Informationsbrief zum Thema Asperger und Einzelbeschulung

Immer häufiger erhalten Asperger Autisten eine Einschätzung aus Kliniken mit dem Befund:… adäquater Unterricht und auf das Kind zugeschnittene Umgebung mit vertrauten Personen müssen geschaffen werden….ansonsten ist dringend eine Einzelbeschulung (auch zum Übergang oder für einen Teilbereich) zu empfehlen. In Bayern kann bisher nur unter sehr viel Durchsetzungsvermögen von Eltern dieser Freiraum in Teilen geschaffen werden. Nur wenige Kinder haben bisher einen Schulbegleiter, noch weniger sind Teilbefreit vom Unterricht und die Schulen sind unaufgeklärt und verstoßen daher teils auch unwissentlich gegen vorhandene Empfehlungen aus Kultusministerium und Schulverordnungen. Als Bsp.: Der Sondermobile Dienst für Autisten wird von vielen Schulen überhaupt nicht gekannt und die Handreichung für Lehrer wird nicht angefordert.

Schon dies alles würde vieles erleichtern. Viele Autisten haben schwerwiegende Erfahrungen gemacht die nur in Einzelbeschulung wieder geändert werden können. Vertrauen und Selbstvertrauen gehören zu den wichtigsten Lernbereichen. Autisten lernen immer, aber eben anders, ertragen keine Wiederholung und suchen sich ihre Freunde selber aus. Gezwungene Freundschaften und soziales Leben führt fast immer zu Eskalationen. Selten kommt man völlig ohne Medikamente aus, da gerade Autisten auch schnell an Allergien leiden oder weitere psychosomatische Beschwerden bekommen. Sie sind oft infektanfällig unter Stress und jede Schulkooperation auf eine bestimmte Stundenanzahl kann damit ins Wanken geraten.

Nachdem ich mir viele faule Kompromisse angesehen habe, bin ich überzeugt, dass vor allem klare Struktur, bekannte Umgebung und Vertrauen in die Lernbegleitung den größten Erfolg für eine zukunftsfähige Basis darstellen.
An erster Stelle muss stehen: das Kind soll lebensfähig werden, dazu gehört in Punkt zwei es soll für sich sorgen können, wozu Punkt drei führt: ein Beruf. Dieser ist fast ausschließlich über einen Abschluss zu erreichen. Also nützt es dem Autisten nichts die Schulzeit abzusitzen.
Über die Fähigkeiten und Inselbegabungen kann man gezielt fördern und Interesse an anderen Themen wecken. Soziale Fähigkeiten kann man üben und außerhalb der Schulsituation in Vereinen oder Ausflügen und Treffen fördern. Sogar besser als in der Schule, da die soziale Kompetenz in Bezug auf Gleichaltrige am Schwersten erscheint. Mit Älteren kann man gehobener reden und den Jüngeren kann man etwas erklären. Zwei Eigenschaften der Kinder, die ich im letzen Jahr unter allen mir bekannten Asperger Autisten wiederkehrend festestellen konnte.
Zu lernen, sich selber zu beschäftigen ohne deppressiv zu werden und zu lernen sich aus dem Geschehen herrauszuziehen, ohne Aggressionen oder Stereotypien zu haben, können ebenfalls unter der Voraussetzung erlernt werden, viel Aufmerksamkeit zu erhalten und dabei klare Regeln und Strukturen zu beachten.

Für die Bildung habe ich mir insbesondere die Flexfernschule näher betrachtet. Sie ist in Baden-Württemberg eine Jugendhilfemaßnahme und gefördert durch das Familienministerium. Seit 6 Jahren aber stehen sie in Verhandlungen mit dem Kultusministerium Bayern, welches die Flex-bavaria selber ins Gespräch gebracht hat! Sie sollte im September 2007 an den Start gehen, doch im April waren die Verhandlungen in München noch nicht beendet, es kann also sein, dass es sich bis zum nächsten Schuljahr verzögert. Feststeht : sie kommt. Hier in Bayern wird sie zur Schule für Kranke in Bamberg gehören, und damit die Schulpflicht erfüllen.
Die Kosten werden allerdings nicht komplett übernommen wenn man daheim lernt, sondern werden 200 Euro pro Monat betragen. Die Frage ist natürlich offen, ob statt einem Schulbegleiter für einen Autisten künftig diese Kosten übernommen würden, denn es ist eine sehr kostengünstige Lösung.
Flex ist ausgerichtet auf ältere Jugendliche, aber das Material ist ab dem Stoff der 5. Klasse da. Es wird klar auf das Ziel Prüfung gelernt und in Themengebieten unterrichtet. Die Fächer sind alle in gleich viele Bereiche und Lernbriefe eingeteilt, sind klar beschrieben, interessant gestaltet und durch ihre klare Aussage und Struktur ideal für Asperger Autisten geeignet. Das ein oder andere wird durch wortwörtliches Verstehen vielleicht erklärt werden müssen, dennoch bietet es als einziges Material genau die Klarheit, die wir Eltern bisher in der Schule vermissen. Der Tagesablauf und das Lerntempo kann individuell angepasst werden, neben einem Lernbegleiter, den auch die Eltern machen können, steht eine Begleitperson bereit, idealerweise könnte diese Rolle auch der Sondermoblie Dienst sein und ein Lehrer in der Flexschule steht in laufendem Kontakt mit dem Schüler und der Begleitperson. Die Prüfung kann am Ort oder zentral in der Flexschule abgelegt werden, woraus sich gute Chancen für Autisten ergeben einen Abschluss zu erhalten.
Kombiniert werden kann dies auch mit einer Schule, indem Fächer wie Sport oder Technik usw. innerhalb einer Schule mit Schulbegleiter dazu genutzt werden könnten, das soziale Leben mit Gleichaltrigen zu erleben und zu erlernen. Die Kontrolle durch staatl. Institutonen wäre damit gegeben, die Zeit für nötige Therapien und Pausen des Kindes aber auch. Die Entlastung des Elternhauses wäre enorm. Die Kosten gering.

Bei jüngeren Kindern würde sich zuvor oder ersatzweise (da eine Wiedereingliederung in eine Schule immer möglich sein kann/soll), die Wetzlarer Fernschule anbieten. Sie sind ebenfalls anerkannt durch den Bund und bieten selbige Lernbriefe in den Fächern Deutsch, Mathematik und Heimatkunde an. Hier ist allerdings der Kostenpunkt höher und mir ist nicht bekannt ob es schon einmal eine Übernahme der Kosten durch Jugendhilfeträger gab.
Die Flex Fernschule aber kann bestätigen, dass durch Erfahrungen belegt ist, dass der Übergang von der Wetzlarer Fernschule zur Flexschule problemlos funktioniert. Auch die Erfahrungen mit Aspergern können bestätigt werden.

Allein die Tatsache, dass Bayern selber die Möglichkeiten der Fernschule zu sich holt, zeigt wie klar auch dem Kultusministerium das Problem mit Krankheit und Schulverweigerung ist. Das Projekt soll wohl vorab auf 4 Jahre gefördert werden um die Ergebnisse zu vergleichen.
Wir bitten diese Informationen gezielt zu nutzen, in Gesprächen mit Schulen und Gerichten, um den Kindern mit Asperger Autismus die Chance geben zu können, leben zu lernen und sich zu bilden. Nicht nur für uns Eltern sondern auch zukunftsorientiert auf unser Land gesehen, wäre es doch sinnvoll, wenn diese Kinder eines Tages für sich selber sorgen könnten und wenn wir insbesondere deren Teilbegabungen nutzen würden. Nicht jeder mag ein Einstein oder Mozart sein, beides Autisten Typ Asperger, aber jedes der Kinder kann eine große Bereicherung in unserem Leben sein, wenn wir sie gezielt fördern und ihre Fähigkeiten nutzen. Allein im Regierungsbereich Ansbach haben sich seit mitte des Jahres über 15 Eltern für Schulbegleitung einen Weg erkämpfen müssen, die Integration Behinderter in Bayern sollte unbedingt verstärkt werden. Doch solange Integration nicht zu einer wirklich guten Möglichkeit ausgebaut ist, sollte der einzelne Mensch im Vordergrund stehen und in der Gesellschaft nicht am Rande ohne Chancen leben müssen. Ein Kind im Rollstuhl ist eine schwere Erfahrung, ein Kind das normal aussieht aber anders ist, erschwert Familien enorm ihren Alltag. Unsere Kinder sehen sich selber als Norm, und nur wer bedingungslos diese Kinder annimmt, wird sie verstehen lernen. Nicht unsere Kinder sind behindert, sondern unsere eigenen Blicke, wenn wir nicht alle Möglichkeiten nutzen, die unser Land bereits jetzt bietet.

Für eine starke Zukunft mit freundlichen Grüßen i. A. der Bildunginitiative Zukunft, der Asperger Selbsthilfegruppe für Bildung im Raum Mittelfranken im Juni 2007

Corinna Fischer, Heim- und Jugenderzieherin
Sprecherin von BI-Z

Quelle: Bildungsinitiative-Zukunft

3 Gedanken zu „Informationsbrief zum Thema Asperger und Einzelbeschulung

  1. Bei uns hat der Mobile Dienst für Autismus seine Hilfe in der Schule angeboten, was seitens der Schule bzw. der Lehrerin abgelehnt wurde.

  2. Das ist für uns auch ein extrem spannendes Thema, denn wir sind gerade dabei für unseren Sohn eine Lösung mit der Flex-Schule hin zu bekommen. Gibt es eigentlich Leute, die das geschafft haben? Welche Tipps gibt es?

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