Warum Muster so wichtig für mich sind

Bine13b
Gedanken einer Asperger-Autistin über die Rolle von Mustern

 

Solange ich mich zurückerinnern kann, haben Muster in meinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. So wurden meine Spielsachen früher von mir in einer bestimmten Reihenfolge aufgestellt, die niemand verändern durfte. Ich habe ein altes Foto von mir gefunden, welches mich im Hochstuhl am Küchentisch beim Essen zeigt. Auffällig dabei sind die im Halbkreis um den Teller herum in einer bestimmten, immer gleichbleibenden Reihenfolge aufgestellten Spielsachen (Plüschtiere, Bilderbücher und Holzspielzeug). Sobald nur ein Teil davon fehlte oder nicht an der richtigen Stelle stand, habe ich angefangen zu schreien und ließ mich nicht mehr beruhigen, bis jedes Spielzeug wieder seinen gewohnten Platz eingenommen hatte und damit das für mich so wichtige Muster wiederhergestellt war.

Genauso schlimm war es für mich, wenn ich meine Spielsachen zum Spielen auf dem Boden platziert hatte und meine kleine Schwester sich eines davon einfach nahm, um damit zu spielen. Dann habe ich laut geschrien und es ihr, so schnell wie möglich, wieder abgenommen, um es wieder an den Ort zu stellen, wo das Muster durch die Wegnahme des Spielzeuges unterbrochen worden war. Manchmal habe ich meine Schwester auch geschlagen oder ihr das Spielzeug aus der Hand gerissen, wenn sie das Spielzeug nicht freiwillig wieder hergeben wollte. Leider wurde ich dafür von meiner Mutter ausgeschimpft, weil meine Schwester zu weinen anfing und ich als größere Schwester nachsichtig sein und ihr das Spielzeug doch überlassen sollte. Dass es mir nicht um das Spielzeug an sich, sondern nur um die Zerstörung meines Musters ging, konnte ich damals nicht erklären. Sicher hätte auch niemand verstanden, dass mir das so wichtig war, weil es mir Sicherheit und Geborgenheit gab.

Ebenso, wie die Aufstellung des Spielzeugs für mich wichtig war, erfolgt auch die Anordnung der Bücher im Regal bis heute nach einem bestimmten Muster, das unbedingt eingehalten werden muss.
Die Buchrücken dürfen nicht hervorstehen, genauso wenig, wie ein entnommenes Buch nicht einfach aus Unachtsamkeit an anderer Stelle wieder zurückgestellt werden darf.
Alleine die Lücke, die durch die Entnahme eines Buches entsteht, durchbricht mein Muster und löst in mir eine große, innere Unruhe aus.
Fehler in einem Muster fallen mir sofort auf, weil sie ein unangenehmes Gefühl verursachen und in mir den Drang auslösen, sie sofort zu beheben.
So mag ich es überhaupt nicht, wenn das Muster einer Tapete unterbrochen ist.
In einem solchen Raum würde ich mich immer unwohl fühlen.

Muster und Strukturen sind in meinem Alltag (über)lebensnotwendig.
Sie geben Geborgenheit, ein warmes Gefühl und beruhigen mich.
Als Kind und Teenager habe ich oft grafische Muster gemalt, wenn ich innerlich unruhig war.
Mandalas sollen einen ähnlichen Effekt haben. Sie sind ja auch nichts anderes als harmonische Muster, die dem Menschen, der sie ausmalt, ein beruhigendes Gefühl verschaffen.

Vor allen Dingen aber sind Muster Orientierungshilfen, weil ihre immer wiederkehrende Strukturen Halt geben. Sie schaffen Sicherheit durch eine höhere und genauere Vorhersehbarkeit von Ereignissen, helfen mir, Zusammenhänge zu erkennen und Situationen im Ganzen zu erfassen und zu begreifen. Außerdem erleichtern sie mein Handeln, weil sie Regeln vorgeben und ermöglichen mir, mich in der nicht-autistischen Welt besser zurecht zu finden.

Darum ist es für mich so wichtig, dass diese Muster bestehen bleiben und nicht unterbrochen oder zerstört werden.

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