Asperger-Syndrom – schulische Integration nicht erwünscht?

Es scheint einfacher, Kinder  mit der Diagnose Asperger-Syndrom von einer schulischen Integration auszuschließen, als sich der Herausforderung zu stellen und einen Lernort zu schaffen, der auch die Förderung eines autistischen Kindes möglich macht.

So muss ein elfjähriger Junge mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine weiterführende, private Schule jetzt verlassen, weil sich die Schulleitung nicht in der Lage sieht, der Bedürfnisse und Rechte des Kindes gerecht zu werden. Man sei schließlich eine allgemeinbildende, weiterführende Schule und nicht speziell für die Bedürfnisse eines autistischen Kindes ausgestattet.

Laut Aussage der Schulleitung seien viele Gespräche mit Fachleuten und Beratern geführt worden, um den Jungen in der Klasse integrieren zu können. Merkwürdig, dass die Mutter zu keinem dieser Gespräche geladen wurde und bis heute keinerlei Information über deren Inhalte erhalten hat. Dabei hatte sie bereits im Januar diesen Jahres um ein Gespräch mit der Schulleitung, dem Klassenlehrer und dem Autismusbeauftragten gebeten, welches im April seitens der Schule zweimal verschoben und danach nicht mehr thematisiert wurde.
Zuletzt wurden die schriftlichen Bitten der Mutter an den Klassenlehrer und die Schulleitung, dieses Gespräch schnellstmöglich nachzuholen, nicht einmal mehr beantwortet.

Das erweckt den Eindruck, die Schule ziehe es vor, Probleme auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Mutter des Jungen letztendlich aufgeben und ihren Sohn von der Schule nehmen würde.

Dabei haben behinderte Kinder laut Artikel 24 des Gesetzes
zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
ein Recht auf integrative Beschulung.

Artikel 24

Bildung

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,
a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl

 des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;
b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;
c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

(2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass
a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen
nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden;
b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden;
d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern;
e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.

Doch was nützen Gesetze zur Integration behinderter Kinder im Regelschulsystem, solange sie nicht konsequent und für alle Schulen (auch die privater Träger) verpflichtend umgesetzt werden?

Die Bedeutung von vielleicht

Gedanken einer Asperger-Autistin
über die Schwierigkeit im Umgang  mit dem Wort „vielleicht“ 

Es gibt im Sprachgebrauch einige Wörter, deren Bedeutung mir grundsätzlich rätselhaft ist.
In diese Kategorie fällt zum Beispiel das Wort „vielleicht“.
Menschen benutzen es, wenn sie sich nicht festlegen möchten oder wenn ein bevorstehender Termin noch nicht feststeht.
Es heißt also weder „Ja“ noch „Nein“, sondern schwebt irgendwo dazwischen.
Und genau darin liegt das Problem.
Dieses so häufig benutzte Wort schafft Unsicherheit, weil es ein Ereignis unvorhersehbar macht und mich vor die schwierige Frage stellt, wie ich damit umgehen soll.
Ich brauche eindeutige Aussagen und feste Termine, um meinen Alltag strukturieren zu können. Ein „vielleicht“ lässt sich in diese Struktur nicht einbauen, es verhindert Struktur und Vorhersehbarkeit oder zerstört sogar bereits vorhandene Strukturen.

Sich mit einem „Vielleicht“ auseinander zu setzen, verlangt Flexibilität und genau die fehlt mir.
Ich verstehe nicht, wie Menschen es schaffen, Ereignisse einfach auf sich zukommen zu lassen, ohne einen genauen Plan zu erstellen und mögliche Ungewissheiten auszuschließen.
Ein „Vielleicht“ setzt somit auch die Fähigkeit voraus, kurzfristig und spontan Entscheidungen treffen zu können. Für die meisten Menschen mag das selbstverständlich sein, mir bereitet es große Schwierigkeiten und setzt mich einem massiven Druck aus.
Ein Ereignis, welches nur vielleicht stattfindet, ist für mich nicht (be)greifbar.
Um es begreifbar zu machen, gehe ich in Gedanken alle Möglichkeiten inklusive der daraus entstehenden Änderungen im Tagesablauf immer wieder durch. Dieser Vorgang ist aber so, als versuchte ich, ein Programm zu starten, dessen Software nicht vollständig installiert wurde und das infolgedessen nicht ausgeführt werden kann, sondern immer einen Neustart erforderlich macht.

Ich brauche konkrete Daten, um einen Vorgang abspeichern zu können.
Häufig lässt sich ein „Vielleicht“ nicht einfach ein ein „Ja“ oder „Nein“ umwandeln, sondern bleibt ein Wort mit vielen Interpretationsmöglichkeiten und der Option, sich auch noch kurzfristig entscheiden zu können. Aber gerade diese Option macht mir den Umgang mit dem Wort so schwer, obwohl es ein „leicht“ enthält. Ich möchte nicht, dass mich jemand vielleicht in der nächsten Woche besuchen kommt, sondern genau wissen, ob und wann dieser Besuch stattfindet, weil ich mich darauf vorbereiten und ihn in meine Planung einbeziehen muss, damit die Tagesstruktur rechtzeitig angepasst werden kann und nicht durcheinander gerät.
In einem solchen Fall würde ich die betreffende Person so lange fragen, ob und wann sie zu Besuch kommt, bis ich eine verbindliche Antwort bekomme und der entsprechende Tag durch den Einbau eines festen Termins seine neue, abgeänderte Struktur erhält oder die Person ihren Besuch absagt, weil sie sich durch meine ständige Fragerei genervt fühlt, die lediglich Ausdruck meiner Verunsicherung ist, solange Dinge nicht ihren festen Platz haben.
Ein „Vielleicht“ beinhaltet somit auch das Risiko möglicher Missverständnisse.
Auf jeden Fall ist es ein Wort, dem ich möglichst aus dem Weg gehe und dessen Anwendung im Sprachgebrauch ich vermeide.

Einundzwanzigtausendvierhundertzwölf

Noch 21.412 Minuten.
Dann habe ich es geschafft und werde einen großen Schritt weiter sein.

Ich wünschte mir, die Zeit beschleunigen zu können – zumindest in den nächsten 15 Tagen. Denn das Warten scheint mir in manchen Momenten fast unerträglich.
Die Gefühle sind ein einziges, unbegreifliches Knäuel, welches mein Denken auf einen einzigen Punkt fixiert, den Tag, der mir endlich die lang ersehnte Gewissheit bringen wird.

Ich bin erschöpft.
Denn der Weg bis hierher hat mich sehr viel Kraft gekostet.
Es gab Tage, da fehlte mir der Mut, immer weiter einzudringen in meine Vergangenheit und in mich hinein zu schauen, mich sozusagen von außen zu betrachten und jedes noch so kleine und auf den ersten Blick unbedeutende Detail genau zu analysieren. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich habe etwas Wertvolles gefunden – meine Identität.

Nach so vielen Jahren weiß ich nun endlich, wer ich wirklich bin und warum ich immer anders war und immer anders sein werde. Das ist ein wunderbares Gefühl, in das sich nur ganz selten ein wenig Angst mischt – Angst vor der Endgültigkeit.
Immerhin wird mir mit der Diagnose Asperger-Syndrom eine tiefgreifende Entwicklungsstörung bescheinigt werden.

Aber was bedeutet das schon angesichts der Tatsache, nach so vielen Jahren der oft verzweifelten Suche nach der eigenen Identität endlich sagen zu können:
„Das bin ich!“
?

1. Autismus-Kongress Frankfurt 2010

Am 13. März 2010 findet in Kooperation mit dem Niederländischen Autismuskongress im Congress-Park Hanau
der 1. Autismus-Kongress Frankfurt 2010 statt.

Neben einem interessanten Programm (teilweise in englischer Sprache) finden Workshops zu folgenden Themen statt:

  • Musiktherapie
  • Asperger´s Syndrome and Sexuality
  • Frankfurter Frühinterventionsprogramm bei autistischen Störungen
  • Früherkennung frühkindlicher Autismus

Weitere Informationen sowie das vollständige Programm finden Sie unter

www.autismus-kongress.de

Lernen mit Autismus

Notwendige Rahmenbedingungen und gute Ansätze zum Thema Beschulung von autistischen Schülern wurden in zahlreichen Handreichungen und Empfehlungen verfasst.
Allein in der Praxis bleibt es glücklicher Zufall, ob man an kompetente Hände gerät, die Wissen was zu tun ist und es auch umsetzen können.
Mangelnde Ressourcen hebeln zu oft das Notwendige aus!

Ist die Konzeption eines umfassenden Schulkonzepts ein verwegenes Ziel?
Ja. Aber dank virtueller Vernetzung war es noch nie so nah:

Das Wissen ist da. Die Erfahrungen sind da. Ideen sind da. Nun müssen wir nur noch alles zusammenbringen.

 

www.lernen-mit-autismus.de

 

 Text mit freundlicher Genehmigung von J. Braun „Lernen mit Autismus“

Wenn Autisten erwachsen werden

Diagnose, Therapie und Lebensformen bei Menschen mit Autismus

Fachtagung Autismus 2009 am Mittwoch, den 18. November 2009 von 14.00 bis 18.30 Uhr in der Therapiehalle des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke. 

Referenten sind u.a. Herrn Dr. Vogeley, Uniklinik Köln und Christine Preißmann, Fachärztin mit Asperger-Syndrom

Themen:

  • Falldarstellungen zur Unterscheidung psychotischer und autistischer Störungen
  • Diagnostik autistischer Störungen im Erwachsenenalter
  • Beziehung und Sexualität bei Menschen mit Autismus
  • Lebensformen autistischer Menschen aus der Sicht einer Betroffenen
  • Podiumsdiksussion – Psychosoziale Versorgung autistischer Menschen 

Eine Anmeldung ist erforderlich, da nur begrenzte Plätze vorhanden sind.
Teilnahmebeitrag: 30 Euro, an der Abendkasse 50 Euro.

Weitere Informationen gibt es hier.  

Cogito ergo sum

Auch in der Nacht
wandeln Worte
unaufhaltsam
durch die Stille
wiegen sie schwerer
als dort
wo der laute Tag
ihren Klang dämpft

Manche Stunde
wünschte ich mir
sie seien fern
für einen Moment nur
gedankenlos
ohne Buchstaben
und Zahlen
um die sich alles dreht

Doch wo bliebe
meine Welt
während die Zeit
weiter und weiter
davonläuft
und das Leben
ununterbrochen
neue Fragen stellt

 

Copyright 2009 by Sabine Kiefner

Ausbildung für Autisten

Ein Artikel in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 14. Oktober 2009 über die Förderung junger Menschen mit Autismus des Berufsbildungswerks Südhessen in Karben.

Zitat:

Das Berufsbildungswerk (BBW) Südhessen in Karben leistet Pionierarbeit bei der Eingliederung von jungen Autisten ins Arbeitsleben. Es gehört zu den bundesweit vier Berufsbildungswerken, die in einem Modellprojekt autistische Menschen auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Elf Monate dauert dies und dazu gehört der Besuch der integrierten Berufsschule, das Reinschnuppern in Ausbildungsberufe und ein Sozialkompetenztraining sowie Bewegungsförderung und Freizeitpädagogik.

Quelle: Frankfurter Rundschau-Online 

Gruppenabend – Der neue Raum

Der Raum erscheint mir kleiner als jener, in dem unsere Gruppenabende bisher stattgefunden haben. Die Gesichter der anderen sind plötzlich so nah, dass ich nicht weiß, welchen Punkt ich fixieren kann, ohne ihren Blicken zu begegnen.
Die Tür steht offen, damit später Kommende uns finden werden.
Aus dem Raum gegenüber, den wir bisher genutzt haben, dringt Musik, die sich mit den Stimmen der Anwesenden zu einem lauten Gemurmel vermischt, in dem Worte nur noch ein zusammengewürfelter Haufen sinnentleerter Laute ist.
Regen prasselt gegen die Fensterscheiben – dahinter Motorengeräusche.
Eine Autotür wird zugeschlagen – Schritte schlurfen über den nassen Boden.
Das Knistern von Bonbonpapier. Wieder Worte, deren Laute ineinanderfließen und ein Zischen, das beim Öffnen von Mineralwasserflaschen entsteht.
Stühlerücken. Bis alle ihren Platz eingenommen haben. Und Lachen.

Ein Knall. Jemand hat die Tür zugemacht, damit wir mit unserem Gruppenabend beginnen können. Die Musik entweicht dem Gemurmel und verwandelt sich in eine dumpfes Klopfen.
Dazwischen immer wieder Stimmen. Von rechts und links und gegenüber. Vor und hinter mir. Zu viele, um sie auseinander halten zu können.
Ich versuche, mein Gehör auf ihre Worte zu fokussieren. Aber ich höre nur Lärm. Ein Knäuel aus Rascheln, Rauschen, Zischen, Knistern, Regentropfen, dem Blättern in einem Buch und Stimmen.
Wenn ich aufgeregt bin, fällt es mir noch schwerer als sonst, Geräusche zu ignorieren.
Und ich bin nervös, weil wir in einem anderen Raum sind, wo sich die Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz befinden und ich mir alles neu einprägen muss.
Zum Glück sitzt sie neben mir. Das gibt mir Sicherheit, weil ich ihre Nähe gewohnt bin. Sie existiert auch außerhalb dieses Raumes.
Es wäre gut, wenn alle immer an der gleichen Stelle säßen. Das würde vieles leichter machen.

Eine Hand berührt meinen Rücken. Dabei wissen sie, dass ich das nicht mag.
In meinem Kopf beginnt es zu hämmern.
Ich brauche dringend etwas, woran ich mich festhalten kann.
In meiner Handtasche, die in dem Korb auf dem Boden liegt, suche ich nach meinem Daumenstein. Seine kühle, glatte Oberfläche fühlt sich gut an zwischen den Fingern. Meine Anspannung löst sich ein wenig. Mir gelingt es, Stimmen einer Richtung zuzuordnen und mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Manchmal verschluckt das Rascheln des Bonbonpapiers noch einzelne Worte.
Aber der Raum erhält allmählich Struktur. Struktur, die mir hilft, mich zu orientieren.
Nur die Tür kann ich schwer einordnen, da sie sich im Vergleich zu dem bisher genutzten Raum, am entgegengesetzten Ende befindet. Das irritiert mich. Ich mag Veränderungen nicht. Sie müssen Stück für Stück wie bei einem Puzzle zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden, welches sich erst nach seiner Fertigstellung abspeichern lässt.
Ob sie meine Verunsicherung bemerkt haben?

Manchmal würde ich gerne in ihren Gesichtern lesen, auch, wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll. Sie können das – in Gesichtern erkennen, wie sich jemand fühlt. Diese Fähigkeit unterscheidet sie von mir.
Wobei es korrekter wäre zu sagen, dass ich mich von ihnen unterscheide, nicht sie von mir.
Denn ich bin diejenige, die anders ist. Egal, wie sehr ich versuche, mich anzupassen, ich werde vermutlich nie so sein wie sie. Das einzige, was uns bezüglich unserer Kinder verbindet, ist gleichzeitig das, was mich wiederum von ihnen trennt.

Ich sehe Autismus von der anderen Seite.

Anderssein Teil 4

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 4

Der Alltag stellte immer neue Fragen, aber ich wollte nicht weiter nach Antworten suchen, sondern einfach nur leben – genauso wie die anderen Menschen um mich herum.

Ich hatte den Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen, auch wenn ich spürte, dass ein solches Leben für mich nur schwer zu bewerkstelligen sein würde.
Doch während es anderen gelang, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen und sich zu verabreden, blieb ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – alleine.
Das Thema Beziehungen war und blieb für mich ein Buch mit sieben Siegeln, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht lesen konnte.
Warum das so war, entschloss sich mir nicht, egal, wie sehr ich nach Gründen suchte und mich bemühte, eine plausible Antwort zu finden.

Ich wollte nur ein ganz normaler Mensch sein.
Das gelang mir aber nur, in dem ich eine Rolle spielte und mich permanent anzupassen versuchte. Und ich spielte diese Rolle mit einem Perfektionismus, der nahezu meine ganze Kraft in Anspruch nahm.
Was anderen selbstverständlich war, musste ich mir mühsam zusammen basteln, um weiter funktionieren und meinen Alltag meistern zu können.
Welche Anstrengung sich dahinter verbarg, nahm niemand wahr – nicht einmal ich selber.
Dass im Haushalt vieles liegen blieb, dafür gab es nur eine Erklärung – Faulheit.
Lange Zeit glaubte ich selber, dass ich lediglich zu faul sei. Schließlich schafften meine Mitmenschen den Haushalt ja auch neben ihrer Arbeit und der Freizeit, von der ich offensichtlich zu viel brauchte, wenn ich am Nachmittag nach Hause kam.

Ich sehnte mich nach Ruhe, aber ich stürzte mich ins Leben.
Auf diese Weise konnte ich mich spüren. Denn die ständige Reizüberflutung hinterließ Spuren.
Dass ich alles viel intensiver wahrnehme, war mir damals vor lauter Anpassung und dem Wunsch, einfach nur ein ganz normaler Mensch zu sein, gar nicht bewusst.
Nur mein Körper reagierte entsprechend – mit Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Nackenverspannungen und am Ende sogar mit Allergien, die ich eine Zeit lang hartnäckig ignorierte.

Je älter ich wurde, desto schwerer fiel es mir, mich ständig anpassen zu müssen, um nicht aufzufallen, weil die Anforderungen, die das Leben an mich stellte, größer und komplexer wurden.
Für Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war, entwickelte ich immer neue Vermeidungsstrategien. Mein soziales Umfeld bekam von all dem nichts mit, weil ich meine Fassade weiterhin aufrecht hielt. Dahinter wurde das Leben komplizierter und kostete immer mehr Kraft.
Aber ich kämpfte weiter gegen mein Anderssein, das schon seit der frühesten Kindheit vertuscht worden war.

Nur abends, wenn ich ins Bett ging, ließ es sich nicht mehr verdrängen.
Dann schaukelte ich mich mit einem monotonen Hin – und Her meines Kopfes in den Schlaf, ein Ritual, das ich seit frühester Kindheit brauchte, um sämtliche Reize des vergangenen Tages abschütteln zu können und zur Ruhe zu kommen.
Am schlimmsten waren die Nächte, in denen ich dieses Ritual verdrängen musste, weil ich mein Zimmer mit jemand teilte, wie zum Beispiel im Urlaub mit meiner Freundin.
Dann lag ich oft stundenlang wach und suchte nach einem Weg, die Reize des Tages anders verarbeiten zu können als durch das „Wühlen“ mit dem Kopf, für das ich mich schämte, weil ich wusste, dass dieses Verhalten als nicht „normal“ galt, obwohl es in meinem Leben schon immer alltägliche Normalität gewesen war.

Wer legte überhaupt fest, was normal war und wie ein normales Leben auszusehen hatte?
Bedeutete anders zu sein gleichzeitig auch, nicht normal zu sein?
Lebte man ein Leben jenseits der Norm, wenn man anders war oder war das Anderssein nur eine besondere Form des Normalen?

Anderssein Teil 3

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 3

Nach der Schule begann ein neuer Lebensabschnitt.
Ich hatte mich entschlossen zu studieren. In meiner Vorstellung würde ein Studium ähnlich verlaufen wie der Schulalltag und somit die wenigsten Veränderungen mit sich bringen. Doch mit dem unübersichtlichen Universitätsgelände, den ständig wechselnden Räumlichkeiten und den vielen fremden Menschen um mich herum war ich überfordert. Ein Tag an der Universität war keinesfalls so überschaubar und durchstrukturiert, wie ich es von der Schule her gewohnt war.
Immer häufiger stellte ich mir die Frage, wie es den anderen Studenten und Studentinnen gelang, sich tagtäglich in diesem Chaos zurecht zu finden.
Erst viel später wurde mir klar, dass sie meine Eindrücke und Ängste vermutlich nicht teilten und sich keine Gedanken über die Dinge machten, die mich belasteten.

Am Ende des ersten Semesters stand für mich fest, dass ich das Studium abbrechen und mich für eine Berufsausbildung entscheiden musste, auch, wenn das eine erneute Veränderung in meinem Leben bedeutete. Aber der bevorstehende Eintritt ins Berufsleben machte mir Angst, da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Zu meiner Erleichterung waren die Ausbildungsplätze für das laufende Jahr schon vergeben.
So verbrachte ich ein ganzes Jahr bis zum Beginn meiner Ausbildung zur Verlagskauffrau zuhause in der sicheren Überschaubarkeit meines Elternhauses.
Ich brauchte diese Zeit gleichförmiger Tage, um neue Kraft zu schöpfen und zog mich in mich zurück.
Aber es gab auch Menschen in meinem Umfeld, die behaupteten, ich sei faul und solle arbeiten gehen, anstatt ein Jahr lang auf Kosten meiner Eltern in den Tag hinein zu leben.
Ich lebte nicht in den Tag hinein, sondern versuchte, einen Platz zu finden in einer Welt, die mir in vielen Teilen fremd und beängstigend war.
Oder war nur ich in dieser Welt die Fremde, die – so weit sie sich zurückerinnern konnte – immer anders gewesen war und es vermutlich immer bleiben würde?

Je mehr mir mein Anderssein bewusst wurde, desto intensiver versuchte ich mich anzupassen, normal zu sein, was immer auch das bedeutete.
Über einen gewissen Zeitraum gelang mir das auch sehr gut.
Der Anpassungsmechanismus funktionierte nahezu perfekt. Niemand wusste, wer ich wirklich war – nicht einmal ich selber.

Ich fühlte mich einsam. Nicht, weil ich einen großen Teil des Tages alleine verbrachte oder über keinen großen Freundeskreis verfügte. Ich hatte sogar eine erste Partnerschaft, auch, wenn es nur eine Wochenendbeziehung war. Vielmehr war es dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. immer die Außenstehende in einer Gruppe zu sein. Mit den oft belanglosen Gesprächen, dem Smalltalk, war ich überfordert. Hinzu kam, dass ich dem Gesprächsverlauf nicht folgen konnte, wenn mehrere Menschen gleichzeitig redeten. Dann nahm ich nur noch ein lautes Gemurmel wahr, das mir so anstrengend und unerträglich war, dass ich mich in mich und meine Welt zurückzog und nichts mehr von der Unterhaltung mitbekam.

Selbst in der Partnerschaft war ich einsam.
Das „Wir“, von dem die anderen im Zusammenhang mit ihrem Partner sprachen, empfand ich genauso wenig wie das Gefühl, diesem Menschen besonders nahe zu sein.
Trotzdem hielt ich daran fest, weil ich so sein wollte, wie die anderen. Und dazu gehörte eben eine Beziehung, auch, wenn ich nicht wusste, wie eine solche funktionierte und welche Rolle ich darin spielte.
Doch irgendwann wurde mir das Zusammensein – obwohl es nur am Wochenende stattfand – zu viel. Ich zog mich in mich zurück und ertrug die wenigen gemeinsamen Stunden, ohne dass sie mich berührten. Was ich empfand, war eine große Leere, die mich wie eine Hülle umgab.
Würde das in Zukunft die Form meiner Existenz sein?

Was ich nicht schaffte, vollzog mein damaliger Freund – er trennte sich von mir.
Ich nahm seine Worte einfach hin, ohne etwas zu erwidern.
Erst später, als er fort war, weinte ich, aber nicht aus Liebeskummer, sondern weil ich das Gefühl hatte, wieder einmal versagt zu haben.
Weder war ich fähig eine Beziehung zu führen, noch, sie zum richtigen Zeitpunkt zu beenden. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht trauern konnte um eine beendete Partnerschaft. Ich fühlte einfach nichts. Wie sollte ich auch eine Nähe vermissen, die nie vorhanden gewesen war?

Menschen hautnah – Im Haus der Autisten

In der Reihe „Menschen hautnah“ zeigt der WDR am Donnerstag, den 08.10.3009 von 22.30 Uhr bis 23.15 Uhr den Beitrag „Der seltsame Sohn – Im Haus der Autisten“.

Ein Jahr lang hat der Autor des Beitrages, Wolfram Seeger, junge Menschen mit Autismus im Haus Bucken, einem Heim für autistische Erwachsene in Velbert beobachtet und einen Film gedreht, der den Alltag autistischer Menschen in einer von Eltern gegründeten Einrichtung zeigt.

Der Beitrag wird am Freitag, den 09. Oktober 2009 um 14.15 Uhr wiederholt.
Wer beide Sendungen verpasst hat, kann den Beitrag hier als Podcast anschauen.

Ihr Name ist Sabine

Im Rahmen des 1. Filmfestivals „uebermacht“ in Bergisch-Gladbach, wird
am 01. Oktober 2009 im Viktoria-Kino der Film „Ihr Name ist Sabine“ gezeigt.

Der authentische Film handelt von der autistischen Schwester einer Schauspielerin, die aufgrund ihres Verhaltens in der Psychiatrie landet. Der Aufenthalt dort hinterläßt Spuren bei der jungen Autistin Sabine, die sie und ihr Leben nachhaltig verändern.

Im Anschluss an den Film findet eine Podiumsdiskussion statt.
Diskussionsteilnehmer: Martina Kaiser, Lebenshilfe Bergisch Gladbach (Rösrath) | Claudia Breuer-Piske, Beirat für die Belange für Menschen mit Behinderungen | Oliver Klein, PatchWork e.V.

Ort: Viktoria Kino Center, Hauptstr. 275, 51465 Bergisch-Gladbach
Beginn: 19.30 Uhr
Eintritt: Erwachsene 5 Euro, Schüler 3,50 Euro

Anderssein – Teil 2

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 2

Das Anderssein begleitete mich auch durch die Pubertät.
Ich war ein sogenannter Spätzünder und spielte noch mit Puppen und Legosteinen, als meine Klassenkameradinnen bereits erste sexuelle Erfahrungen gesammelt hatten. Da mich die Jungs und das Verliebtsein noch nicht interessierten, fand ich nur wenige Mitschülerinnen, mit denen ich mich über mein Lieblingsthema, den aktuellen Schulstoff, unterhalten konnte.
Dabei wäre ich so gerne wie die anderen gewesen und hätte zu dem auserwählten Kreis der beliebtesten Mitschülerinnen gehört. Ich versuchte mich anzupassen und ihr Verhalten nachzuahmen, fühlte mich aber in dieser Rolle nicht wohl, weil ich ihr nicht gewachsen war.
Mit fünfzehn hatte ich einen ersten Freund – eine ganze Woche lang! Länger hielt ich es nicht aus, weil ich die ständige Küsserei eklig fand und ich seinen Wunsch nach permanenter Nähe nicht nachvollziehen konnte. Ich fühlte mich bedrängt und machte Schluss, in dem ich ihm seinen Freundschaftsring zurückgab. Mehr war ich nicht imstande zu sagen, weil ich selber nicht verstand, was in mir vorging. Wie hätte ich es ihm erklären können?

Immer häufiger wurde mir bewusst, dass ich anders war und ich begann, nach den Gründen meines Andersseins zu suchen.
Mit siebzehn Jahren las ich - ausgelöst durch mein Interesse im Pädagogikunterricht - zahlreiche Bücher von Siegmund Freud, C.G. Jung und Bruno Bettelheim, in der Hoffnung, dort eine Erklärung für mein Anderssein zu finden. Dabei stieß ich im Zusammenhang mit meinen Jaktationen (dem Kopf Hin-und Her wühlen im Bett, was ich immer noch jeden Abend vor dem Einschlafen mache) zum ersten Mal auf die mir bis dahin fremden Begriffe Hospitalismus und Autismus, laut Bettelheim Folgen emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit, die ein Gefühlstrauma auslösen. Da dies auf mich nicht zutraf, beschäftigte ich mich nicht weiter mit dem Thema Autismus und suchte weiter, immer in der Hoffnung, mich irgendwann einmal in einem Text wieder zu finden.
Gab es überhaupt Menschen, die genauso oder zumindest ähnlich wie ich waren?
Oft fühlte ich mich sehr einsam und unverstanden unter der Menschen, mit denen ich täglich zusammen war.
Vielleicht hatte ich ja wirklich nicht alle Tassen im Schrank, so oft, wie ich den Satz in meinem Leben zu hören bekommen hatte?

In dieser Zeit , kurz vor dem Abitur litt ich häufig unter massiven Ängsten und psychosomatischen Beschwerden wie Magenschmerzen, Schwindel, Herzrasen und Schlaflosigkeit. Als dieser Zustand unerträglich wurde, ging ich zum Arzt und bekam Psychopharmaka verschrieben, die ich aber nach wenigen Tagen absetzte, weil ich Angst vor den im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen hatte. Die Tabletten, die mir meine Eltern gegen die Magenschmerzen gegeben hatten, halfen zumindest, die körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen.
Die massive, innere Anspannung und die zwanghafte Suche nach meiner Identität blieben.

Obwohl ich eine sehr gute Schülerin war und das Wissen seit der Grundschule wie ein Schwamm aufsaugte, hatte ich große Angst davor, mein Abitur nicht zu bestehen.
„Mach dich doch nicht verrückt. Du schaffst das mit links.“  (Wenn, dann würde ich es nur mit links schaffen. Schließlich bin ich ja Linkshänder, dachte ich mir, ohne es jemals auszusprechen, weil ich spürte, dass es etwas ganz anderes bedeuten musste, etwas mit links zu machen.)

Vielleicht war ich das ja bereits – verrückt?
Dass etwas mit mir nicht stimmte und mich von den anderen Menschen unterschied, spürte ich ja bereits seit frühester Kindheit. Aber um nicht aufzufallen, versuchte ich mich anzupassen – so normal zu sein, wie möglich.
Also setzte ich mich hin und versuchte zu lernen, so, wie meine Klassenkameradinnen, aber ich wusste gar nicht, wie man das machte – Lernen. Ich konnte Wesentliches von Unwesentlichem nicht unterscheiden und blieb oft an Details hängen, die zur Erfassung der vor mir liegenden Thematik unerheblich waren. Zum Glück aber blieben mir Texte, die ich einmal gelesen hatte im Gedächtnis, als hätte ich sie auf einer Festplatte abgespeichert, so dass sie jederzeit abrufbar waren, auch, wenn ich deren Inhalt nicht verstand.

Trotz massiver Angst zu versagen, schaffte ich mein Abitur ohne große Anstrengung mit einem Notendurchschnitt von 2,2.
Doch ich verstand nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit mein Umfeld diese Tatsache hinnahm. „Das war doch klar, dass du dein Abitur so gut bestehen würdest.“
Mir war das nicht klar und noch weniger selbstverständlich.
Wieder wurde mir bewusst, wie wenig die Menschen von dem wussten, was wirklich in mir vorging und wer ich wirklich war. Das machte mich traurig.
Würde es je einen Menschen geben, der mich wirklich verstand und nachvollziehen konnte, was in mir vorging?

Anderssein

Gedanken einer Asperger-Autistin über das Erleben, anders zu sein

Teil 1

So weit ich mich zurückerinnern kann, war ich ein Sonderling – irgendwie anders als die anderen. Ein ungelenkes, tolpatschiges Kind mit einem sonderbaren Gang und einer Fehlstellung des linken Auges, die hinter einem dicken Brillenglas noch deutlicher zum Vorschein kam.
Ich spielte lieber alleine in meinem Zimmer als draußen auf der Strasse mit den anderen Kindern, die mich manchmal hänselten oder über mich lachten. In meiner Welt, von deren Existenz niemand außer mir wusste, gab es keine Menschen, die sich über mich lustig machten und mir weh taten. Nur dort fühlte ich mich sicher und geborgen.

Draußen bei den Kindern hatte ich Angst davor, dass sie mir die Brille von der Nase schlagen und die Brillengläser dabei wieder kaputt gehen würden, ich mich beim Nachlaufen oder Versteckspiel blamierte, weil ich nicht geschickt und schnell genug war oder beim Ballspielen wieder als letzte übrig bleiben würde, weil keine Mannschaft mich als Mitspielerin haben wollte.

Ständig wurde ich mit der Tochter der Freundin meiner Mutter verglichen, die – im Gegensatz zu mir – sehr sportlich und gelenkig war.
Ich verstand nicht, warum es im Leben so wichtig sein sollte, Handstandüberschläge und Purzelbäume vorwärts und rückwärts machen zu können. Manchmal fühlte ich mich als Versager, weil ich all das nicht oder zumindest nicht besonders gut konnte und man mich belächelte, wenn ich mühsam versuchte, einen Handstand hin zu bekommen, ohne gleich wieder umzufallen.
Lieber las ich in meinen Büchern, deren Texte ich schnell auswendig vortragen konnte, auch, wenn ich sie nicht immer verstand. Das aber schien niemand als besondere Leistung anzusehen, zumindest wurde es nie hervorgehoben.

Seit meiner Geburt kam ich mit sehr wenig Schlaf aus, verweigerte zum Leidwesen meiner Eltern den Mittagsschlaf und schrie stattdessen viel und lang anhaltend.
Schlafen war für mich immer sehr schwierig, weil ich ständig angespannt und mit vielen Gedanken beschäftigt war, die ich am Abend nicht einfach abstellen konnte.
So schaukelte ich mich mit einem gleichmäßigen Hin und Her des Kopfes in den Schlaf, in dem ich in einem monotonen Sprechgesang permanent „Wühle, wühle, wühle“ wiederholte.
Zusätzlich bereiteten mir Schlafanzüge und Nachthemden Probleme, weil mich ihr Stoff in der Taille störte, sobald er Falten warf. Ich brauchte lange, um den Stoff endlich so zurecht gezogen zu haben, dass er mich nicht mehr störte.
Und dann kamen die Geräusche, die mich vom Schlafen abhielten. Das Ticken einer Uhr, das sich anhörte wie furchtbar laute Hammerschläge oder – was noch viel schlimmer war – das Atmen meiner Schwester, das immer lauter an mein Ohr drang und mir unerträglich war.
Ich weiß nicht, wie oft ich sie in der Nacht geweckt und gebeten habe, mit dem lauten Atmen aufzuhören.

Niemand sprach über meine seltsamen Angewohnheiten (zumindest nicht in meiner Gegenwart), obwohl sie weder meiner Schwester noch meinen Eltern entgangen sein konnten und meine Schwester sicher auch massiv gestört haben müssen.
Trotzdem spürte ich, dass etwas nicht stimmte mit mir und ich anders war als der Rest meiner Familie. Nur sprechen konnte ich darüber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es sich um Dinge handelte, über die man nicht sprach, weil sie sonderbar waren. Es war besser, zu schweigen, damit die Welt in Ordnung blieb und nicht durcheinander geriet.

Auch in der Schule war ich anders.
Lange bevor ich sechs Jahre alt wurde, konnte ich bereits Lesen, Schreiben und Rechnen, so dass ich mich im ersten Schuljahr permanent langweilte. Ich war vorlaut, wurde schnell zum Klassenclown und störte immer wieder den Unterricht. Meine Mutter wurde häufig zu einem Gespräch mit der Klassenlehrerin in die Schule gebeten, was mich sehr traurig machte.
Ich war doch eine hervorragende Schülerin und hatte lauter „Gut“ und „Sehr gut“ auf dem Zeugnis – nur im Betragen nicht. Die Grundrechenarten beherrschte ich bereits perfekt, ebenso die Grammatik und Rechtschreibung. Fehler in einem Text fielen mir sofort auf, weil sie das harmonische Textbild zerstörten und in den Augen weh taten. Das führte zu einem regelrechten Zwang, auf die Fehler hinzuweisen und sie unverzüglich beheben zu müssen, damit die Harmonie wieder hergestellt war. Auf diese Weise erhielt ich schnell den Ruf, eine Streberin zu sein. Beliebt waren aber die Schülerinnen und Schüler, die am schnellsten laufen konnten und
sportlich aktiv waren. Da konnte ich nicht mithalten.

Ich unterhielt mich lieber mit den Erwachsenen, weil ihr Verhalten vorhersehbarer war. Kinder – und speziell die Gleichaltrigen, mit denen ich die Zeit in der Schule verbrachte – waren in ihrem Verhalten unberechenbar.
An einem Tag spielten und sprachen sie mit mir, waren freundlich und nett und am nächsten Tag gingen sie mir aus dem Weg und beachteten mich nicht. Diese Form der sozialen Interaktion war mir fremd und verunsicherte mich. Was ich brauchte, war Kontinuität, etwas, woran ich mich festhalten und orientieren konnte. Aber die ständigen Veränderungen, egal wie klein sie auch waren, machten mir Angst. Da zog ich mich lieber zurück in meine eigene Welt, die mir Sicherheit und Halt gab.