Anderssein Teil 5

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 5

Seit einer Woche hat das Anderssein nun einen Namen – Asperger-Syndrom.

Ein Wort, welches nach siebenundvierzig Jahren plötzlich so viele Antworten gibt.
Antworten auf die oft quälenden Fragen nach den Gründen für mein Anderssein, mit denen ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandergesetzt habe und die einen großen und zentralen Platz in meinem Leben einnahmen.

Ein Wort, das von einer schweren Last befreit hat, die mir zuletzt kaum noch erträglich war.
Es war eine Belastung, immer mit dem Gedanken zu leben, dass etwas nicht stimmt mit einem selbst und keine Erklärungen dafür zu finden, warum das so ist.
Eine noch größere Belastung war es, mit niemandem darüber sprechen zu können, immer alleine zu sein mit diesen Gedanken und Ängsten und ganz nebenbei jeden Tag funktionieren zu müssen, damit das Anderssein nicht auffällt.
So habe ich sehr darunter gelitten, dass mir immer wieder unterstellt wurde, ich sei faul und ginge vielen Dingen aus Bequemlichkeit aus dem Weg. Dabei ist schon die Bewältigung des Alltäglichen für mich mit einem enormen Kraftaufwand verbunden, weil ich mich permanent an eine Welt anzupassen versuche, die mir in vielen Teilen fremd und unverständlich ist.
Aufgrund meiner Intelligenz war und ist die Erwartungshaltung meines Umfeldes an mich sehr hoch und niemand ahnt, mit welchen Schwierigkeiten ich täglich zu kämpfen habe.
Auch, wenn es mir in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist, meine Probleme durch erlerntes Verhalten zu kompensieren, so waren und sind sie doch ständig präsent und schränken mich im Alltag und vor allen Dingen im Umgang mit Menschen massiv ein.

Nun gibt es für diese Schwierigkeiten, die mich das ganze Leben begleitet haben, eine Erklärung. Das macht sie begreifbar und gibt mir die Möglichkeit, mich ganz anders damit auseinander zu setzen. Sie gehören zu mir und werden immer ein Teil von mir bleiben.
Mit der Diagnose weiß ich nach vier Jahrzehnten ständiger Suche endlich, wer ich wirklich bin.

So war dieser Tag einer der schwersten, aber sicher auch der wichtigste in meinem Leben.

Ich bin mir Gruppe genug

So lautet der Titel eines Dokumentarfilms über Jugendliche mit Asperger-Syndrom, der am 24. November 2009 um 17.30 Uhr im Endstation-Kino im Bahnhof Bochum-Langendreer, Wallbaumweg 108, Premiere hat.

Der Film handelt vom Leben dreier Jugendlicher mit Asperger-Syndrom und will ganz bewusst aus der Sicht Betroffener verschieden Situationen im Alltag schildern und zeigen, was durch entsprechende Förderung und Schulbegleitung im Bereich Schule möglich sein kann.

Weitere Informationen über den Film gibt es bei kobinet und bei Medienprojekt Wuppertal.

Der Film kann ab Premierendatum auch im Shop bei Medienprojekt Wuppertal für 30 Euro erworben werden.

Autismus – die neue Modeerkrankung?

Ein Vortrag am 19. November 2009 um 18 Uhr an der LVR-Klinik Langenfeld über die Entstehung und die Symptome von Autismus-Spektrum-Störungen und deren Auswirkungen auf das Leben Betroffener.

Autismus – die neue Modeerkrankung?

Der Eintritt ist frei.

Referent: Torsten Grigoleit, Oberarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen

Veranstaltungsort: LVR-Klinik Langenfeld, Hörsaal Haus 62, Kölner Strasse 82, 40764 Langenfeld

Leider erschließt sich mir aus der Beschreibung des Vortrages nicht der Zusammenhang zwischen dem gewählten Titel für die Veranstaltung und den Themenschwerpunkten. 

Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

Es scheint einfacher, Kinder  mit der Diagnose Asperger-Syndrom von einer schulischen Integration auszuschließen, als sich der Herausforderung zu stellen und einen Lernort zu schaffen, der auch die Förderung eines autistischen Kindes möglich macht.

So muss ein elfjähriger Junge mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine weiterführende, private Schule jetzt verlassen, weil sich die Schulleitung nicht in der Lage sieht, der Bedürfnisse und Rechte des Kindes gerecht zu werden. Man sei schließlich eine allgemeinbildende, weiterführende Schule und nicht speziell für die Bedürfnisse eines autistischen Kindes ausgestattet.

Laut Aussage der Schulleitung seien viele Gespräche mit Fachleuten und Beratern geführt worden, um den Jungen in der Klasse integrieren zu können. Merkwürdig, dass die Mutter zu keinem dieser Gespräche geladen wurde und bis heute keinerlei Information über deren Inhalte erhalten hat. Dabei hatte sie bereits im Januar diesen Jahres um ein Gespräch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und dem Autismusbeauftragten gebeten, welches im April seitens der Schule zweimal verschoben und danach nicht mehr thematisiert wurde.
Zuletzt wurden die schriftlichen Bitten der Mutter an den Klassenlehrer und die Schulleitung, dieses Gespräch schnellstmöglich nachzuholen, nicht einmal mehr beantwortet.

Das erweckt den Eindruck, die Schule ziehe es vor, Probleme auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Mutter des Jungen letztendlich aufgeben und ihren Sohn von der Schule nehmen würde.

Dabei haben behinderte Kinder laut Artikel 24 des Gesetzes
zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
ein Recht auf integrative Beschulung.

Artikel 24

Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl

 des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen
nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Doch was nützen Gesetze zur Integration behinderter Kinder im Regelschulsystem, solange sie nicht konsequent und für alle Schulen (auch die privater Träger) verpflichtend umgesetzt werden?

Die Bedeutung von vielleicht

Gedanken einer Asperger-Autistin
über die Schwierigkeit im Umgang  mit dem Wort „vielleicht“ 

Es gibt im Sprachgebrauch einige Wörter, deren Bedeutung mir grundsätzlich rätselhaft ist.
In diese Kategorie fällt zum Beispiel das Wort „vielleicht“.
Menschen benutzen es, wenn sie sich nicht festlegen möchten oder wenn ein bevorstehender Termin noch nicht feststeht.
Es heißt also weder „Ja“ noch „Nein“, sondern schwebt irgendwo dazwischen.
Und genau darin liegt das Problem.
Dieses so häufig benutzte Wort schafft Unsicherheit, weil es ein Ereignis unvorhersehbar macht und mich vor die schwierige Frage stellt, wie ich damit umgehen soll.
Ich brauche eindeutige Aussagen und feste Termine, um meinen Alltag strukturieren zu können. Ein „vielleicht“ lässt sich in diese Struktur nicht einbauen, es verhindert Struktur und Vorhersehbarkeit oder zerstört sogar bereits vorhandene Strukturen.

Sich mit einem „Vielleicht“ auseinander zu setzen, verlangt Flexibilität und genau die fehlt mir.
Ich verstehe nicht, wie Menschen es schaffen, Ereignisse einfach auf sich zukommen zu lassen, ohne einen genauen Plan zu erstellen und mögliche Ungewissheiten auszuschließen.
Ein „Vielleicht“ setzt somit auch die Fähigkeit voraus, kurzfristig und spontan Entscheidungen treffen zu können. Für die meisten Menschen mag das selbstverständlich sein, mir bereitet es große Schwierigkeiten und setzt mich einem massiven Druck aus.
Ein Ereignis, welches nur vielleicht stattfindet, ist für mich nicht (be)greifbar.
Um es begreifbar zu machen, gehe ich in Gedanken alle Möglichkeiten inklusive der daraus entstehenden Änderungen im Tagesablauf immer wieder durch. Dieser Vorgang ist aber so, als versuchte ich, ein Programm zu starten, dessen Software nicht vollständig installiert wurde und das infolgedessen nicht ausgeführt werden kann, sondern immer einen Neustart erforderlich macht.

Ich brauche konkrete Daten, um einen Vorgang abspeichern zu können.
Häufig lässt sich ein „Vielleicht“ nicht einfach ein ein „Ja“ oder „Nein“ umwandeln, sondern bleibt ein Wort mit vielen Interpretationsmöglichkeiten und der Option, sich auch noch kurzfristig entscheiden zu können. Aber gerade diese Option macht mir den Umgang mit dem Wort so schwer, obwohl es ein „leicht“ enthält. Ich möchte nicht, dass mich jemand vielleicht in der nächsten Woche besuchen kommt, sondern genau wissen, ob und wann dieser Besuch stattfindet, weil ich mich darauf vorbereiten und ihn in meine Planung einbeziehen muss, damit die Tagesstruktur rechtzeitig angepasst werden kann und nicht durcheinander gerät.
In einem solchen Fall würde ich die betreffende Person so lange fragen, ob und wann sie zu Besuch kommt, bis ich eine verbindliche Antwort bekomme und der entsprechende Tag durch den Einbau eines festen Termins seine neue, abgeänderte Struktur erhält oder die Person ihren Besuch absagt, weil sie sich durch meine ständige Fragerei genervt fühlt, die lediglich Ausdruck meiner Verunsicherung ist, solange Dinge nicht ihren festen Platz haben.
Ein „Vielleicht“ beinhaltet somit auch das Risiko möglicher Missverständnisse.
Auf jeden Fall ist es ein Wort, dem ich möglichst aus dem Weg gehe und dessen Anwendung im Sprachgebrauch ich vermeide.

Einundzwanzigtausendvierhundertzwölf

Noch 21.412 Minuten.
Dann habe ich es geschafft und werde einen großen Schritt weiter sein.

Ich wünschte mir, die Zeit beschleunigen zu können – zumindest in den nächsten 15 Tagen. Denn das Warten scheint mir in manchen Momenten fast unerträglich.
Die Gefühle sind ein einziges, unbegreifliches Knäuel, welches mein Denken auf einen einzigen Punkt fixiert, den Tag, der mir endlich die lang ersehnte Gewissheit bringen wird.

Ich bin erschöpft.
Denn der Weg bis hierher hat mich sehr viel Kraft gekostet.
Es gab Tage, da fehlte mir der Mut, immer weiter einzudringen in meine Vergangenheit und in mich hinein zu schauen, mich sozusagen von außen zu betrachten und jedes noch so kleine und auf den ersten Blick unbedeutende Detail genau zu analysieren. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich habe etwas Wertvolles gefunden – meine Identität.

Nach so vielen Jahren weiß ich nun endlich, wer ich wirklich bin und warum ich immer anders war und immer anders sein werde. Das ist ein wunderbares Gefühl, in das sich nur ganz selten ein wenig Angst mischt – Angst vor der Endgültigkeit.
Immerhin wird mir mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine tiefgreifende Entwicklungsstörung bescheinigt werden.

Aber was bedeutet das schon angesichts der Tatsache, nach so vielen Jahren der oft verzweifelten Suche nach der eigenen Identität endlich sagen zu können:
„Das bin ich!“
?

1. Autismus-Kongress Frankfurt 2010

Am 13. März 2010 findet in Kooperation mit dem Niederländischen Autismuskongress im Congress-Park Hanau
der 1. Autismus-Kongress Frankfurt 2010 statt.

Neben einem interessanten Programm (teilweise in englischer Sprache) finden Workshops zu folgenden Themen statt:

  • Musiktherapie
  • Asperger´s Syndrome and Sexuality
  • Frankfurter Frühinterventionsprogramm bei autistischen Störungen
  • Früherkennung frühkindlicher Autismus

Weitere Informationen sowie das vollständige Programm finden Sie unter

www.autismus-kongress.de

Lernen mit Autismus

Notwendige Rahmenbedingungen und gute Ansätze zum Thema Beschulung von autistischen Schülern wurden in zahlreichen Handreichungen und Empfehlungen verfasst.
Allein in der Praxis bleibt es glücklicher Zufall, ob man an kompetente Hände gerät, die Wissen was zu tun ist und es auch umsetzen können.
Mangelnde Ressourcen hebeln zu oft das Notwendige aus!

Ist die Konzeption eines umfassenden Schulkonzepts ein verwegenes Ziel?
Ja. Aber dank virtueller Vernetzung war es noch nie so nah:

Das Wissen ist da. Die Erfahrungen sind da. Ideen sind da. Nun müssen wir nur noch alles zusammenbringen.

 

www.lernen-mit-autismus.de

 

 Text mit freundlicher Genehmigung von J. Braun „Lernen mit Autismus“

Wenn Autisten erwachsen werden

Diagnose, Therapie und Lebensformen bei Menschen mit Autismus

Fachtagung Autismus 2009 am Mittwoch, den 18. November 2009 von 14.00 bis 18.30 Uhr in der Therapiehalle des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke. 

Referenten sind u.a. Herrn Dr. Vogeley, Uniklinik Köln und Christine Preißmann, Fachärztin mit Asperger-Syndrom

Themen:

  • Falldarstellungen zur Unterscheidung psychotischer und autistischer Störungen
  • Diagnostik autistischer Störungen im Erwachsenenalter
  • Beziehung und Sexualität bei Menschen mit Autismus
  • Lebensformen autistischer Menschen aus der Sicht einer Betroffenen
  • Podiumsdiksussion – Psychosoziale Versorgung autistischer Menschen 

Eine Anmeldung ist erforderlich, da nur begrenzte Plätze vorhanden sind.
Teilnahmebeitrag: 30 Euro, an der Abendkasse 50 Euro.

Weitere Informationen gibt es hier.  

Cogito ergo sum

Auch in der Nacht
wandeln Worte
unaufhaltsam
durch die Stille
wiegen sie schwerer
als dort
wo der laute Tag
ihren Klang dämpft

Manche Stunde
wünschte ich mir
sie seien fern
für einen Moment nur
gedankenlos
ohne Buchstaben
und Zahlen
um die sich alles dreht

Doch wo bliebe
meine Welt
während die Zeit
weiter und weiter
davonläuft
und das Leben
ununterbrochen
neue Fragen stellt

 

Copyright 2009 by Sabine Kiefner

Ausbildung für Autisten

Ein Artikel in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 14. Oktober 2009 über die Förderung junger Menschen mit Autismus des Berufsbildungswerks Südhessen in Karben.

Zitat:

Das Berufsbildungswerk (BBW) Südhessen in Karben leistet Pionierarbeit bei der Eingliederung von jungen Autisten ins Arbeitsleben. Es gehört zu den bundesweit vier Berufsbildungswerken, die in einem Modellprojekt autistische Menschen auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Elf Monate dauert dies und dazu gehört der Besuch der integrierten Berufsschule, das Reinschnuppern in Ausbildungsberufe und ein Sozialkompetenztraining sowie Bewegungsförderung und Freizeitpädagogik.

Quelle: Frankfurter Rundschau-Online 

Gruppenabend – Der neue Raum

Der Raum erscheint mir kleiner als jener, in dem unsere Gruppenabende bisher stattgefunden haben. Die Gesichter der anderen sind plötzlich so nah, dass ich nicht weiß, welchen Punkt ich fixieren kann, ohne ihren Blicken zu begegnen.
Die Tür steht offen, damit später Kommende uns finden werden.
Aus dem Raum gegenüber, den wir bisher genutzt haben, dringt Musik, die sich mit den Stimmen der Anwesenden zu einem lauten Gemurmel vermischt, in dem Worte nur noch ein zusammengewürfelter Haufen sinnentleerter Laute ist.
Regen prasselt gegen die Fensterscheiben – dahinter Motorengeräusche.
Eine Autotür wird zugeschlagen – Schritte schlurfen über den nassen Boden.
Das Knistern von Bonbonpapier. Wieder Worte, deren Laute ineinanderfließen und ein Zischen, das beim Öffnen von Mineralwasserflaschen entsteht.
Stühlerücken. Bis alle ihren Platz eingenommen haben. Und Lachen.

Ein Knall. Jemand hat die Tür zugemacht, damit wir mit unserem Gruppenabend beginnen können. Die Musik entweicht dem Gemurmel und verwandelt sich in eine dumpfes Klopfen.
Dazwischen immer wieder Stimmen. Von rechts und links und gegenüber. Vor und hinter mir. Zu viele, um sie auseinander halten zu können.
Ich versuche, mein Gehör auf ihre Worte zu fokussieren. Aber ich höre nur Lärm. Ein Knäuel aus Rascheln, Rauschen, Zischen, Knistern, Regentropfen, dem Blättern in einem Buch und Stimmen.
Wenn ich aufgeregt bin, fällt es mir noch schwerer als sonst, Geräusche zu ignorieren.
Und ich bin nervös, weil wir in einem anderen Raum sind, wo sich die Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz befinden und ich mir alles neu einprägen muss.
Zum Glück sitzt sie neben mir. Das gibt mir Sicherheit, weil ich ihre Nähe gewohnt bin. Sie existiert auch außerhalb dieses Raumes.
Es wäre gut, wenn alle immer an der gleichen Stelle säßen. Das würde vieles leichter machen.

Eine Hand berührt meinen Rücken. Dabei wissen sie, dass ich das nicht mag.
In meinem Kopf beginnt es zu hämmern.
Ich brauche dringend etwas, woran ich mich festhalten kann.
In meiner Handtasche, die in dem Korb auf dem Boden liegt, suche ich nach meinem Daumenstein. Seine kühle, glatte Oberfläche fühlt sich gut an zwischen den Fingern. Meine Anspannung löst sich ein wenig. Mir gelingt es, Stimmen einer Richtung zuzuordnen und mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Manchmal verschluckt das Rascheln des Bonbonpapiers noch einzelne Worte.
Aber der Raum erhält allmählich Struktur. Struktur, die mir hilft, mich zu orientieren.
Nur die Tür kann ich schwer einordnen, da sie sich im Vergleich zu dem bisher genutzten Raum, am entgegengesetzten Ende befindet. Das irritiert mich. Ich mag Veränderungen nicht. Sie müssen Stück für Stück wie bei einem Puzzle zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden, welches sich erst nach seiner Fertigstellung abspeichern lässt.
Ob sie meine Verunsicherung bemerkt haben?

Manchmal würde ich gerne in ihren Gesichtern lesen, auch, wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll. Sie können das – in Gesichtern erkennen, wie sich jemand fühlt. Diese Fähigkeit unterscheidet sie von mir.
Wobei es korrekter wäre zu sagen, dass ich mich von ihnen unterscheide, nicht sie von mir.
Denn ich bin diejenige, die anders ist. Egal, wie sehr ich versuche, mich anzupassen, ich werde vermutlich nie so sein wie sie. Das einzige, was uns bezüglich unserer Kinder verbindet, ist gleichzeitig das, was mich wiederum von ihnen trennt.

Ich sehe Autismus von der anderen Seite.

Anderssein Teil 4

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 4

Der Alltag stellte immer neue Fragen, aber ich wollte nicht weiter nach Antworten suchen, sondern einfach nur leben – genauso wie die anderen Menschen um mich herum.

Ich hatte den Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen, auch wenn ich spürte, dass ein solches Leben für mich nur schwer zu bewerkstelligen sein würde.
Doch während es anderen gelang, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen und sich zu verabreden, blieb ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – alleine.
Das Thema Beziehungen war und blieb für mich ein Buch mit sieben Siegeln, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht lesen konnte.
Warum das so war, entschloss sich mir nicht, egal, wie sehr ich nach Gründen suchte und mich bemühte, eine plausible Antwort zu finden.

Ich wollte nur ein ganz normaler Mensch sein.
Das gelang mir aber nur, in dem ich eine Rolle spielte und mich permanent anzupassen versuchte. Und ich spielte diese Rolle mit einem Perfektionismus, der nahezu meine ganze Kraft in Anspruch nahm.
Was anderen selbstverständlich war, musste ich mir mühsam zusammen basteln, um weiter funktionieren und meinen Alltag meistern zu können.
Welche Anstrengung sich dahinter verbarg, nahm niemand wahr – nicht einmal ich selber.
Dass im Haushalt vieles liegen blieb, dafür gab es nur eine Erklärung – Faulheit.
Lange Zeit glaubte ich selber, dass ich lediglich zu faul sei. Schließlich schafften meine Mitmenschen den Haushalt ja auch neben ihrer Arbeit und der Freizeit, von der ich offensichtlich zu viel brauchte, wenn ich am Nachmittag nach Hause kam.

Ich sehnte mich nach Ruhe, aber ich stürzte mich ins Leben.
Auf diese Weise konnte ich mich spüren. Denn die ständige Reizüberflutung hinterließ Spuren.
Dass ich alles viel intensiver wahrnehme, war mir damals vor lauter Anpassung und dem Wunsch, einfach nur ein ganz normaler Mensch zu sein, gar nicht bewusst.
Nur mein Körper reagierte entsprechend – mit Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Nackenverspannungen und am Ende sogar mit Allergien, die ich eine Zeit lang hartnäckig ignorierte.

Je älter ich wurde, desto schwerer fiel es mir, mich ständig anpassen zu müssen, um nicht aufzufallen, weil die Anforderungen, die das Leben an mich stellte, größer und komplexer wurden.
Für Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war, entwickelte ich immer neue Vermeidungsstrategien. Mein soziales Umfeld bekam von all dem nichts mit, weil ich meine Fassade weiterhin aufrecht hielt. Dahinter wurde das Leben komplizierter und kostete immer mehr Kraft.
Aber ich kämpfte weiter gegen mein Anderssein, das schon seit der frühesten Kindheit vertuscht worden war.

Nur abends, wenn ich ins Bett ging, ließ es sich nicht mehr verdrängen.
Dann schaukelte ich mich mit einem monotonen Hin – und Her meines Kopfes in den Schlaf, ein Ritual, das ich seit frühester Kindheit brauchte, um sämtliche Reize des vergangenen Tages abschütteln zu können und zur Ruhe zu kommen.
Am schlimmsten waren die Nächte, in denen ich dieses Ritual verdrängen musste, weil ich mein Zimmer mit jemand teilte, wie zum Beispiel im Urlaub mit meiner Freundin.
Dann lag ich oft stundenlang wach und suchte nach einem Weg, die Reize des Tages anders verarbeiten zu können als durch das „Wühlen“ mit dem Kopf, für das ich mich schämte, weil ich wusste, dass dieses Verhalten als nicht „normal“ galt, obwohl es in meinem Leben schon immer alltägliche Normalität gewesen war.

Wer legte überhaupt fest, was normal war und wie ein normales Leben auszusehen hatte?
Bedeutete anders zu sein gleichzeitig auch, nicht normal zu sein?
Lebte man ein Leben jenseits der Norm, wenn man anders war oder war das Anderssein nur eine besondere Form des Normalen?

Anderssein Teil 3

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 3

Nach der Schule begann ein neuer Lebensabschnitt.
Ich hatte mich entschlossen zu studieren. In meiner Vorstellung würde ein Studium ähnlich verlaufen wie der Schulalltag und somit die wenigsten Veränderungen mit sich bringen. Doch mit dem unübersichtlichen Universitätsgelände, den ständig wechselnden Räumlichkeiten und den vielen fremden Menschen um mich herum war ich überfordert. Ein Tag an der Universität war keinesfalls so überschaubar und durchstrukturiert, wie ich es von der Schule her gewohnt war.
Immer häufiger stellte ich mir die Frage, wie es den anderen Studenten und Studentinnen gelang, sich tagtäglich in diesem Chaos zurecht zu finden.
Erst viel später wurde mir klar, dass sie meine Eindrücke und Ängste vermutlich nicht teilten und sich keine Gedanken über die Dinge machten, die mich belasteten.

Am Ende des ersten Semesters stand für mich fest, dass ich das Studium abbrechen und mich für eine Berufsausbildung entscheiden musste, auch, wenn das eine erneute Veränderung in meinem Leben bedeutete. Aber der bevorstehende Eintritt ins Berufsleben machte mir Angst, da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Zu meiner Erleichterung waren die Ausbildungsplätze für das laufende Jahr schon vergeben.
So verbrachte ich ein ganzes Jahr bis zum Beginn meiner Ausbildung zur Verlagskauffrau zuhause in der sicheren Überschaubarkeit meines Elternhauses.
Ich brauchte diese Zeit gleichförmiger Tage, um neue Kraft zu schöpfen und zog mich in mich zurück.
Aber es gab auch Menschen in meinem Umfeld, die behaupteten, ich sei faul und solle arbeiten gehen, anstatt ein Jahr lang auf Kosten meiner Eltern in den Tag hinein zu leben.
Ich lebte nicht in den Tag hinein, sondern versuchte, einen Platz zu finden in einer Welt, die mir in vielen Teilen fremd und beängstigend war.
Oder war nur ich in dieser Welt die Fremde, die – so weit sie sich zurückerinnern konnte – immer anders gewesen war und es vermutlich immer bleiben würde?

Je mehr mir mein Anderssein bewusst wurde, desto intensiver versuchte ich mich anzupassen, normal zu sein, was immer auch das bedeutete.
Über einen gewissen Zeitraum gelang mir das auch sehr gut.
Der Anpassungsmechanismus funktionierte nahezu perfekt. Niemand wusste, wer ich wirklich war – nicht einmal ich selber.

Ich fühlte mich einsam. Nicht, weil ich einen großen Teil des Tages alleine verbrachte oder über keinen großen Freundeskreis verfügte. Ich hatte sogar eine erste Partnerschaft, auch, wenn es nur eine Wochenendbeziehung war. Vielmehr war es dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. immer die Außenstehende in einer Gruppe zu sein. Mit den oft belanglosen Gesprächen, dem Smalltalk, war ich überfordert. Hinzu kam, dass ich dem Gesprächsverlauf nicht folgen konnte, wenn mehrere Menschen gleichzeitig redeten. Dann nahm ich nur noch ein lautes Gemurmel wahr, das mir so anstrengend und unerträglich war, dass ich mich in mich und meine Welt zurückzog und nichts mehr von der Unterhaltung mitbekam.

Selbst in der Partnerschaft war ich einsam.
Das „Wir“, von dem die anderen im Zusammenhang mit ihrem Partner sprachen, empfand ich genauso wenig wie das Gefühl, diesem Menschen besonders nahe zu sein.
Trotzdem hielt ich daran fest, weil ich so sein wollte, wie die anderen. Und dazu gehörte eben eine Beziehung, auch, wenn ich nicht wusste, wie eine solche funktionierte und welche Rolle ich darin spielte.
Doch irgendwann wurde mir das Zusammensein – obwohl es nur am Wochenende stattfand – zu viel. Ich zog mich in mich zurück und ertrug die wenigen gemeinsamen Stunden, ohne dass sie mich berührten. Was ich empfand, war eine große Leere, die mich wie eine Hülle umgab.
Würde das in Zukunft die Form meiner Existenz sein?

Was ich nicht schaffte, vollzog mein damaliger Freund – er trennte sich von mir.
Ich nahm seine Worte einfach hin, ohne etwas zu erwidern.
Erst später, als er fort war, weinte ich, aber nicht aus Liebeskummer, sondern weil ich das Gefühl hatte, wieder einmal versagt zu haben.
Weder war ich fähig eine Beziehung zu führen, noch, sie zum richtigen Zeitpunkt zu beenden. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht trauern konnte um eine beendete Partnerschaft. Ich fühlte einfach nichts. Wie sollte ich auch eine Nähe vermissen, die nie vorhanden gewesen war?

Menschen hautnah – Im Haus der Autisten

In der Reihe „Menschen hautnah“ zeigt der WDR am Donnerstag, den 08.10.3009 von 22.30 Uhr bis 23.15 Uhr den Beitrag „Der seltsame Sohn – Im Haus der Autisten“.

Ein Jahr lang hat der Autor des Beitrages, Wolfram Seeger, junge Menschen mit Autismus im Haus Bucken, einem Heim für autistische Erwachsene in Velbert beobachtet und einen Film gedreht, der den Alltag autistischer Menschen in einer von Eltern gegründeten Einrichtung zeigt.

Der Beitrag wird am Freitag, den 09. Oktober 2009 um 14.15 Uhr wiederholt.
Wer beide Sendungen verpasst hat, kann den Beitrag hier als Podcast anschauen.