Probleme der Kommunikation oder warum es einfacher ist, Monologe zu führen

Gedanken einer Asperger-Autistin zur Problematik der Kommunikation

Seit meiner Kindheit beschäftige ich mich sehr intensiv mit Sprache. Ich habe immer gerne und viel gelesen und schreibe seit einigen Jahren Gedichte, Geschichten und Sachtexte. Es würde mir keine Probleme bereiten, Vorträge über meine Fachgebiete zu halten. Man sagt Menschen mit Asperger-Syndrom nach, dass sie gerne Monologe führen, besonders, wenn es um ihr Spezialinteresse geht. Dem kann ich nur zustimmen.
Da kann es auch schon vorkommen, dass man mich beim Reden bremsen muss, weil ich nicht merke, dass mein Gegenüber längst müde geworden ist und nicht mehr zuhört.

Ich lasse mich auch nicht gerne unterbrechen, weil mich das nachhaltig aus dem Konzept bringen würde. Denn die Worte kommen selten spontan, sondern liegen in der Regel genau durchstrukturiert – wie ein Referat gespeichert und abrufbar – bereits in meinem Kopf vor. Eine Unterbrechung – zum Beispiel in Form einer Zwischenfrage – zerstört die Struktur des Monologes und führt sofort eine starke Verunsicherung und große, innere Unruhe herbei. Um das zu vermeiden, ist es für mich notwendig, einfach weiter zu reden, ohne auf die Unterbrechung einzugehen, das heißt, meinen Monolog bis zum Ende weiter zu führen und somit die für mich so wichtige Struktur zu erhalten.

Aber das widerspricht den Regeln der Kommunikation.

Also habe ich gelernt, mich auf Zwischenfragen und eventuelle Unterbrechungen vorzubereiten. Das nimmt allerdings sehr viel Zeit in Anspruch, weil ich versuche, alle möglichen „Störfaktoren“ vorwegzunehmen, um angemessen darauf reagieren zu können. Erst, wenn ein solches Gespräch gedanklich genau durchstrukturiert worden ist, ist es mir möglich, es in die Tat umzusetzen und darauf zu hoffen, dass keine unvorhergesehenen Fragen kommen werden. Diese würden mich nämlich sofort aus dem Gleichgewicht bringen und den erfolgreichen Verlauf des Gesprächs gefährden. Meist ziehe ich mich dann zurück und sage nichts mehr. Denn woher soll ich die Worte nehmen, wenn nicht aus meinem Erfahrungsschatz – auch, wenn es nur eine vorweg genommene, aus ähnlichen Gesprächen resultierende Erfahrung ist?

Ich mag es nicht, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt, etwas, das von mir nicht eingeplant war. Das führt zu einer sehr großen Verunsicherung. Aber in der Kommunikation sehe ich mich immer wieder mit Worten konfrontiert, die ich im Voraus nicht einplanen kann, da ich die Gedanken meines Gesprächspartners nicht kenne. Und genau das macht solche Gespräche so schwierig. Früher hat mein Umfeld meist mit Unverständnis darauf reagiert, wenn ich zum Beispiel versucht habe, wichtigen Telefonaten aus dem Weg zu gehen oder sie tagelang vor mich her geschoben habe. „Ruf doch einfach an und basta. Das kostet dich höchstens zehn Minuten.“

Nein, eben nicht. Es kostet nicht nur zehn Minuten, sondern eine lange Vorbereitungszeit, viel Überwindung, manchmal sogar schlaflose Nächte, in denen ich ein solches Gespräch in Gedanken hundertmal in allen, für mich denkbar möglichen Varianten führe, um am Ende ein durchstrukturiertes Konzept zu haben, das mir die Sicherheit gibt, die ich brauche, um einen Dialog erfolgreich führen zu können. Je wichtiger das Gespräch, desto schwieriger gestaltet sich seine Vorbereitung und desto anstrengender wird am Ende für mich die Durchführung des Dialoges.

Denn egal, wie oft ich dieses Gespräch in allen möglichen Variationen gedanklich durchgegangen bin, in dem Moment, wo ich es führe, steht mir ein Mensch, bzw. stehen mir mehrere Menschen gegenüber, die dem Gespräch jederzeit eine Richtung geben können, auf die ich nicht eingestellt bin und der ich nicht mehr folgen kann. Mir bleibt dann nur die einzige Möglichkeit, das Gespräch zu beenden und mich der Situation zu entziehen, weil die Struktur des Dialoges zerstört ist und ich innerlich vollkommen aufgewühlt und unruhig bin. In der Regel wird mein Gegenüber das merken, weil ich dann einen großen Bewegungsdrang entwickle und nicht mehr ruhig sitzen oder stehen bleiben kann. Außerdem verhaspele ich mich dann beim Reden oder kann einen begonnenen Satz nicht mehr beenden, weil mir die Worte einfach fehlen. Am Ende breche ich den Dialog ab oder enthalte mich dem weiteren Gespräch, was nichts mit Unhöflichkeit oder Ignoranz gegenüber meinen GesprächspartnerInnen zu tun hat oder mit einem plötzlich mangelndem Interesse an dem Gesprächsthema, sondern nur Ausdruck einer großen Unsicherheit ist, die durch die Unterbrechung oder den Verlust meiner Struktur des Dialoges hervorgerufen wurde.

Am schlimmsten ist es für mich, die Frustration zu verarbeiten, dass ein solches Gespräch ganz anders verlaufen ist, als es von mir geplant war, ich möglicherweise missverstanden worden bin und – je nach dem – nicht mehr die Möglichkeit habe, das Gespräch im Nachhinein zu korrigieren und damit ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Ich ärgere mich dann über mich selber und habe das Gefühl, versagt zu haben, was dazu führt, dass ich ähnliche Gespräche zukünftig zu meiden oder zumindest hinauszuschieben versuche (Entwicklung von Vermeidungsstrategien).

Eine andere Möglichkeit wäre auch, bei schwierigen Gesprächen – sofern möglich – die Schriftform zu wählen. Diese käme dann dem Monolog gleich. Eventuelle schriftliche Gegenfragen oder Stellungnahmen müssten nicht spontan beantworte werden, sondern könnten genau überlegt und korrekt formuliert werden. Die Struktur der Gedanken würde nicht unterbrochen oder zerstört werden, die Sicherheit der Gesprächsführung bliebe erhalten.

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