Die Unerträglichkeit des Wartens

Gedanken einer Asperger-Autistin zum Thema Warten

Warten ist eine schwierige Sache, weil es immer eine unbekannte Größe ist und eine kaum zu beeinflussende Lücke im durchstrukturierten Alltag schafft.

Zu unterscheiden ist hier aber ganz deutlich zwischen

A) dem Warten, das im Voraus eingeplant werden kann/muss (zum Beispiel im Wartezimmer beim Arzt oder beim Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel).

B) dem Warten, das unvorhergesehen eintritt (zum Beispiel bei Verspätungen oder Nichteinhaltung von Terminen).

Wartezeiten, die unter Punkt A fallen, werden rechtzeitig in den Tagesablauf mit einbezogen und sind – falls sie nicht unvorhergesehen länger dauern als geplant – ohne Schwierigkeiten zu bewältigen, auch, wenn das Warten grundsätzlich eine innere Unruhe hervorruft und unangenehm ist. Bei Arztbesuchen kann eigene Lektüre mitgenommen oder auf im Wartezimmer ausliegende Zeitschriften zurückgegriffen werden.
Beim Warten auf öffentliche Verkehrsmittel hilft ein Auf- und Abgehen auf dem Bahnsteig bzw. vor der Haltestelle, bei eingeplanten, längeren Wartezeiten eventuell auch das Mitnehmen eigener Lektüre.

Das Muster des strukturierten Tages wird allerdings zerstört, wenn die Wartezeiten von der eingeplanten Zeit abweichen. Die innere Unruhe steigert sich und wird am Ende unerträglich, weil der Zeitplan und damit der Rest des Tages durcheinander geraten ist und eine Ordnung kaum noch wiederhergestellt werden kann.

Wartezeiten, die unter Punkt B fallen, sind kaum zu bewältigen und stellen eine Überforderung, verbunden mit einer großer Verunsicherung, dar. In den meisten Fällen zerstören sie die Tagesstruktur nachhaltig und sorgen dafür, dass dieser Tag ein schlechter Tag wird, dessen Harmonie nicht wiederhergestellt werden kann.
Daher versuche ich selbstverständlich, solchen Wartezeiten – wenn möglich – aus dem Weg zu gehen. Treten sie dennoch ein, dann kosten sie sehr viel Kraft und bringen die ganze Tagesstruktur durcheinander, was eine extreme, innere Unruhe nach sich zieht.
Solche Wartezeiten können dann auch nicht mehr mit Lesen oder anderen sinnvollen Beschäftigungen ausgefüllt werden, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, die eigene Unruhe wieder in den Griff zu bekommen, in dem ich mich selber beruhige (zum Beispiel durch Auf- und Abgehen, verbunden mit Selbstgesprächen oder, wenn das, wie in einem Wartezimmer, nicht möglich ist, mit möglichst unauffälligem Schaukeln mit dem Oberkörper, einer sogenannten Jaktation).

Um mir und anderen Wartezeiten zu ersparen, bin ich immer sehr pünktlich.
Ein Zuspätkommen meinerseits wäre für mich sehr unangenehm und unverzeihlich.
Ebenso empfinde ich es natürlich auch, wenn Menschen zu einer Verabredung mit mir zu spät kommen. Menschen, die unpünktlich sind oder es mit der Einhaltung von Terminen nicht so genau nehmen, empfinde ich als sehr unhöflich. Sie machen sich keine Vorstellung davon, was ihr Verhalten in mir auslöst. Im Gegenzug verstehen sie nicht, dass ich dann sauer auf sie bin und dementsprechend kurz angebunden, weil sie mich haben warten lassen.
Wozu machen Menschen denn Termine, wenn sie sie hinterher nicht einhalten?

3 Gedanken zu „Die Unerträglichkeit des Wartens

  1. Ich kann sehr gut nachfühlen, wie unerträglich Warten sein kann. Ein sehr schönes Blog, das ich gern verlinken würde, sofern das o.k. ist. Auf jeden Fall, werde ich jetzt sicher öfter vorbeischauen.

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