Die emotionale Ebene

Gedanken einer Asperger-Autistin über ein besonders schwieriges Thema – Gefühle


Gefühle sind bei mir – und ähnlich sehe ich es bei meinem Sohn – immer sehr absolut.
Es gibt Gefühle nur in den Kategorien Schwarz oder Weiß. Bedingt dadurch sind die Gefühle nicht nur extrem, sondern auch sehr intensiv.

Jede Situation, jede Beziehung zu einem Menschen wird dem Schwarz oder dem Weiß zugeordnet. Dadurch werden meine Reaktionen auf Situationen oft als sehr extrem und heftig empfunden. Für mich sind sie aber ganz normal. Es sind auch die einzigen, die mir zur Verfügung stehen.

Natürlich weiß ich, dass den Menschen eine ganze Skala von Gefühlen zur Verfügung steht.
Es gibt viele Abstufungen zwischen dem Schwarz und dem Weiß – das Grau in all seinen Schattierungen. Aber damit fange ich nichts oder nur sehr, sehr selten etwas an.
Das Grau kann ich nicht definieren und ich kann es wenn, auch nur selten deuten. Und es kommt häufig vor, dass ich dann mit meiner Interpretation daneben liege.
So muss mir mein Gegenüber schon ein ganz eindeutiges Gefühl zeigen, damit ich es richtig verstehen kann. Ansonsten fühle ich mich zutiefst verunsichert und kann das Gefühl meines Gegenübers und sein daraus resultierendes Verhalten nicht zuordnen.
Dadurch entstehen viele Missverständnisse.
In solchen Situationen ziehe ich mich am liebsten zurück, was sicher oft als Unhöflichkeit oder Interessenlosigkeit ausgelegt wird, aber nichts anderes ist als Unsicherheit und emotionale Unwissenheit.

Vielleicht liegt die tiefgreifende Entwicklungsstörung autistischer Menschen auch gerade hier auf der emotionalen Ebene?
Durch die rigide Einteilung in Schwarz und Weiß entwickelt sie sich nicht weiter.
Die Diskrepanz zwischen emotionaler und kognitiver Ebene wird mit zunehmendem Alter immer größer. Das beobachte ich ja auch sehr häufig bei meinem Sohn. Dadurch entsteht der Eindruck von einer gewissen Naivität, die sich mit der kognitiven Entwicklung nicht in Einklang bringen lässt.

Gefühle sind bei mir immer ehrlich, sie sind – damit ich sie begreifen kann – eindeutig einer Kategorie zugeordnet und bleiben in der Regel konstant und konsequent.
Alles andere würde ein Verlust von Sicherheit bedeuten.
Zeigt mir nun jemand ein Gefühl aus dem großen Graubereich, weiß ich gar nicht, wie ich darauf reagieren soll. Dann besteht die große Gefahr, dass ich mich nicht so verhalte, wie es von mir erwartet wird, wie es „normal“ wäre.
Wenn möglich, entziehe ich mich dann dieser Situation.
Aber im Alltag ist das nicht immer möglich.
Da muss ich mich Situationen stellen, die für mich so schwer zu verstehen sind wie eine Fremdsprache, die ich noch nicht gelernt habe.
Versuchen Sie einmal, eine Frage, die Ihnen in einer fremden Sprache gestellt wurde, richtig zu beantworten, ohne dass es zu Missverständnissen in der Übersetzung und dadurch bedingt zu Fehlreaktionen kommt.

Am schlimmsten ist für mich der Streit.
Da sagen Menschen plötzlich etwas, das mit dem Gefühl nicht mehr vereinbar ist.
Zum Beispiel ein Mensch, der mich liebt und mich plötzlich mit Worten beleidigt.
Das kann ich – wenn überhaupt – nur schwer verarbeiten.
Warum? Weil ich ihn beim Wort nehme und diese Worte dann im Gegensatz zu dem Gefühl stehen, was er mir und ich ihm gegenüber habe.
Auch das bedeutet Verlust von Sicherheit.
Ein Mensch, der sich bei mir in der Kategorie Weiß befindet, stellt durch verletzende Worte seine Daseinsberechtigung in der Kategorie Weiß in Frage und landet dann entweder in der Kategorie Schwarz oder er verschwindet im Gefühlschaos Grau.
Weil ich genau davor Angst habe, meide ich Streit oder fühle mich, wenn ich ihm nicht aus dem Weg gehen konnte, anschließend lange niedergeschlagen und meiner emotionalen Sicherheit beraubt.

Das hört sich jetzt sehr hart und endgültig an, so, als wenn ich es mir damit sehr einfach machen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist sehr schwer in Schwarz-Weiß-Kategorien zu fühlen und zu handeln, wenn man weiß, dass das Gegenüber eine ganze Pallette von Grautönen zur Verfügung hat und nicht versteht, dass ich mit dem Grau nichts anfangen kann.
Natürlich habe ich im Laufe des Lebens auch Grautöne kennengelernt.
Sie begegnen mir ja überall jenseits meiner Welt.
So kann ich Emotionen in einem Gesicht erkennen, wenn sie nicht zu versteckt sind.
Dann kann ich sie ähnlich wie Vokabeln auswendig lernen.
Aber – ich weiß dann in den meisten Fällen nicht, warum mein Gegenüber gerade so einen Gesichtsausdruck macht. Dann überlege ich, ob ich etwas falsch gemacht habe, etwas falsches gesagt habe, finde aber häufig keine Erklärung, bleibe dann ratlos zurück oder reagiere nicht angemessen.

6 Gedanken zu „Die emotionale Ebene

  1. Reblogged this on My strange little world und kommentierte:
    Fühle mich nicht als Autist, bin auch nicht als einer diagnostiziert oder so, aber so fühle ich auch.

    Genauso das hier

    Nehmt unsere Worte so wie sie sind, wir meinen das was wir sagen und sind nicht in der Lage, Sätzen durch Mimik, Gestik und Tonfall eine andere Bedeutung zu geben – Ein Interpretationsversuch eurerseits führt nur zu unötigen Missverständnissen.

    Wir lieben Regeln und Ordnung (unsere eigenen versteht sich). [.. Unsicherheit] kann dafür sorgen, dass der Rest meines Tages im Chaos versinkt

    von http://chaoskatja1.npage.de/beitraege/vom-umgang-mit-autisten.html

  2. Guten Tag Frau Kiefner

    Ich schreibe meine Fachmaturarbeit darüber wie ich einem Kind mit dem Asperger Syndrom Gefühle näher bringen kann. Ist es ein ausswenig lernen, also wenn er Tränen sieht weiss er das Kind ist traurig. Jedoch weiss er wie das Kind sich fühlt? Und auch Gestik und Mimik. Er weiss dass jemand , der lacht glücklich ist. Jedoch kann er ein böses Gesicht nicht nachahmen.
    Haben Sie mir einen Tipp wie ich ihn diese näher bringen kann?

    Herzliche Grüsse

    Anina

    Ps: Ihr Beitrag ist sehr interessant.

  3. Hallo Lucy,
    sicher ist es möglich, dass sich ein Mensch mit Autismus durch die Beziehung zu einem anderen Menschen verändert (Ist das nicht grundsätzlich bei allen Menschen so?)
    Autist wird er trotzdem immer bleiben, das läßt sich nicht ablegen, höchstens besser kompensieren. Den Begriff „normal“ mag ich nicht sonderlich, obwohl ich ihn auch benutze – was ist schon normal und wer legt fest, was als normal gilt und was nicht?
    Ich fühle mich auch normal – nur anders.

    Herzlichen Gruß
    Sabine

  4. Hallo Frau Kiefner,
    ihre Berichte helfen mir gerade durch eine schwere Zeit mit meinem betroffenen Mann. Ist es möglich, dass ein Mensch mit Asperger Diagnose plötzlich durch einen anderen Menschen „Normalo“ wird?

  5. Liebe Frau Kiefer,
    sie schreiben oft über Ihren Sohn.
    Was ich aber noch nicht herausgelesen habe, hat Ihr Sohn auch das Asperger-Syndrom ?

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