehr Normalität im Denken und Fühlen möglich wird.
    Mit den Jahren wird Autismus zu einer positiven Herausforderung, und ist für mich zu einem engen Freund geworden.
    Ich sehe die Chancen und Möglichkeiten nun mit anderen Augen, obwohl es nicht darüber hinwegtäuschen soll, das ich täglich meinen ganz eigenen Kampf habe.
    Aber man wird mutiger. Ich habe die schrecklichen Jahre die hinter mir liegen nicht vergessen. Ich gehe sehr offensiv mit meinem Autismus um, mitlerweile, stehe zu meiner Person, und dies hat mir endlich Respekt und Anerkennung bei meinen Mitmenschen verschafft.
    Ich versuche Menschen mit meinen Macken, bitte nicht falsch verstehen, zum Lachen zu bringen, und dadurch lernen beide Seiten sich anzunähern, und sich zu verstehen.
    Sabine, Du erklärst Dich wunderbar, ich fühle mich dadurch sehr berührt und angesprochen!

  6. Schwierige Fragen, die ich im Moment gar nicht beantworten kann. Diese Unsicherheit im Umgang mit Kritik in den Griff zu bekommen und entsprechende Strategien zu entwickeln, wird aber sicher auch Inhalt einer Therapie sein.
    Was die Eskalationen betrifft, so kann ich nur bestätigen, dass diese für beide Seiten unschön sind.

  7. Als Vater eines Aspies (und ich finde – zB. hier – immer wieder Parallelen bei meinem eigenen Leben, wenn auch nicht immer so ausgeprägt) erkenne ich die Verhaltensweisen meines 8jährigen genauso wieder wie meine vermutlich typisch elterlichen Reaktionen („schau‘ mich an“) . Und Beiträge wie diese helfen mir auch immer wieder, mehr Verständnis für diese andere Welt zu entwickeln. Aber das Leben ist nun mal nicht „Wünsch‘ Dir was“ … auf das Verständnis der Mitmenschen kann man nicht zählen – das funktioniert ja selbst bei Kindern, denen gegenüber Menschen oft toleranter sind, nicht („der kann sich aber nicht benehmen“ …)
    Interessant wäre doch jetzt, Strategien zu kennen und zu erlernen, die Unsicherheit und Angst in den Griff zu bekommen, um es im Alltag leichter zu haben, oder? Was hilft Dir, zu erkennen, dass eine Kritik eben nicht persönlich ist ? Ist es einfach nur zeitlicher Abstand ? Gibt es „Zauberworte“, die Dir helfen, die Kritik auf das kritisierte Objekt zu lenken, anstatt auf Dich? Wie kann ich grundsätzlich vermitteln, dass man aus Kritik auch viel lernen kann (nicht aus jeder, zugegeben …) Was kann ich als nahestehende Person tun, um nützliche Kritik erfolgreicher anzubringen, ohne zu verletzen oder Angst zu erzeugen? Denn mich als Kritisierenden bringt Kritik, die auf zugehaltene Ohren stößt, im Zweifel nur noch mehr auf die Palme und solche Eskalationen sind dann immer unschön für beide Seiten …

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