Fachtagung – Schule auf dem Weg zur Inklusion

Am 28. März 2012 findet von 9.00 bis 17.00 Uhr an der Uni Siegen eine Fachtagung zum Thema  “Schule auf dem Weg zur Inklusion” statt.

Unter anderem wird Frau Bea Küpperfahrenberg, die Landeskoordinatorin NRW für die Fachberatung Autismus einen Vortrag halten zum aktuellen Stand und den Entwicklungen des Schulbesuchs von Schülern und Schülerinnen mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Der Tagungsbeitrag beträgt 30 Euro, für AutistInnen und StudentInnen 15 Euro.
Anmeldeschluss ist der 12. Februar 2012. Eine Anmeldung ist schriftlich über das Anmeldeformular oder online möglich. Auf dem Anmeldeformular befindet sich auch das Tagungsprogramm inklusive der Workshops, die nach der Mittagspause stattfinden.

Zum Thema Autismus und Inklusion habe ich auf Grund der Aktualität des Themas einen Beitrag aus meiner persönlichen Sicht als Autistin geschrieben, der unter folgendem Link nachgelesen werden kann:

Inklusion und Autismus – wie geht das?  

Zitat:

“Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente  Überforderung mit sich bringt. Solange die Gesellschaft erwartet, dass sich AutistInnen durch Anpassung und Kompensierung so verhalten wie nichtautistische Menschen, kann Inklusion nicht gelingen. “

Leben mit Autismus – eine Videoreportage

Ich habe heute einen Filmbeitrag gefunden, der zwar schon etwas älter, aber im Vergleich zu vielen anderen Reportagen über Autismus gut gemacht ist, weil er nicht nur die Schwierigkeiten im Alltag zeigt, sondern auch die Chancen, diese überwinden zu können. Auch, wenn das Wort “Krankheit” in dem Beitrag einmal fällt, wird doch mehrmals erwähnt, dass Autismus eine angeborene, genetisch bedingte Entwicklungsstörung ist.  Die Aussagen sind insgesamt stimmig und bedienen sich nicht nur der üblichen Klischees, die leider häufig in Medienberichten zu finden sind.

Hauptsächlich geht es in der Reportage um das Thema Schule (der Schüler, der in dem Beitrag vorgestellt wird, besucht ein Gymnasium mit einer Schulbegleitung), um Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs und der Unterstützung durch das Autismus-Kompetenz-Zentrum.

Leben mit Autismus – eine Videoreportage

Weitere Informationen zum Film und eine von TV touring zusammengestellte Liste mit Adressen in Unterfranken zum Thema Autismus  sind auf der Webseite von  TV touring veröffentlicht.

Gewalt an einer Förderschule gegen Asperger-Autisten

Nachdem über diesen Vorfall bereits in der letzten Woche mehrfach ausführlich in der Lokalpresse berichtet wurde, sendete der WDR gestern einen Bericht in der Lokalzeit Bergisches Land über die Gewalt gegen einen Asperger-Autisten an einer Förderschule in Wermelskirchen.

Aufgrund der Zeitungsartikel hat sich mittlerweile eine weitere Familie gemeldet, deren Sohn ebenfalls an dieser Schule gemobbt und körperlich attackiert worden ist – so schlimm, dass die Eltern ihren Sohn nicht mehr zum Unterricht schicken und nun auf der Suche nach einer geeigneten Schule für den siebenjährigen Jungen sind.

Zitat:

“Wir haben unseren Sohn nach den Sommerferien nicht wieder in die Pestalozzischule zurückgeschickt und werden das auch nicht mehr tun”, sagen Melanie und Jörg Stöcker. Denn auch ihr Sohn sei immer wieder angegriffen und verletzt worden, so wie sie es nun auch von dem 14-jährigen Jan gehört hätten. Nach Aussage der Stöckers sei sogar die Integrationshelferin, die Niklas für die Schule beigeordnet gewesen sei, mehrmals attackiert worden.

Quelle: Gewaltopfer wechseln jetzt aus Angst die Schule – RP-Online

Leider ist es so, dass die Vorwürfe der Gewalt gegen die autistischen Kinder von der Schulleitung zurückgewiesen werden. Es handele sich nur um gewöhnliche Rangeleien und nicht um Gewalt und körperliche Angriffe gegen behinderte Schüler.

So sind es wieder die Opfer, die aus Angst vor Repressalien, die Schule verlassen und vorerst zuhause bleiben, bis eine geeignete Schule gefunden wird, in der sie angstfrei lernen können.

Hier der Beitrag der Lokalzeit Bergisches Land, welcher im ersten Teil die Situation seitens der betroffenen Familien sowie eine Stellungnahme der Schulleiterin und im Anschluß daran eine Studiogespräch mit der Leiterin der Eltern-Selbsthilfegruppe zeigt:

Vorwürfe gegen Förderschule – WDR Lokalzeit Bergisches Land vom 21.09.2010

Schulpflicht? Erst mal nicht …

 

  • … weil die UN-Konvention und das Recht behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule zwar auf dem Papier steht, aber in vielen Fällen in der Praxis noch nicht umgesetzt wird.
  • … weil mein Sohn ein Recht auf Chancengleichheit bekommen soll. 
  • … weil ich mich nicht damit abfinden will, dass mein Sohn mangels adäquater und seinen Begabungen entsprechenden Alternativen zu der letzten Schule auf eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung geschickt werden sollte.
  • … weil ich möchte, dass mein Sohn in die Gesellschaft integriert wird und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann und dazu auch ein Gemeinsamer Unterricht gehört (denn wo sonst sollte er den Umgang mit Gleichaltrigen lernen können)
  • … weil es im Gegenzug keine Beschulungspflicht zu geben scheint.

Glücklicherweise haben uns in den letzten fünf Monaten zahlreiche Menschen zur Seite gestanden und ihre Unterstützung verbindlich zugesagt, so dass wir in dieser schwierigen Situation nicht alleine waren, auch, wenn wir von offiziellen Stellen alleine gelassen wurden bei der Suche nach einer geeigneten Schule.

Zuletzt hat uns die Lokalpresse auf unserem Weg geholfen und einen Beitrag veröffentlicht, der heute, am 17.04.2010 im Kölner Stadtanzeiger erschienen ist.

Schulpflicht? Erstmal nicht für Amir

Dass es auch anders geht, hat er mittlerweile an einem Gymnasium in Leverkusen erlebt, wo er ein paar Tage hospitieren durfte. Die Schule weiß, wie man mit autistischen Kindern umgeht. Vom „Landrat-Lucas-Gymnasium“ sei er „total glücklich“ nach Hause gekommen, sagt seine Mutter. Nun warten die beiden auf ein positives Signal der Schule. Als zweite Hürde müsste dann die Bewilligung eines Schulbegleiters durch das städtische Jugendamt genommen werden.

Das positive Signal der Schule haben wir mittlerweile.
Jetzt fehlt nur noch die Bewilligung des Antrags auf eine Schulbegleitung durch das Jugendamt. Ein entsprechendes Antragsschreiben liegt der Behörde seit dem 29. März 2010 vor.

Ab Donnerstag wird mein Sohn nach fünfmonatiger Zwangspause wieder Schulkind sein. Ich hoffe, dass ihm nicht ein nächster Stein seitens der Behörden in den Weg gelegt werden wird.

Zwei weitere Beiträge zu dem Thema gibt es bei ShortNews unter dem Titel:

Köln: Muss autistischer Schüler trotz Hochbegabung auf eine Sonderschule?

und hier:

Inklusion, Integration, individuelle Förderung

 

AKTUELL !!!

Heute, am 23.04.2010 erhielt ich ein Schreiben der Bezirksregierung Köln mit dem Hinweis auf die bestehende Schulpflicht und der Androhung von Zwangsmitteln. 

Merkwürdig, hieß es in dem Artikel im Kölner Stadtanzeiger noch:

Die Rechtslage ist eindeutig: Amir ist schulpflichtig. Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, drohen Sanktionen. Auf die will die zuständige Bezirksregierung in diesem Fall vorerst verzichten, denn trotz eindeutiger Rechtslage ist die Sache kompliziert.

Quelle: Schulpflicht besteht

Glücklicherweise besucht mein Sohn seit gestern die 6. Klasse eines Gymnasiums, so dass der Tatbestand einer Schulpflichtverletzung nicht mehr gegeben ist.

Infoabend “Asperger-Autismus und Regelschule”

Am Montag, den 01.03.2010 findet um 19 Uhr im Foyer der Mehrzweckhalle Dabringhausen ein Infoabend für LehrerInnen, Eltern und MitarbeiterInnen in Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen statt.

Thema: Asperger-Autismus und Regelschule 

Wie kann eine gute Integration aussehen?
Welche Schwierigkeiten sind zu überwinden?

Referent: Roland Wagner, Leiter der Integrativen Pädagogischen Schulbetreuung Witten IPS

Veranstaltungsort: Foyer der Mehrzweckhalle, An der Mehrzweckhalle, 42929 Wermelskirchen-Dabringhausen

Weitere Informationen und der Flyer zur Veranstaltung 
finden Sie auf dem Blog der Elternselbsthilfegruppe 

Besonders Anders – Kinder und Jugendliche mit Asperger Autismus

Der Eintritt ist frei.

Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

Es scheint einfacher, Kinder  mit der Diagnose Asperger-Syndrom von einer schulischen Integration auszuschließen, als sich der Herausforderung zu stellen und einen Lernort zu schaffen, der auch die Förderung eines autistischen Kindes möglich macht.

So muss ein elfjähriger Junge mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine weiterführende, private Schule jetzt verlassen, weil sich die Schulleitung nicht in der Lage sieht, der Bedürfnisse und Rechte des Kindes gerecht zu werden. Man sei schließlich eine allgemeinbildende, weiterführende Schule und nicht speziell für die Bedürfnisse eines autistischen Kindes ausgestattet.

Laut Aussage der Schulleitung seien viele Gespräche mit Fachleuten und Beratern geführt worden, um den Jungen in der Klasse integrieren zu können. Merkwürdig, dass die Mutter zu keinem dieser Gespräche geladen wurde und bis heute keinerlei Information über deren Inhalte erhalten hat. Dabei hatte sie bereits im Januar diesen Jahres um ein Gespräch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und dem Autismusbeauftragten gebeten, welches im April seitens der Schule zweimal verschoben und danach nicht mehr thematisiert wurde.
Zuletzt wurden die schriftlichen Bitten der Mutter an den Klassenlehrer und die Schulleitung, dieses Gespräch schnellstmöglich nachzuholen, nicht einmal mehr beantwortet.

Das erweckt den Eindruck, die Schule ziehe es vor, Probleme auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Mutter des Jungen letztendlich aufgeben und ihren Sohn von der Schule nehmen würde.

Dabei haben behinderte Kinder laut Artikel 24 des Gesetzes
zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
ein Recht auf integrative Beschulung.

Artikel 24

Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl

 des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen
nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Doch was nützen Gesetze zur Integration behinderter Kinder im Regelschulsystem, solange sie nicht konsequent und für alle Schulen (auch die privater Träger) verpflichtend umgesetzt werden?

Anderssein – Teil 2

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 2

Das Anderssein begleitete mich auch durch die Pubertät.
Ich war ein sogenannter Spätzünder und spielte noch mit Puppen und Legosteinen, als meine Klassenkameradinnen bereits erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hatten. Da mich die Jungs und das Verliebtsein noch nicht interessierten, fand ich nur wenige Mitschülerinnen, mit denen ich mich über mein Lieblingsthema, den aktuellen Schulstoff, unterhalten konnte.
Dabei wäre ich so gerne wie die anderen gewesen und hätte zu dem auserwählten Kreis der beliebtesten Mitschülerinnen gehört. Ich versuchte mich anzupassen und ihr Verhalten nachzuahmen, fühlte mich aber in dieser Rolle nicht wohl, weil ich ihr nicht gewachsen war.
Mit fünfzehn hatte ich einen ersten Freund – eine ganze Woche lang! Länger hielt ich es nicht aus, weil ich die ständige Küsserei eklig fand und ich seinen Wunsch nach permanenter Nähe nicht nachvollziehen konnte. Ich fühlte mich bedrängt und machte Schluss, in dem ich ihm seinen Freundschaftsring zurückgab. Mehr war ich nicht imstande zu sagen, weil ich selber nicht verstand, was in mir vorging. Wie hätte ich es ihm erklären können?

Immer häufiger wurde mir bewusst, dass ich anders war und ich begann, nach den Gründen meines Andersseins zu suchen.
Mit siebzehn Jahren las ich – ausgelöst durch mein Interesse im Pädagogikunterricht – zahlreiche Bücher von Siegmund Freud, C.G. Jung und Bruno Bettelheim, in der Hoffnung, dort eine Erklärung für mein Anderssein zu finden. Dabei stieß ich im Zusammenhang mit meinen Jaktationen (dem Kopf Hin-und Her wühlen im Bett, was ich immer noch jeden Abend vor dem Einschlafen mache) zum ersten Mal auf die mir bis dahin fremden Begriffe Hospitalismus und Autismus, laut Bettelheim Folgen emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit, die ein Gefühlstrauma auslösen. Da dies auf mich nicht zutraf, beschäftigte ich mich nicht weiter mit dem Thema Autismus und suchte weiter, immer in der Hoffnung, mich irgendwann einmal in einem Text wieder zu finden.
Gab es überhaupt Menschen, die genauso oder zumindest ähnlich wie ich waren?
Oft fühlte ich mich sehr einsam und unverstanden unter der Menschen, mit denen ich täglich zusammen war.
Vielleicht hatte ich ja wirklich nicht alle Tassen im Schrank, so oft, wie ich den Satz in meinem Leben zu hören bekommen hatte?

In dieser Zeit , kurz vor dem Abitur litt ich häufig unter massiven Ängsten und psychosomatischen Beschwerden wie Magenschmerzen, Schwindel, Herzrasen und Schlaflosigkeit. Als dieser Zustand unerträglich wurde, ging ich zum Arzt und bekam Psychopharmaka verschrieben, die ich aber nach wenigen Tagen absetzte, weil ich Angst vor den im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen hatte. Die Tabletten, die mir meine Eltern gegen die Magenschmerzen gegeben hatten, halfen zumindest, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen.
Die massive, innere Anspannung und die zwanghafte Suche nach meiner Identität blieben.

Obwohl ich eine sehr gute Schülerin war und das Wissen seit der Grundschule wie ein Schwamm aufsaugte, hatte ich große Angst davor, mein Abitur nicht zu bestehen.
„Mach dich doch nicht verrückt. Du schaffst das mit links.“  (Wenn, dann würde ich es nur mit links schaffen. Schließlich bin ich ja Linkshänder, dachte ich mir, ohne es jemals auszusprechen, weil ich spürte, dass es etwas ganz anderes bedeuten musste, etwas mit links zu machen.)

Vielleicht war ich das ja bereits – verrückt?
Dass etwas mit mir nicht stimmte und mich von den anderen Menschen unterschied, spürte ich ja bereits seit frühester Kindheit. Aber um nicht aufzufallen, versuchte ich mich anzupassen – so normal zu sein, wie möglich.
Also setzte ich mich hin und versuchte zu lernen, so, wie meine Klassenkameradinnen, aber ich wusste gar nicht, wie man das machte – Lernen. Ich konnte Wesentliches von Unwesentlichem nicht unterscheiden und blieb oft an Details hängen, die zur Erfassung der vor mir liegenden Thematik unerheblich waren. Zum Glück aber blieben mir Texte, die ich einmal gelesen hatte im Gedächtnis, als hätte ich sie auf einer Festplatte abgespeichert, so dass sie jederzeit abrufbar waren, auch, wenn ich deren Inhalt nicht verstand.

Trotz massiver Angst zu versagen, schaffte ich mein Abitur ohne große Anstrengung mit einem Notendurchschnitt von 2,2.
Doch ich verstand nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit mein Umfeld diese Tatsache hinnahm. „Das war doch klar, dass du dein Abitur so gut bestehen würdest.“
Mir war das nicht klar und noch weniger selbstverständlich.
Wieder wurde mir bewusst, wie wenig die Menschen von dem wussten, was wirklich in mir vorging und wer ich wirklich war. Das machte mich traurig.
Würde es je einen Menschen geben, der mich wirklich verstand und nachvollziehen konnte, was in mir vorging?

Anderssein

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 1

So weit ich mich zurückerinnern kann, war ich ein Sonderling – irgendwie anders als die anderen. Ein ungelenkes, tolpatschiges Kind mit einem sonderbaren Gang und einer Fehlstellung des linken Auges, die hinter einem dicken Brillenglas noch deutlicher zum Vorschein kam.
Ich spielte lieber alleine in meinem Zimmer als draußen auf der Strasse mit den anderen Kindern, die mich manchmal hänselten oder über mich lachten. In meiner Welt, von deren Existenz niemand außer mir wusste, gab es keine Menschen, die sich über mich lustig machten und mir weh taten. Nur dort fühlte ich mich sicher und geborgen.

Draußen bei den Kindern hatte ich Angst davor, dass sie mir die Brille von der Nase schlagen und die Brillengläser dabei wieder kaputt gehen würden, ich mich beim Nachlaufen oder Versteckspiel blamierte, weil ich nicht geschickt und schnell genug war oder beim Ballspielen wieder als letzte übrig bleiben würde, weil keine Mannschaft mich als Mitspielerin haben wollte.

Ständig wurde ich mit der Tochter der Freundin meiner Mutter verglichen, die – im Gegensatz zu mir – sehr sportlich und gelenkig war.
Ich verstand nicht, warum es im Leben so wichtig sein sollte, Handstandüberschläge und Purzelbäume vorwärts und rückwärts machen zu können. Manchmal fühlte ich mich als Versager, weil ich all das nicht oder zumindest nicht besonders gut konnte und man mich belächelte, wenn ich mühsam versuchte, einen Handstand hin zu bekommen, ohne gleich wieder umzufallen.
Lieber las ich in meinen Büchern, deren Texte ich schnell auswendig vortragen konnte, auch, wenn ich sie nicht immer verstand. Das aber schien niemand als besondere Leistung anzusehen, zumindest wurde es nie hervorgehoben.

Seit meiner Geburt kam ich mit sehr wenig Schlaf aus, verweigerte zum Leidwesen meiner Eltern den Mittagsschlaf und schrie stattdessen viel und lang anhaltend.
Schlafen war für mich immer sehr schwierig, weil ich ständig angespannt und mit vielen Gedanken beschäftigt war, die ich am Abend nicht einfach abstellen konnte.
So schaukelte ich mich mit einem gleichmäßigen Hin und Her des Kopfes in den Schlaf, in dem ich in einem monotonen Sprechgesang permanent „Wühle, wühle, wühle“ wiederholte.
Zusätzlich bereiteten mir Schlafanzüge und Nachthemden Probleme, weil mich ihr Stoff in der Taille störte, sobald er Falten warf. Ich brauchte lange, um den Stoff endlich so zurecht gezogen zu haben, dass er mich nicht mehr störte.
Und dann kamen die Geräusche, die mich vom Schlafen abhielten. Das Ticken einer Uhr, das sich anhörte wie furchtbar laute Hammerschläge oder – was noch viel schlimmer war – das Atmen meiner Schwester, das immer lauter an mein Ohr drang und mir unerträglich war.
Ich weiß nicht, wie oft ich sie in der Nacht geweckt und gebeten habe, mit dem lauten Atmen aufzuhören.

Niemand sprach über meine seltsamen Angewohnheiten (zumindest nicht in meiner Gegenwart), obwohl sie weder meiner Schwester noch meinen Eltern entgangen sein konnten und meine Schwester sicher auch massiv gestört haben müssen.
Trotzdem spürte ich, dass etwas nicht stimmte mit mir und ich anders war als der Rest meiner Familie. Nur sprechen konnte ich darüber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es sich um Dinge handelte, über die man nicht sprach, weil sie sonderbar waren. Es war besser, zu schweigen, damit die Welt in Ordnung blieb und nicht durcheinander geriet.

Auch in der Schule war ich anders.
Lange bevor ich sechs Jahre alt wurde, konnte ich bereits Lesen, Schreiben und Rechnen, so dass ich mich im ersten Schuljahr permanent langweilte. Ich war vorlaut, wurde schnell zum Klassenclown und störte immer wieder den Unterricht. Meine Mutter wurde häufig zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin in die Schule gebeten, was mich sehr traurig machte.
Ich war doch eine hervorragende Schülerin und hatte lauter „Gut“ und „Sehr gut“ auf dem Zeugnis – nur im Betragen nicht. Die Grundrechenarten beherrschte ich bereits perfekt, ebenso die Grammatik und Rechtschreibung. Fehler in einem Text fielen mir sofort auf, weil sie das harmonische Textbild zerstörten und in den Augen weh taten. Das führte zu einem regelrechten Zwang, auf die Fehler hinzuweisen und sie unverzüglich beheben zu müssen, damit die Harmonie wieder hergestellt war. Auf diese Weise erhielt ich schnell den Ruf, eine Streberin zu sein. Beliebt waren aber die Schülerinnen und Schüler, die am schnellsten laufen konnten und
sportlich aktiv waren. Da konnte ich nicht mithalten.

Ich unterhielt mich lieber mit den Erwachsenen, weil ihr Verhalten vorhersehbarer war. Kinder – und speziell die Gleichaltrigen, mit denen ich die Zeit in der Schule verbrachte – waren in ihrem Verhalten unberechenbar.
An einem Tag spielten und sprachen sie mit mir, waren freundlich und nett und am nächsten Tag gingen sie mir aus dem Weg und beachteten mich nicht. Diese Form der sozialen Interaktion war mir fremd und verunsicherte mich. Was ich brauchte, war Kontinuität, etwas, woran ich mich festhalten und orientieren konnte. Aber die ständigen Veränderungen, egal wie klein sie auch waren, machten mir Angst. Da zog ich mich lieber zurück in meine eigene Welt, die mir Sicherheit und Halt gab.

Normal leben als Autist

Zu Beginn des Jahres wurde von der Familie Mebus-Körmann eine Stiftung zur Förderung autistischer Menschen gegründet. Hauptintention der Stiftung ist es, autistischen Kindern den Besuch an einer Regelschule zu ermöglichen. Dafür sollen u.a. Lehrer speziell geschult werden und Schulen entsprechend unterstützt werden.

Gestern strahlte der WDR in seinem Regionalprogramm einen Beitrag über die Gründer der Mebus-Körmann-Stiftung aus, der für alle, die die Sendung verpasst haben, nun auch über die WDR-Mediathek angesehen werden kann.

Hier der Link zum Beitrag der Lokalzeit Bergisches Land:  Normal leben als Autist

Der bisherige Lebenslauf von Erik Körmann zeigt, dass autistische Menschen durchaus in der Lage sind, eine Regelschule zu besuchen und erfolgreich abzuschließen. Es bedarf natürlich der Akzeptanz und des Engagements und Unterstützung durch LehrerInnen und Schulen.

Förderung besonders begabter Kinder und Jugendlicher mit körperlichen Handicaps – Autismus

In der letzten Woche bin ich auf der Webseite des Schulministeriums NRW auf eine interessante Passage gestossen, die ich hier einmal auszugsweise zitieren möchte:

Bei Asperger-Autisten kommt es ebenfalls sehr auf den Grad der Behinderung an. Da die Impulssteuerung ebenso wie die Aufnahme von sozialen Kontakten und die Kommunikation häufig das große Problem darstellen, kann es notwendig werden, (trotz hoher Begabungen und starker kognitiver Intelligenz) zunächst die Gruppenfähikeit dieser Autisten anzubahnen. Wie immer ist hierbei die Kontaktaufnahme des Lehrers / der Lehrerin die erste wichtige Station. Das fast alle Asperger-Autisten irgendeinen „Tick“ aufweisen, der ihnen Sicherheit gibt ist, der Schlüssel zu ihnen ist oft an dieser Stelle zu suchen. Bei einigen sind es die Uhren, auf die sie sich verlassen können, andere kennen sämliche Details von Spiel- und Landkarten, lateinische Namen von Pflanzen und Tieren und mathematische Gesetze.

Die große Kunst der individuellen Förderung aber besteht immer wieder …

  • in der Strukturgebung des Alltags und
  • in der Entlastung und richtigen Einschätzung der Anstrengung und des Angestrengtseins des Autisten und des daraus resultierenden Zeitmanagements. Oftmals kann es nötig sein für solche Kinder und Jugendliche Hausunterricht zu beantragen, um sie in Krisenzeiten (Pubertät) zu entlasten.

Quelle

Das dürfte sicher für einige Eltern von Asperger-Kindern vorübergehend eine mögliche Alternative sein.

Asperger-Autisten verstehen lernen

Eine Handreichung (nicht nur) für Pädagoginnen und Pädagogen
mit praxiserprobten Lösungsansätzen

Eine Broschüre des Autismus-Kompetenz-Zentrums Mittelfranken
auch als PDF-Datei zum Download verfügbar.

Eine sehr hilfreiche Lektüre für betroffene Eltern, aber vor allen Dingen auch für die LehrerInnen eines Kindes mit Asperger-Syndrom.

Hier wird nicht nur erklärt, was unter dem Asperger-Sysndrom zu verstehen ist, sondern auch, wie eine optimale Lernsituation für Kinder mit Asperger-Syndrom aussehen sollte und welche Hilfestellungen diesen Kindern gegeben werden muss, damit sie erfolgreich in den Schulalltag integriert werden können.

Zwei Kernaussagen der Broschüre:

Es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu halten,
– dass die Abläufe in einem autistischen Gehirn nicht nach normalem Muster funktionieren

- dass abweichendes, unangepasstes, unverständliches Verhalten nicht als
– bewusste Provokation
– Unverschämtheit
– Bösärtigkeit
– Arroganz
– Egoismus
aufgefasst werden darf..
 

Behinderte Menschen beim Bildungsgipfel ignoriert

Seit Jahren kämpfen Eltern und Elternverbände um das Recht ihrer Kinder auf einen integrativen Unterricht in der Regelschule. Leider besuchen aber nach wie vor nur
12 Prozent
der behinderten Kinder in Deutschland eine Regelschule. Alle anderen lernen – oft gegen den Willen ihrer Eltern – in einer Förderschule. Eltern, die sich für ihr Kind eine Beschulung in einer Regelschule wünschen, müssen oft jahrelang und nicht selten erfolglos darum kämpfen.
Dabei weiß man aus der Erfahrung anderer Länder, dass sowohl behinderte, als auch nichtbehinderte SchülerInnen von einem gemeinsamen Unterricht profitieren. In Skandinavien besuchen daher 80 Prozent der behinderten Kinder eine Regelschule und sind dort erfolgreich in den Schulalltag integriert.

In Deutschland hält man aber nach wie vor an einem selektiven Schulsystem fest, das behinderten Menschen einen Platz in einer Förderschule vorschreibt. Angeblich, weil sie dort gezielter gefördert werden und unter Ihresgleichen besser lernen könnten. Dass dies nicht unbedingt der Fall ist, haben bereits viele Studien in der Vergangenheit gezeigt.

Daher war es wohl auch selbstverständlich, dass die Belange behinderter Kinder beim Bildungsgipfel nicht thematisiert wurden. Integration wird wohl vorerst weiter die Ausnahme bleiben, für die betroffene Eltern hart kämpfen müssen.

Weitere Informationen finden Sie in einer Stellungnahme des blinden Journalisten Keyvan Dahesch in den kobinet-Nachrichten.

In dem Beitrag “Bildungsgipfel – weiterhin Absturzgefahr für Schüler mit Handicap” des Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. wird ebenfalls von der weiterhin praktizierten Chancenungleichheit im Bereich Bildung für Menschen mit Teilleistungsstörungen gesprochen. Darin werden einheitliche Regelungen im umgang mit Teilleistungsstörungen/Behinderungen und das Recht auf Bildungschancengleichheit gefordert.