Kiefner Sabine:

Ich möchte auch hier auf die fragwürdige Form der Medienberichterstattung aufmerksam machen, die auf Grund von Vermutungen von JournalistInnen und RedakteurInnen  einen Zusammenhang herstellt zwischen Autismus (speziell dem Asperger-Syndrom) und dem Amoklauf eines jungen Mannes an einer Grundschule in Newtown/USA.

Ursprünglich veröffentlicht auf Ich bin Autistin - Asperger-Syndrom bei Frauen:

Es ist schrecklich, was gestern in den USA an einer Grundschule geschehen ist. Ein junger Mann hat bei einem Amoklauf 27 Menschen – darunter viele Kinder im Alter zwischen 5 und 10 Jahren – getötet und am Ende dieser unvorstellbaren Tat sich selber erschossen. Unbegreiflich, wie ein Mensch zu einem solchen Verbrechen fähig sein kann. Weil die Menschen begreifen wollen, suchen sie nach einer Erklärung, nach dem „Warum“?
Und dann steht es plötzlich in nahezu allen Medienberichten:
„Der Täter war Autist. Er litt am Asperger-Syndrom.“
So weit ich informiert bin, sind das bisher nur Vermutungen. Vermutungen, die lediglich aus dem Verhalten des Amokläufers geschlossen werden. Aber sie verbreiten sich schnell. So schnell, dass sie nicht mehr aufzuhalten sind. Überall liest man, dass der Täter emotionslos war, kamerascheu. Dass er wenig sprach und von Klassenkameraden als unauffälliger Einzelgänger beschrieben wurde.

Macht ihn das zum Autist?
Und – macht ihn das zu…

Original ansehen noch 681 Wörter

Leben mit Autismus – Die etwas andere Anthologie

Ich möchte auch in diesem Blog auf eine ganz besondere Anthologie hinweisen, die Ende Oktober erscheint und bereits jetzt vorbestellt werden kann:

Tommy Krappweis (Autor und Erfinder von der Kultfigur „Bernd das Brot“)
schreibt dazu:

„Dieses Buch kann dazu beitragen, dass mehr Verständnis für diese ganz besonderen Kinder herrscht. …“

Autismus und das Asperger Syndrom sind viel mehr, und die Absicht dieser Anthologie ist es, dieses „Mehr“ zu ergründen. Erfahrungsgemäß begreift man Menschen mit dieser Symptomatik im alltäglichen Erleben und dessen Gegebenheiten – den sprichwörtlichen Geschichten, die das Leben schreibt. Die ist auch der Ansatz, den dieses Buch verfolgt.
Es ist weder Ratgeber noch wissenschaftliches Fachbuch, sondern stellt das alltägliche Leben in all seinen Facetten, der Wahrnehmung und der Erfahrung in den Fokus.

Diese Sammlung enthält Werke von Autisten und Menschen, die mit dem Syndrom in Berührung kamen oder sich ihre Gedanken darüber gemacht haben.
Wer einen Einblick in das alltägliche Leben oder in die Gefühlswelt eines Autisten
erhaschen möchte, liegt mit dieser Sammlung von Kurzgeschichten, Gedichten, Songtexten, Bildern und Fotografien genau richtig.

Angaben

Titel: Ein Leben mit Autismus – Die etwas andere Anthologie
Erscheinungsdatum: Ende Oktober (Datum wird vom Verlag nachgereicht)
Herausgeberin: Emma Wolff
Verlag: Telescope – Verlag
172 Seiten
Farbdruck
ISBN: wird nachgereicht
Preis: 17,00 €
Dieses Buch kann ab dem 18.09.2012 direkt bei dem Telescope Verlag oder bei der Herausgeberin und Autorin Emma Wolff vorbestellt werden.

Telescope – Verlag
info@telescope-verlag.de
Fax: 03733 -596 328

Emma Wolff
emmaswelt@yahoo.de

Besonderheit dieser Vorbestellung

Die Besonderheit dabei ist, das jede Vorbestellung noch ein kleines Geschenk, in Form eines Kunstdruckes in A4 Format, dazu bekommt.
Da die Bilder in dem Buch nicht unterschiedlicher sein könnten, möchten wir auch nichts dem Zufall überlassen und es darf aus zwei Bildern ausgewählt werden.

Dieses kleine besonders feine Paket gibt es nur für jede Vorbestellung und endet mit dem offiziellen Erscheinungstag Ende Oktober. (Datum wird vom Verlag nachgereicht)

(Text mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin Emma Wolff)

Die Bilder, die es als kleine Zugabe zu jeder Vorbestellung gibt, können in der folgenden PDF-Datei eingesehen werden:

Ein Leben mit Autismus – Die etwas andere Anthologie – Buchvorstellung

Ich bin schon sehr gespannt auf das Buch, welches unter anderem auch Textbeiträge von mir enthält.

Inklusion ist eine Illusion

Ich mag dieses Wort „Inklusion“ mittlerweile nicht mehr hören.
Es wird so viel darüber in den Medien geschrieben und gesprochen und auf Fachtagungen darüber diskutiert, aber umgesetzt wird von diesen Worten nichts.
Es bleiben Worte, die falsche Hoffnungen wecken und enttäuschen, weil die Realität 2012 für eine gelebte Inklusion keinen Platz hat.
Es fehlt an den Rahmenbedingungen, die zuerst geschaffen werden müssen, um den Weg zu bereiten für eine flächendeckende Umsetzung der Behindertenrechtskonvention.
Diese können jedoch erst geschaffen werden, wenn ein Umdenken in den Köpfen aller
Menschen stattgefunden hat. Und allein daran fehlt es. An der Bereitschaft aller, umzudenken weg von der Separation und Exklusion behinderter Menschen hin zur Inklusion.

Inklusion ist eine Illusion. Nicht mehr.
In der Realität werden behinderte Kinder bis heute Förderschulen zugewiesen – notfalls auch gegen den Willen der Eltern.
Viele Regelschulen sind mit der Beschulung behinderter Kinder überfordert und können die notwendigen Rahmenbedingungen hierfür nicht schaffen.
Leidtragende sind die Kinder, die zu „Versuchskaninchen der Inklusion“ werden und
irgendwann an dem Regelschulsystem scheitern mit der Konsequenz, dass sie am Ende wieder exkludiert und einer Förderschule zugewiesen werden.
Auch gegen den Willen der Erziehungsberechtigten, auf die unter Umständen erheblicher Druck ausgeübt wird mit dem Hinweis auf die bestehende Schulpflicht in Deutschland.
Von der Beschulungspflicht einer Regelschule hingegen wird dann nicht mehr gesprochen.

Was nutzt eine Behindertenrechtskonvention, wenn sie nicht umgesetzt wird?
Was nutzt einem behinderten Kind das Wort Inklusion, solange es nur auf dem Papier steht?
Was nutzt einem behinderten Kind das Recht auf den Besuch einer Regelschule, wenn keine Regelschule bereit ist, es aufzunehmen und sich dieser Aufgabe zu stellen?

Inklusion ist eine Illusion.
Zumindest heute im Jahr 2012.
Vielleicht wird sie bei der Beschulung unsere Enkelkinder endlich der Normalfall sein, weil bis dahin die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden konnten und die Inklusion in den Köpfen aller Menschen angekommen ist.
Ich schreibe bewusst „vielleicht“, weil mein Glaube daran im Augenblick auf Grund eigener, erlebter und noch erlebender Erfahrung verloren gegangen ist.
Die Fakten sprechen gegen eine schulische Inklusion.
Es fehlen Fachkräfte und eine entsprechende Anpassung der Lehrerausbildung und
Lehrerfortbildung. Die wenigsten Schulen sind zum heutigen Zeitpunkt barrierefrei, so dass die Regelbeschulung eines behinderten Kindes oft schon daran scheitert, selbst wenn der Wille zur Aufnahme in der Regelschule vorhanden ist.

Wenn Inklusion scheitert, sind es immer die Kinder und deren Eltern, die die die oft schwer wiegenden Folgen zu tragen haben.
Nicht die Menschen, welche die Rahmenbedingungen nicht schaffen konnten oder wollten.
Schließlich seien es doch die Eltern, die auf den Rechtsanspruch für den Besuch einer
Regelschule ihres behinderten Kindes pochen.
Demnach sind auch sie verantwortlich für die mögliche Folgen einer gescheiterten, schulischen Inklusion, auf die ihre Kinder ab dem Schuljahr 2013/2014 einen einklagbaren Rechtsanspruch haben sollen.
Das hört sich fast schon so an, als sei ich eine Rabenmutter, wenn ich mein behindertes Kind auf eine Regelschule schicken möchte und bereit bin, dafür zu kämpfen, damit es die gleichen Chancen hat wie jedes andere Kind auch.

Ich mag das Wort Inklusion nicht mehr hören, weil es missbraucht wird und die wenigsten Menschen wissen, was Inklusion wirklich bedeutet.
Als Autistin spüre ich fast täglich, dass ich nur dann Teil dieser Gesellschaft sein kann, wenn ich mich anpasse. Ich werde nicht angenommen, wie ich bin, sondern muss mich so verhalten, dass ich einer Norm entspreche, die es der Gesellschaft möglich macht, mich teilhaben zu lassen und nicht auszuschließen.

Schulpflicht? Erst mal nicht …

 

  • … weil die UN-Konvention und das Recht behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule zwar auf dem Papier steht, aber in vielen Fällen in der Praxis noch nicht umgesetzt wird.
  • … weil mein Sohn ein Recht auf Chancengleichheit bekommen soll. 
  • … weil ich mich nicht damit abfinden will, dass mein Sohn mangels adäquater und seinen Begabungen entsprechenden Alternativen zu der letzten Schule auf eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung geschickt werden sollte.
  • … weil ich möchte, dass mein Sohn in die Gesellschaft integriert wird und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann und dazu auch ein Gemeinsamer Unterricht gehört (denn wo sonst sollte er den Umgang mit Gleichaltrigen lernen können)
  • … weil es im Gegenzug keine Beschulungspflicht zu geben scheint.

Glücklicherweise haben uns in den letzten fünf Monaten zahlreiche Menschen zur Seite gestanden und ihre Unterstützung verbindlich zugesagt, so dass wir in dieser schwierigen Situation nicht alleine waren, auch, wenn wir von offiziellen Stellen alleine gelassen wurden bei der Suche nach einer geeigneten Schule.

Zuletzt hat uns die Lokalpresse auf unserem Weg geholfen und einen Beitrag veröffentlicht, der heute, am 17.04.2010 im Kölner Stadtanzeiger erschienen ist.

Schulpflicht? Erstmal nicht für Amir

Dass es auch anders geht, hat er mittlerweile an einem Gymnasium in Leverkusen erlebt, wo er ein paar Tage hospitieren durfte. Die Schule weiß, wie man mit autistischen Kindern umgeht. Vom „Landrat-Lucas-Gymnasium“ sei er „total glücklich“ nach Hause gekommen, sagt seine Mutter. Nun warten die beiden auf ein positives Signal der Schule. Als zweite Hürde müsste dann die Bewilligung eines Schulbegleiters durch das städtische Jugendamt genommen werden.

Das positive Signal der Schule haben wir mittlerweile.
Jetzt fehlt nur noch die Bewilligung des Antrags auf eine Schulbegleitung durch das Jugendamt. Ein entsprechendes Antragsschreiben liegt der Behörde seit dem 29. März 2010 vor.

Ab Donnerstag wird mein Sohn nach fünfmonatiger Zwangspause wieder Schulkind sein. Ich hoffe, dass ihm nicht ein nächster Stein seitens der Behörden in den Weg gelegt werden wird.

Zwei weitere Beiträge zu dem Thema gibt es bei ShortNews unter dem Titel:

Köln: Muss autistischer Schüler trotz Hochbegabung auf eine Sonderschule?

und hier:

Inklusion, Integration, individuelle Förderung

 

AKTUELL !!!

Heute, am 23.04.2010 erhielt ich ein Schreiben der Bezirksregierung Köln mit dem Hinweis auf die bestehende Schulpflicht und der Androhung von Zwangsmitteln. 

Merkwürdig, hieß es in dem Artikel im Kölner Stadtanzeiger noch:

Die Rechtslage ist eindeutig: Amir ist schulpflichtig. Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, drohen Sanktionen. Auf die will die zuständige Bezirksregierung in diesem Fall vorerst verzichten, denn trotz eindeutiger Rechtslage ist die Sache kompliziert.

Quelle: Schulpflicht besteht

Glücklicherweise besucht mein Sohn seit gestern die 6. Klasse eines Gymnasiums, so dass der Tatbestand einer Schulpflichtverletzung nicht mehr gegeben ist.

(Meine) Wünsche zum Welt-Autismus-Tag

  • Eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung über Autismus für ein besseres Verständnis und mehr Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft

  • Vermeidung vom Missbrauch des Wortes „Autismus“ in den Medien

  • Schnelle und unbürokratische Hilfe, die sich am persönlichen Bedarf autistischer Menschen orientiert

  • Flächendeckende Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten ohne lange Wartezeiten sowohl für Kinder als auch für Erwachsene

  • Umfassende Integration autistischer Kinder in das Regelschulsystem, deren Umsetzung nicht nur auf dem Papier steht

  • Eine bessere Unterstützung der Familien (viele Eltern oder Familienangehörige fühlen sich mit der Diagnose Autismus und den daraus entstehenden Problemen im Alltag alleine gelassen)

Zwei ganz persönlichen Wünsche:

  • Autistin sein zu dürfen, ohne den Zwang, sich permanent anpassen zu müssen, nur um nicht aufzufallen und akzeptiert zu werden

  • dass meinem Sohn endlich geholfen wird, er die Unterstützung bekommt, die er so dringend braucht und eine Schule besuchen kann, in der er gefördert und angenommen wird – so, wie er ist.

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Wer sich mit seinen ganz eigenen Wünschen beteiligen möchte, kann dies gerne mit einem Kommentar zu diesem Beitrag tun.
Ich freue mich über jeden Gedanken zum Welt-Autismus-Tag.

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An dieser Stelle möchte  ich noch auf einige Artikel anläßlich des Welt-Autismus-Tages aufmerksam machen:

2. April ist Welt-Autismus-Tag – myHandycap.de
Ein Autist forscht mit 3000 Wissenschaftlern – shz
Leben in einer Welt, die man nicht begreift – Passauer Neue Presse
Eine Annäherung an den Autismus – swissinfo.ch

Defizite versus Fähigkeiten – Problematik einer defizitorientierten Sichtweise

Stolz bin ich auf meinen Sohn , wenn ich sehe, was er in den letzten beiden Jahren alles geschafft hat – und das alles ohne die Therapie, auf deren Beginn ich jetzt seit fast zwei Jahren warte.
So hat er gelernt, Dinge zu benennen, die ihn stören, statt wie früher scheinbar grundlos einfach laut los zu schreien oder mit Wutausbrüchen zu reagieren.
Immer häufiger gelingt es ihm, sich über einen absehbaren Zeitraum alleine zu beschäftigen und Rücksicht zu nehmen, in dem er sich zum Beispiel ganz leise verhält, wenn sein Opa einen Mittagsschlaf macht.
Er kann mittlerweile alleine einkaufen gehen und schafft es, sich am Wochenende sein Frühstück selber zu machen, wenn ich noch schlafe.
Das alles sind Dinge, die über einen langen Zeitraum nicht selbstverständlich waren.
Er wird selbständig. Langsamer als seine Altersgenossen, aber die Fortschritte sind erkennbar.
Zumindest für mich.

Der Blick seines sozialen Umfeldes ist eher defizitorientiert.
„Du kannst noch nicht Schwimmen und Radfahren? Das gibt es doch nicht, dass ein Junge in deinem Alter das noch nicht kann!“
Doch, das gibt es und ich finde es nicht schlimm. Ein Mensch muss diese Dinge nicht können müssen. Trotzdem muss ich mir immer wieder anhören, dass es nicht normal ist, dass er immer noch nicht schwimmen und Rad fahren kann. Und es klingt jedes Mal wie ein Vorwurf.

Auch in der Schule wird er nach seinen Defiziten beurteilt, nicht nach seinen Leistungen.
Er wird auf seine Verhaltensauffälligkeiten reduziert. Von seinen kognitiven Fähigkeiten spricht niemand. Die Auflistung der Defizite dagegen ist lang und soll mir schließlich verdeutlichen, dass er sonderpädagogischen Förderbedarf hat und nicht auf eine Regelschule gehört.
Da scheint es keine Rolle zu spielen, dass laut UN-Konvention jedes Kind ein Recht darauf hat, eine Regelschule zu besuchen – auch ein autistisches Kind.

Es ist einfacher, behinderte Kinder ihren Defiziten gemäß einer Förderschule zu zu weisen, wo sie dann unter ihresgleichen unterrichtet werden können. Für Kinder mit Asperger-Syndrom ist das neben einer Förderschule für motorische Entwicklung häufig eine Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung, da es einen Förderschwerpunkt Autismus nicht gibt. Dass mein Sohn auf einer solchen Schule kognitiv unterfordert wäre, scheint aus der Sicht von Pädagogen nur zweitrangig, obwohl viele seiner Auffälligkeiten in der Schule aus einer permanenten Unterforderung resultieren.
An seinen Defiziten soll gearbeitet werden, nicht an seinen Stärken, damit er sich entwickeln kann. Dabei lernt er gerne und mit Erfolg, wenn er gefordert wird.
Dann kann er sich über einen langen Zeitraum konzentrieren und ruhig sitzen bleiben.
Auffällig wird er nur, wenn er sich im Unterricht langweilt oder seine Mitschüler ihn hänseln, weil er anders ist.

Aber es scheint in einer leistungsorientierten Gesellschaft zu schwierig, das schulische Umfeld eines autistischen Kindes im Regelschulsystem so zu gestalten, dass es lernen und sein Wissen zeigen und anwenden kann.
Hier liegen meiner Meinung nach die viel größeren Defizite vor.

Anläßlich des Welt-Autismus-Tages fand am 20. Marz 2010 zu dem Thema “Autismus und Schule” eine Podiumsdiskussion auf der Informationsveranstaltung in Bonn statt.
Im Verlaufe dieser Diskussion wurden viele Probleme hinsichtlich der Beschulung autistischer Kinder sowie einige Projekte (z.B. eine separate Klasse für autistische Schülerinnen und Schüler in der Heinrich-Böll-Schule in Frechen) angesprochen.

Weitere Informationen zum Ergebnis der Podiumsdiskussion befinden sich auf der Homepage des Vereins
“Leben mit Autismus Bonn und Rhein-Sieg-Kreis e.V.”
unter der Rubrik  Schwerpunkt Schule.

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Passend zur Problematik der Integration autistischer Kinder in der Schule  ist auch dieser Artikel der Süddeutsche vom 29.03.2010:

Ich wurde vom Monster zum Menschen

Autistische Kinder misshandelt

Für Eltern autistischer Kinder ist das, was in Düsseldorf bei der Graf-Recke-Stiftung geschehen ist, der größte Albtraum – Misshandlung durch fragwürdige und rüde Behandlungsmethoden von Psycholgen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen, körperlicher Misshandlung, Freiheitsberaubung und Nötigung.

Zitat:

Die Kinder, die körperlichen Kontakt nur schwer ertragen können, seien “teilweise stundenlang umklammert” oder an Stühlen festgebunden und damit in Panik versetzt worden. Bei Gegenwehr entzogen die Tatverdächtigen den Patienten das Essen. Zum Teil seien Kinder über mehrere Tage eingesperrt worden… 

Quelle: Spiegel Online  vom 09.03.2010

Die erschreckenden, “therapeutischen” Behandlungsmethoden seien auf Video festgehalten worden – Material, welches nun von der Staatsanwaltschaft ausgewertet wird.

Die Tagesschau berichtete bereits am Montagabend über die schrecklichen Vorwürfe der Misshandlung autistischer Kinder:

Misshandlungsvorwürfe in Düsseldorf

Mir fehlen als Mutter eines autistischen Jungen angesichts dieser grausamen Vorfälle die Worte.

Hast du mich nicht gesehen?

Diese oder ähnliche Fragen bekomme ich häufiger gestellt, wenn ich wieder einmal einen Menschen auf der Strasse nicht erkannt habe und ohne zu grüßen, an ihm vorbei gegangen bin.

Tatsächlich ist es so, dass ich Schwierigkeiten damit habe, mir Gesichter einzuprägen und diese wieder zu erkennen, besonders dann, wenn mir die Person an einem Ort begegnet, wo sie üblicherweise nicht zu anzutreffen ist und ich aufgrund der Örtlichkeit keine Verbindung zu dem betreffenden Menschen herstellen kann.

Ein Beispiel:

Wegen der Jahresabschlussarbeiten sitzen seit zwei Wochen Wirtschaftsprüfer in einem Raum neben dem Büro, in welchem ich arbeite. Solange diese mir innerhalb des Firmengebäudes begegnen, kann ich einen Zusammenhang herstellen und die Personen entsprechend zuordnen. Auf dem Weg zum Bahnhof erkenne ich sie nicht wieder.
So passierte es, dass sie mich in den letzten Tagen mehrmals im Vorbeigehen grüßten und ich erst einmal gar nicht wusste, wer diese Menschen waren und woher sie mich offensichtlich kannten, da sie mir wiederum fremd waren.

Was ich mir merken kann, um ein Gesicht zuzuordnen, sind Details wie Leberflecken oder Narben, Brillen, Frisuren und Haarfarben. Während Narben und Leberflecken in der Regel dauerhafte Merkmale darstellen, sind Brillen, Frisuren und Haarfarben Details, die sich im Lauf der Zeit häufig ändern. So kann mir eine bekannte Person dadurch wieder fremd werden, dass sie eine neue oder plötzlich keine Brille trägt oder eine neue Frisur bzw. Haarfarbe hat.
Solche Merkmale sind variabel und infolgedessen nicht oder nur begrenzt zuverlässig.

Am besten kann ich mir Stimmen von Menschen einprägen und diese über einen langen Zeitraum hinweg den entsprechenden Personen zuordnen. Das setzt natürlich voraus, dass sie mich ansprechen, wenn ich ihnen begegne. Stimmen sind zuverlässig, weil sie sich – von wenigen Ausnahmen (Heiserkeit, Stimmbruch, Krankheit) abgesehen – nicht verändern.
Auf diese Weise konnte ich beim letzten Klassentreffen alle ehemaligen Mitschülerinnen wieder erkennen, obwohl sie sich äußerlich sehr verändert hatten und ich einigen von ihnen zwanzig Jahre nicht mehr begegnet war.

Manche Menschen erkenne ich auch an ihrem Geruch. Das sind üblicherweise aber nur jene, die mir sehr vertraut sind. Ausnahmen bilden Personen, die einen besonders einprägsamen Eigengeruch haben. Ich habe einen Kollegen mit einem so intensiven Geruch, dass ich beispielsweise im Kopierraum riechen kann, wenn diese Person gerade vor mir dort gewesen ist.

Dass ich Menschen häufig nicht erkenne, liegt aber – unabhängig von den bereits genannten Schwierigkeiten – hauptsächlich daran, dass ich, wenn ich unterwegs bin, nicht auf Menschen achte, die an mir vorbei gehen. Meistens konzentriert sich mein Blick auf Dinge, die sich auf dem Boden oder in Schaufenstern bzw. im Eingangsbereich von Gebäuden befinden.
Gerne schaue ich auch auf Autokennzeichen – vor allen Dingen in fremden Städten.
Ich würde das Auto einer mir bekannten Personen überall sofort erkennen, nicht aber den dazugehörigen Menschen, der möglicherweise gerade an mir vorbeigegangen ist.

Leider kommt es immer wieder vor, dass mir eine Absicht oder Unhöflichkeit unterstellt wird, wenn ich jemanden auf der Strasse nicht grüße bzw. seinen Gruß nicht erwidere.
Aber das ist ganz sicher nicht der Fall.

Wenn ich mich mit einem Menschen verabrede, ist es mir immer wichtig, einen Ort zu wählen, der übersichtlich ist. In einer großen Menschenmenge wird es mir schwer fallen, eine bestimmte Person darin zu finden. Am liebsten ist es mir, so früh an der verabredeten Stelle zu sein, dass ich zuerst dort bin und dann von dem oder den mit mir verabredeten Menschen angesprochen werde. Eine solche Ausgangsposition gibt mir Sicherheit. Dafür nehme ich ein Warten gerne in Kauf, zumal ich ein sehr pünktlicher Mensch bin.

Kann die auditive Wahrnehmung mein Sehen beeinflussen?

Als ich vor längerer Zeit beim Ausparken zu einem Bekannten sagte, er solle bitte die Musik ausmachen, weil ich sonst nichts sehen könne, stieß ich auf sehr großes Unverständnis bezüglich meiner Aussage. Das würde ich mir sicher nur einbilden. Lautstärke könne das Sehvermögen nicht beeinflussen. Wenn es überhaupt einen Zusammenhang gäbe, dann den, dass ich mich – bedingt durch die Lautstärke der Musik – schlechter konzentrieren könne.

Ich vergaß den Vorfall, bis das Autoradio beim Ausparken erneut lief (in der Regel schalte ich es – weil es mich stört – erst an, nachdem ich losgefahren bin) und ich nicht mehr in der Lage war, Entfernungen einzuschätzen und das vor und hinter mir parkende Auto richtig zu erkennen. Selbst den fließenden Verkehr nahm ich in dem Moment nur schemenhaft wahr.
Ich hatte das Gefühl, als blockiere die laute Musik meine optische Wahrnehmung.
Konnte das möglich sein oder lag es wirklich nur daran, dass mich Geräusche ablenkten und in der Konzentration störten?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Situationen aus der Vergangenheit fallen mir ein, in denen ich durch eine zu hohe Lautstärke Probleme mit der optischen Wahrnehmung hatte.

Wenn es in einem Raum sehr laut ist, dann stolpere ich häufig über Gegenstände, die mir im Weg sind und die ich offensichtlich aufgrund des Lärms nicht oder nur verzerrt wahrnehme.
Meine Bewegungen sind dann auch ungeschickter und langsamer, weil ich das Gefühl habe, den Raum ganz anders wahrzunehmen und auf Details weniger zu achten als das sonst bei mir üblich ist. Das Sehen und Erfassen eines Bildes erschließt sich mir durch einzelne Details, die ich zu einem Ganzen zusammenfüge. Es scheint, als hindere mich eine akustische Reizüberflutung an einer detaillierten, optischen Wahrnehmung eines Bildes oder Raumes. Entfernungen verschwimmen und erschweren die Orientierung. Es ist, als könne ich Gegenstände oder Personen schlechter orten, sobald es laut ist.

Vor ein paar Wochen habe ich mir wegen meiner hohen Lärmempfindlichkeit einen Gehörschutz mit einem Lärmschutzfilter von 15 dB angeschafft.
Nun stelle ich fest, in der optischen Wahrnehmung eingeschränkt zu sein, wenn ich den Gehörschutz trage und dass, obwohl der Lärm ja dadurch reduziert wird und demnach keine Rolle mehr spielen dürfte. Trage ich die Ohrstöpsel beispielsweise auf dem Weg zur S-Bahn, dann nehme ich Unebenheiten auf der Straße nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt wahr und kann die Höhe eines Bürgersteigs nicht mehr richtig erkennen, was häufig dazu führt, dass ich stolpere. Ebenso habe ich Schwierigkeiten damit, Entfernungen einzuschätzen. Dann kann es passieren, dass ich mich stoße oder zu großen Abstand halte aus Angst davor, einen Gegenstand oder eine Person im Vorübergehen zu berühren.

Diese Tatsache veranlasst mich zu der Feststellung, dass eine Einschränkung der akustischen Wahrnehmung bei mir gleichzeitig die optische, und in dem Bereich speziell die räumliche Wahrnehmung vermindert. Aber wie ist das möglich?

Dieser Frage werde ich auf jeden Fall auf den Grund gehen.

Ich bin Autistin – Weblog über das Asperger-Syndrom bei Frauen

Seit gestern gibt es parallel zu diesem Blog eine neue Seite, die sich ausschließlich mit dem Thema Asperger-Syndrom bei Frauen beschäftigt.

Ich bin Autistin – Asperger-Syndrom bei Frauen

Es gibt viel zu wenig Informationsmaterial und entsprechende Fachliteratur, die diesen speziellen Bereich im Autismus-Spektrum thematisiert. Dabei erhalten viele Frauen erst im Erwachsenenalter die Diagnose Asperger-Syndrom.

Ich möchte möglichst viele und interessante Informationen, Erfahrungsberichte, Links und Hinweise zu Veranstaltungsterminen sammeln, um dem Thema Asperger-Syndrom bei Frauen eine Plattform zu bieten, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich selber Asperger-Autistin bin und erst vor zwei Monaten – mit 47 Jahren – die Diagnose “Asperger-Syndrom” bekam.

Das Glück, mir endlich nahe zu sein

Ich spüre mich.
Zum ersten Mal in meinem Leben ist das Fühlen in mir authentisch.
Das bin ich.
Nichts an mir ist mehr fremd.
Ich fühle mich frei, von einer schweren Last befreit, die am Ende unerträglich war.
Glück – langsam ahne ich, wie sich das anfühlt.
In mir angekommen zu sein, mir nahe zu sein, das sind für mich Dinge, die ich mit dem Wort Glück verbinde.
Nicht das fremdbestimmte Glück der Kindheit, wozu man mich angeblich immer hat zwingen müssen, weil ich selber nicht in der Lage gewesen sei, mein Glück zu finden.
Wie hätte ich auch etwas finden können, was in dem Moment bereits verloren gegangen war, als ich eine Rolle spielen musste, um so zu sein, wie es von mir erwartet wurde?

Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

Es scheint einfacher, Kinder  mit der Diagnose Asperger-Syndrom von einer schulischen Integration auszuschließen, als sich der Herausforderung zu stellen und einen Lernort zu schaffen, der auch die Förderung eines autistischen Kindes möglich macht.

So muss ein elfjähriger Junge mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine weiterführende, private Schule jetzt verlassen, weil sich die Schulleitung nicht in der Lage sieht, der Bedürfnisse und Rechte des Kindes gerecht zu werden. Man sei schließlich eine allgemeinbildende, weiterführende Schule und nicht speziell für die Bedürfnisse eines autistischen Kindes ausgestattet.

Laut Aussage der Schulleitung seien viele Gespräche mit Fachleuten und Beratern geführt worden, um den Jungen in der Klasse integrieren zu können. Merkwürdig, dass die Mutter zu keinem dieser Gespräche geladen wurde und bis heute keinerlei Information über deren Inhalte erhalten hat. Dabei hatte sie bereits im Januar diesen Jahres um ein Gespräch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und dem Autismusbeauftragten gebeten, welches im April seitens der Schule zweimal verschoben und danach nicht mehr thematisiert wurde.
Zuletzt wurden die schriftlichen Bitten der Mutter an den Klassenlehrer und die Schulleitung, dieses Gespräch schnellstmöglich nachzuholen, nicht einmal mehr beantwortet.

Das erweckt den Eindruck, die Schule ziehe es vor, Probleme auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Mutter des Jungen letztendlich aufgeben und ihren Sohn von der Schule nehmen würde.

Dabei haben behinderte Kinder laut Artikel 24 des Gesetzes
zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
ein Recht auf integrative Beschulung.

Artikel 24

Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl

 des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen
nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Doch was nützen Gesetze zur Integration behinderter Kinder im Regelschulsystem, solange sie nicht konsequent und für alle Schulen (auch die privater Träger) verpflichtend umgesetzt werden?

Einundzwanzigtausendvierhundertzwölf

Noch 21.412 Minuten.
Dann habe ich es geschafft und werde einen großen Schritt weiter sein.

Ich wünschte mir, die Zeit beschleunigen zu können – zumindest in den nächsten 15 Tagen. Denn das Warten scheint mir in manchen Momenten fast unerträglich.
Die Gefühle sind ein einziges, unbegreifliches Knäuel, welches mein Denken auf einen einzigen Punkt fixiert, den Tag, der mir endlich die lang ersehnte Gewissheit bringen wird.

Ich bin erschöpft.
Denn der Weg bis hierher hat mich sehr viel Kraft gekostet.
Es gab Tage, da fehlte mir der Mut, immer weiter einzudringen in meine Vergangenheit und in mich hinein zu schauen, mich sozusagen von außen zu betrachten und jedes noch so kleine und auf den ersten Blick unbedeutende Detail genau zu analysieren. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich habe etwas Wertvolles gefunden – meine Identität.

Nach so vielen Jahren weiß ich nun endlich, wer ich wirklich bin und warum ich immer anders war und immer anders sein werde. Das ist ein wunderbares Gefühl, in das sich nur ganz selten ein wenig Angst mischt – Angst vor der Endgültigkeit.
Immerhin wird mir mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine tiefgreifende Entwicklungsstörung bescheinigt werden.

Aber was bedeutet das schon angesichts der Tatsache, nach so vielen Jahren der oft verzweifelten Suche nach der eigenen Identität endlich sagen zu können:
„Das bin ich!“
?

Cogito ergo sum

Auch in der Nacht
wandeln Worte
unaufhaltsam
durch die Stille
wiegen sie schwerer
als dort
wo der laute Tag
ihren Klang dämpft

Manche Stunde
wünschte ich mir
sie seien fern
für einen Moment nur
gedankenlos
ohne Buchstaben
und Zahlen
um die sich alles dreht

Doch wo bliebe
meine Welt
während die Zeit
weiter und weiter
davonläuft
und das Leben
ununterbrochen
neue Fragen stellt

 

Copyright 2009 by Sabine Kiefner