Alleinsein heißt nicht Einsamkeit

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Alleinsein

Ich bin gerne alleine und ich brauche das auch, mich aus dieser lauten, mir oft fremden Welt zurückziehen zu können, um mich im Alleinsein wieder wahrzunehmen und mein inneres Gleichgewicht zurück zu erlangen. Am besten kann ich mich entspannen, wenn ich alleine spazieren gehe, aber das lässt sich leider viel zu selten umsetzen. Meistens bleiben mir nur wenige Momente im Alltag, in denen ich wirklich alleine sein kann und niemand um mich herum habe. Das ist sehr anstrengend. Wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe, werde ich innerlich so unruhig, dass diese Situation am Ende für mich unerträglich wird. Dann habe ich das Gefühl, dass alles zu viel für mich ist und ich nicht mehr kann. Das einzige, was mir in solchen Augenblicken noch hilft ist der Rückzug in meine eigene Welt. Das heißt, ich schalte total ab, nehme nichts mehr um mich herum wahr und werde für meine Mitmenschen unerreichbar.

Als Kind habe ich am liebsten alleine gespielt. Da war ich stundenlang in meiner Welt versunken, in der ich mich geborgen und sicher fühlte.
Leider wurde ich immer wieder zum Spielen mit den anderen Kindern auf die Straße geschickt.
Dabei wäre ich viel lieber in meinem Kinderzimmer geblieben.
Aber ich hatte keine Wahl, auch, wenn ich zuerst versucht habe, zu protestieren.
Dann stand ich minutenlang in einer Ecke mit Blick auf meine Füße, bis eines der Kinder kam und mich fragte, ob ich mitspielen möchte. Das habe ich dann auch getan, in erster Linie, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. Manchmal hat es mir auch Spaß gemacht, aber am liebsten waren mir die Tage, die ich auf meinem Zimmer mit meinen Puppen und später mit meinen Büchern verbringen konnte.
Noch allzu sehr ist mir der Satz im Gedächtnis geblieben: „dass man dich immer erst zu deinem Glück zwingen muss.“
Dabei war es für mich kein Glück, sondern nur ein „Sich dem Schicksal ergeben“.
Glücklich war ich, wenn ich in meiner Welt war und alleine spielen konnte.

Auch heute beschäftige ich mich am liebsten alleine. Ich lese und schreibe gerne und verbringe viel Zeit an meinem Laptop. Der Tag gehört natürlich meinem Sohn, aber auch mit ihm mache ich die meisten Unternehmungen alleine. Er verbringt seine Freizeit am liebsten zuhause und ich muss ihn sogar oft erst überreden, etwas mit mir gemeinsam zu unternehmen.

Viele Menschen verstehen diesen Wunsch nach dem Alleinsein nicht und nennen es Einsamkeit.
Aber ich bin nicht einsam, nur, weil ich am liebsten alleine bin. Ich brauche auch kein Mitleid, sondern Menschen, die akzeptieren, dass ich gerne alleine bin.
Einsamkeit empfinde ich nur dann, wenn ich mitten unter Menschen alleine bin.
Das geschieht sehr oft, weil ich keinen Zugang zum Smalltalk finde und mich dann aus Unsicherheit zurückziehe. Diese Einsamkeit erweckt ein unangenehmes Gefühl und kann richtig weh tun. Daher versuche ich sie – so weit es mir möglich ist – zu vermeiden.

Es gibt neben meinem Sohn und meinem Vater nur wenige Menschen, mit denen ich wirklich gerne zusammen bin. Es muss eine große Vertrautheit vorhanden sein, damit ich Nähe zulassen und auch genießen kann. Mit diesen Menschen suche ich dann auch das Gespräch und freue mich, wenn ich sie sehe oder mich mit ihnen telefonisch oder per Mail austauschen kann.
Ihre Nähe wird mir dann so wichtig, dass ich große Angst habe, sie könnten eines Tages nicht mehr da sein.
Dieses Gefühl verunsichert mich und macht mich manchmal sehr traurig, weil ich nicht weiß, was ich dagegen tun kann und ob ich einen mir so wichtig gewordenen Menschen nicht durch ein möglicherweise falsches Verhalten verletze und auf diese Weise für immer verliere.

Möglichkeiten der Kommunikation suche ich überwiegend im Internet, zum Beispiel in einem Forum für Eltern von Kindern mit Asperger-Syndrom, wo ein gezielter Austausch stattfindet. Weitere Gespräche ergeben sich für mich durch die Mitgliedschaft in einem Forum für erwachsene Asperger-Autisten.
Diese Form des Austauschs ist sehr angenehm für mich, weil ich mir die Worte genau überlegen und so lange umformulieren kann, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin und weil ich entscheiden kann, an welchen Beiträgen ich mich beteilige und wann ich ein Gespräch beende, ohne mich rechtfertigen zu müssen dafür, dass ich lieber wieder alleine sein möchte und mit einer weiteren Konversation überfordert wäre. Außerdem ist es leichter, ein virtuelles Gespräch zu führen, weil man den am Gespräch Beteiligten nicht gegenübersitzt und sich nur auf das geschriebene Wort konzentrieren braucht.

6 Gedanken zu „Alleinsein heißt nicht Einsamkeit

  1. Hallo ! Ich habe auch Asperger (mit Diagnose). Lebe seit 6 Jahren mit meiner Freundin zusammen (hat auch Asperger), und ich kann diese Gefühle die ihr beschreibt ,voll nachvollziehen, Asperger Partner(in) zu finden war mein größtes Glück in diesem Leben. Ich bin heil froh das ich diese Einsamkeitsgefühle nicht mehr durchleben muß.

  2. Wenn ich das lese, dann sehe ich teilweise mein Spiegelbild…
    Vorallem inn Sachen Einsamkeit gehts mir auch so.
    Ich hab auch Asperger –> Unterscheide mich aber von den „meisten“ mit diesem Syndrom nach 2 Jahren Integrationsschule deutlich…

  3. Ich habe das schon so verstanden, dass Sie Angst haben, dass jemand für immer verschwindet. Diese Angst kenne ich nicht (mehr?).
    Mein Verschwinden, dass zunächst durchaus eine Momentreaktion ist, wird irgendwann zum Dauerzustand, vielleicht weil es mich zu viel Anstrengung kostet, Nähe zu suchen und diese dann doch nicht ertragen zu können. Vielleicht ist mein Verschwinden vielmehr eine Frage persönlicher Erfahrungen. Vielleicht kenne ich nur die falschen Menschen.
    Meine Bindungsfähigkeit scheint nicht besonders ausgeprägt zu sein. Ich will damit weder meine noch ihre Wahrnehmung als schlechter Darstellen. Ich wollte nur meinen Standpunkt darlegen.

  4. „Doch auch bei diesen Menschen wird mir die Nähe häufig zu gross, ich fühle mich eingeengt und flüchte.“
    Das geht mir genauso. Aber es ist ja nur eine Momentreaktion, die aus der Überforderung resultiert.
    Was ich schlimm finde ist, wenn ich einen Menschen, der mir sehr nah ist, durch mein unbeabsichtigtes Verhalten für immer verliere. Davor habe ich Angst, denn diese Einsamkeit wäre dann sehr schmerzhaft und fast unerträglich.

  5. Zu meinem Glück musste man mich auch immer zwingen und manche versuchen es auch heute noch. Es war und ist immer eine Gratwanderung zwischen die Umwelt nicht enttäuschen und sich nicht völlig überfordern.
    Angst, dass jemand plötzlich nicht mehr da ist, kenne ich hingegen nicht. Ich geniesse es mit bestimmten Menschen zusammenzusein und freue mich sie immer wieder zu sehen. Doch auch bei diesen Menschen wird mir die Nähe häufig zu gross, ich fühle mich eingeengt und flüchte. Diejenige, die plötzlich nicht mehr da ist, bin ich.

  6. das kenne ich gut von mir und mir geht es meistens auch so… alleine sein ist sehr wichtig. Doch wenn ich Nähe zu jemanden einmal zugelassen habe und dann die Angst da ist, durch nicht richtiges Verhalten, die falschen Worte oder irgend etwas unpassendes diesen zurück zu stoßen -was prompt ja auch passiert ohne dass ich das möchte und er sich zurück zieht, das ist furchtbar. Auch, weil es ja gerade dann passiert, wenn ich mich nicht gut fühle, wenn ich eigentlich Hilfe bitter bräuchte aber dafür letztlich wieder nicht die richtigen Worte finde. Und so kommt dann doch irgendwann die Einsamkeit. Und die ist furchtbar.

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